parallax background

Staatsminister des Innern Herrmann: „Sie werden unsere Nachbarn sein“

16. Mai 2026

Der Panoramasaal des Congress Centrum in Würzburg füllt sich mit Menschen. Es sind TeilnehmerInnen des 104. Katholikentages. Sie kommen zur Podiumsdiskussion mit dem Titel „Und morgen sind sie wieder unsere Nachbarn“. Der Moderator, Tobias Müller aus Berlin, fragt in der Eröffnung, wer mit Gefängnis in irgendeiner Art schon einmal Kontakt hatte. Einige Handzeichen gibt es dann doch. „Niemand muss sich outen ob als Besucher, Bediensteter oder Inhaftierter“, lacht er.

Frauenanteil sehr gering

Die Beschäftigung mit Gefangenen als Chance für „uns alle“ ist kein leichtes Thema. Zu schnell wird gesellschaftlich die Straffälligkeit und Verurteilung von Tätern als Problem „der Anderen“ angesehen. „Hauptsache hinter Schloss und Riegel“, so dass die Gesellschaft geschützt wird? Bei der nächsten Frage ins Publikum, wer sich härtere Strafen wünschen würde, heben vereinzelt Menschen ihre Hand. „Danke für Ihre Ehrlichkeit“, kommentiert der Moderator. Im Hintergrund werden Fotos von Justizvollzugsanstalten mit Daten aus Deutschland und Würzburg eingeblendet. So hat die JVA Würzburg 120 Plätze für die Untersuchungshaft und 380 Plätze für Männer in Strafhaft. Der Frauenanteil liegt im Erwachsenenvollzug bei kaum 5 % mit 80 Plätzen in der Frankenstadt. Doris Schäfer, Gefängnisseelsorgerin in Würzburg, erzählt in ihrem Impuls von ihrer Arbeit. Die Stimmen von Gefangenen werden vorgelesen. „Ich bin von so vielen Menschen enttäuscht worden, aber Gott hat mich nie enttäuscht“, sagt eine Inhaftierte.

Straftäter als Nachbar

„Was sind Nachbarn?“, fragt der junge Moderator, der Vizepräsident der Weltkoalition gegen die Todesstrafe ist. Ein ehemalige verurteilter Straftäter in der eigenen Nachbarschaft ist schon eine Hausnummer. Wobei es bei einem Menschen, der Steuern hinterzogen hat eher unerheblich sei, als ein Sexualstraftäter, der Kinder missbrauchte. Der Staatsminister des Inneren, Joachim Herrmann MdL ist nicht der Justizminister, ist aber für die Sicherheit und Ordnung in Bayern zuständig. „79 % der Menschen sind in Bayern zufrieden mit der Sicherheit. Es geht darum, dass Menschen resozialisiert werden, dass sie wieder unsere Nachbarn sein können“, sagt Herrmann in seinem Statement. Es geht um eine Differenzierung der Straftaten. Es gibt eben emotionale Reaktionen bei den Menschen. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen und schauen, dass Täter wieder gut unterkommen“, führt der Innenminister aus. Den Menschen hinter den Inhaftierten sehen, meint Nadja Fidler, Geschäftsführerin der Christophorus-Gesellschaft in Würzburg. Sie ist in der Schuldnerberatung tätig. Es sei Teil einer umfassenden Resozialisierung mit vielen Facetten. „Die Kürzung im Sozialbereich macht mir sehr große Sorgen, weil es wieder die Menschen trifft, die je schon betroffen sind“, mahnt Fidler. Ein stabiles Umfeld ist wichtig, was die meisten Inhaftierten im Vorfeld der Haft nicht hatten. Es wird viel Zeit und Geld in die Täter gesteckt. Dies sei aber ebenso Opferarbeit. „Ich würde mir wünschen, dass die Bedingungen für die Gefangenen und Bediensteten in der JVA besser werden. Oft ist kein Aufschluss in der JVA möglich, weil es zu wenig Personal gibt“, sagt die erfahrene Sozialarbeiterin.

