„Der Mensch ist nicht nur seine Tat“, sagt die Gefängnisseelsorgerin im Offenen Vollzug der JVA Euskirchen.
Wie begleitet man Menschen, die schwere Fehler gemacht haben? Für Gondolf ist Gefängnisseelsorge weit mehr als die Begleitung von Schuld und Strafe. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen hört sie Inhaftierten zu, spricht mit ihnen über Krisen und Zukunftspläne und feiert Gottesdienste. „Die Tat ist mir relativ egal“, betonte sie in einem Interview.

Gondolf im Gespräch mit einem Bediensteten an der Schranke zum Offenen Vollzug der JVA Euskirchen.
„Die Tat ist mir relativ egal…“
Die Anliegen der Inhaftierten seien vielfältig und reichten von der praktischen Frage, woher sie Tabak bekämen, bis hin zu religiösen Themen. Häufig gehe es um die Frage, wie das eigene Leben künftig gestaltet werden könne. Zu viel Beschäftigung mit Schuld könne dabei lähmen, findet die Gefängnisseelsorgerin. Entscheidend sei vielmehr, was ein Mensch mit seiner Vergangenheit mache. „Seelsorge ist ja etwas sehr Hörendes“, sagt Gondolf. Sie wolle nicht zuerst wissen, warum jemand straffällig geworden sei, sondern den Menschen mit seiner Geschichte, seinen Beziehungen und Zukunftsträumen sehen.
Berufswunsch seit dem Studium
„Der Mensch ist nicht nur seine Tat, die ihn in den Knast gebracht hat.“ Das bedeute nicht, dass die Verantwortung für eine Straftat keine Rolle spiele. Inhaftierte müssten für ihre Entscheidungen geradestehen. Gleichzeitig gehe es im Justizvollzug darum, ihnen eine Perspektive für die Zeit danach zu ermöglichen. Schon während ihres Theologiestudiums absolvierte Maria Gondolf ein Praktikum in den Justizvollzugsanstalten Wuppertal-Vohwinkel und Remscheid. Danach sei für sie klar gewesen: „Am liebsten möchte ich in den Knast als Seelsorgerin. Das war eigentlich immer schon mein Berufswunsch.“ Nach weiteren beruflichen Stationen stieg sie 2020 in die JVA-Seelsorge ein und arbeitet seit September 2024 in der JVA Euskirchen.
Ohr für die ganze Anstalt
Der Bezug zum Gefängnis reicht bei ihr bis in die Kindheit zurück: Ihre Mutter war Lehrerin in einer JVA, und Gondolf wuchs in Hör- und Sichtweite eines Gefängnisses auf. Sie habe den „Knast“ deshalb schon früh als einen Ort kennengelernt, an dem Menschen auch arbeiten könnten. Gondolf führt regelmäßig Gespräche mit Inhaftierten, ist aber auch für die Beschäftigten der JVA da. Sie gehe deshalb zwischendurch über das Gelände und spreche mit Justizvollzugsbeamten. So bekomme sie mit, wie die Stimmung in der Anstalt sei und wie belastet die Mitarbeitenden seien. „Ich nenne das, ein Ohr in der Anstalt zu haben“, sagt sie. Einmal pro Woche findet in der JVA Euskirchen außerdem ein Gottesdienst statt, abwechselnd evangelisch und katholisch. Der Gottesdienst ist öffentlich und bietet auch Familien eine Möglichkeit zur Begegnung.
Kleine Schritte machen den Unterschied
Besonders schätzt Gondolf, dass sie nie genau weiß, was sie dort erwartet. Mal kämen viele Kinder, mal 20, mal 60 Menschen. Sie spricht deshalb von einer „Wundertüte“. Die Unvorhersehbarkeit helfe ihr, aufmerksam zu bleiben und nicht in Routine zu verfallen. Ob ihre Arbeit etwas bewirke, zeige sich für Gondolf oft in kleinen Momenten. Schon wenn jemand ihr Büro etwas aufrechter verlasse als beim Hereinkommen, sei das für sie ein Erfolg. Besonders berühre sie, wenn Inhaftierte wieder begännen, über ihre Zukunft nachzudenken oder Beziehungen zu Angehörigen neu aufzunehmen. Auch ihren eigenen Glauben erlebt sie dabei als wichtige Kraftquelle. Schwere Situationen könne sie am Ende des Arbeitstages bewusst abgeben – etwa mit einer Kerze oder einem Besuch in der Gefängniskirche. „Ich kann auch nicht jeden Einzelnen hier retten. Das ist auch nicht meine Aufgabe.“ Interview…
Teresa Kammerlander