Prüfstein der Gesellschaft

Paul Reder ist seit 2024 Weihbischof im Bistum Würzburg. Gerade Menschen, die „lästig“ erscheinen sind Prüfsteine der Gesellschaft und der Kirche, sagte Reder in seiner Predigt zur Bischofsweihe. Er kommt öfters in die JVA Würzburg für die Feier von Gottesdiensten. „In den Gemeinden kommt man in Kontakt mit Angehörigen und erfährt eher beiläufig, dass der Vater inhaftiert ist. „Wir begegnen uns nur im Konkreten, daher möchte ich Kontakt zu inhaftierten Menschen haben. Ich bin froh, dass Inhaftierte hier mit ihrer Sicht zu Wort kommen. Wir wollen nicht über sie reden, sondern mit ihnen“, sagt Reder. Die Aussage wird mit Applaus des Publikums belohnt. „Zum Spielen ins Gefängnis gehen“, das macht Antonia Oberst von der Initiative IniZelle der Katholische Hochschulgemeinde Würzburg. Auf Augenhöhe beim Spieleabend mit gefangenen Menschen gehen ist ihr Motiv in die JVA mit anderen Studierenden gehen. „Wir sind interessiert an ihrer Meinung und ihrer Geschichte. Ich profitiere ebenso von den Begegnungen und lerne da genauso für mein Leben“, erzählt die als Psychologin tätige Frau. Die Initiative Zelle ist ein Arbeitskreis der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg, der seit 1989 Häftlinge in der JVA Würzburg betreut. Welcher Würzburger Hochschule man angehört ist dabei genauso unerheblich wie die belegte Fachrichtung, Nationalität oder religiöse Orientierung.

Tobias Müller als Moderator ist Vizepräsident der Weltkoalition gegen die Todesstrafe.

Die Gefängnisseelsorgerin Doris Schäfer macht den Auftakt zur Podiumsdiskussion.

Antonia Oberst von der Initiative IniZelle der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg.

Der bayerische Staatsminister des Inneren, Joachim Herrmann MdL (CSU) ist Mitglied im ZdK..

Nadja Fidler, Geschäftsführerin der Christophorus-Gesellschaft und Weihbischof Paul Reder.


Fazit

Fragen aus dem Publikum werden auf Zettel gesammelt. Leider hat die knappe Zeit der eineinhalb stündigen Podiumsdiskussion nur noch zwei Fragen zulassen können. Da kommt die Frage an die als Frau gelesene Antonia Oberst, ob sie keine Angst hätte, bei den Männern im Knast. Sie antwortet: „Wir versuchen keine Fragen zu stellen, die provozieren könnten. Ich habe keine Angst, weil wir wissen, dass da Bedienstete sind, die eingreifen können. Der Kontakt zu Frauen ist auch Teil der Resozialisierung. Es ist die Frage, wie ich in Kontakt gehe. Dazu können wir ein Erfahrungshorizont anbieten“, meint die ehrenamtliche Mitarbeiterin. „Insgesamt war die Diskussion zu zahm“, meint eine ältere Frau am Ende der Diskussion. „Es wurde Dank gesagt für das Engagement und die Bediensteten an die JVA, das ist wichtig. Doch dass die Gemeinden so offen seien für Haftentlassene, kann ich nicht bestätigen. Die haben mit sich zu uns und wollen retten, was zu retten ist, dass die kirchliche Arbeit überhaupt weiter bestehen kann“, meint sie kritisch. Dass am Ende die Auseinandersetzung mit allen Beteiligten interdiziplinär weitergehen kann, wird eingeladen sich online zu vernetzen. Dazu wurde ein QR-Code zur Anmeldung weitergegeben. Denn „morgen werden ehemalige Inhaftierte wieder unsere Nachbarn sein“ und das ist gut so, meint der Würzburger Weihbischof.

Michael King

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert