In der griechischen Dichtung „Homers Odyssee“ wird von Teiresias erzählt, einem blinden Seher. Er lebte in der Unterwelt, wo Odysseus ihn aufsuchte, um sich Rat zu holen für den weiteren Weg. Teiresias ist in der griechischen Mythologie eine Gestalt der Weisheit, sowohl Mann wie Frau, eine transfluide Person, die Leben auf der Erde und in der Unterwelt kennt und Göttliches wie Menschliches in sich vereint. Teresias war blind und konnte doch sehen – blind für alles Oberflächliche und Angebliche, aber sehend für alles tiefere Erkennen.
Von einem Blinden, der sehen kann, erzählt uns das Johannes-Evangelium. Er war seit seiner Geburt blind, heißt es, doch konnte er überraschend sehen, nachdem Jesus ihm mit Speichel über die Augen gestrichen, und er sich im Teich Schilóach gewaschen hatte. Was nach Wunderheilung oder gar Zauberei klingt, ist die Wandlung, die in der Begegnung mit Jesus geschah und immer wieder geschieht.
Strafe Gottes?
Da wird ein Mensch befreit von dem, was ihn bisher in religiöser und gesellschaftlicher Sicht ausgrenzte. Denn es galt: wenn ein Mensch krank oder in irgendeiner Weise beeinträchtigt war, konnte dies nur die Strafe Gottes für irgendwelche Sünden sein. Dann bist du selbst schuld, weil du sündig geworden bist. Noch heute gibt es Menschen, die unter solch ausgrenzenden Sichtweisen leiden. Manchmal höre ich in der Klinik PatientInnen sagen: Was habe ich bloß falsch gemacht, dass ich so bestraft bin? Aus dem Gott der Liebe wird ein arglistig strafender Richtergott. Die dadurch gewachsene Angst und Scham wirken sich dann noch verstärkend unheilvoll aus. Mit solchem Unglauben und der damit verbundenen Ausgrenzung wollte Jesus ein für alle Mal aufräumen und begegnete Menschen in einer Weise, dass sie Ansehen gewannen – so wie es bei dem Blinden geschah, der sehen kann.
Einmal blind, immer blind
Im Evangelium steht die Blindheit für das nicht sehen wollen, während das Sehen eigentliches Erkennen meint. In diesem Sinne wimmelt es in den biblischen Geschichten von Blinden. Hier ist es zunächst der Blinde selbst, der sich zeitlebens eingerichtet hat im Blindsein. Er hat den ihm zugewiesenen Platz am Rande der Gesellschaft eingenommen, hat auf sich genommen die Verurteilung als Sünder nach dem Motto: es müsse wohl so sein, Gott selbst hat es ja gefügt. Deshalb kam er gar nicht auf die Idee, Jesus um Heilung zu bitten. Das geschieht, wenn Menschen sich in ein ihnen verordnetes Schicksal fügen und den Glauben an Gott mit Erniedrigung und Demütigung verwechseln. Jesus konnte dies Menschen ansehen und es rührte sein tiefes Mitgefühl – so begegnete er dem Blinden. Da gingen ihm die Augen auf, er erkannte seine Würde, seine Kostbarkeit. Jetzt konnte er sich wie neu auf den Weg machen, befreit von Verdrängung und Ausgrenzung. Irgendwie hat dieser Mensch in der Begegnung mit Jesus zu spüren bekommen, was auch die Berufung von Jesus selbst ausmachte: „Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, an dir habe ich Gefallen gefunden“ – so klingt Gottes Stimme im Menschen. Jesus hat weitergegeben, was er selbst erfahren hatte. Die anderen Blinden in dieser Geschichte des Johannesevangeliums aber wurden nicht sehend.
Blind für die Wirklichkeit
Die Nachbarn und Angehörigen wollten ihr festgefügtes Bild von dem Blinden nicht loslassen nach dem Motto: einmal blind, immer blind. Manchmal ergeht es uns so, wenn unsere Meinungen und Vorurteile festgeworden sind im Kopf, dann sind wir blind für die Wirklichkeit des Lebens. Aber auch die Pharisäer waren blind. Sie verurteilten Jesu Wirken in der Begegnung mit dem Blinden als verbotene Arbeit am Sabbath und konnten nicht sehen, dass da gerade ein Mensch heil wurde. Ihr Festhalten an Gesetzeskontrolle versperrte ihnen die Sicht auf den Menschen. In Religionen und politischen Systemen, aber auch in uns selbst ist diese Blindheit durch festgewordene Meinungen und Vorurteile und im gegenseitigen Be- und Verurteilen oft anzutreffen. Wo es uns aber gelingt, einander und uns selbst wie neu anzuschauen, wertschätzend und würdigend, da werden wir sehend und erkennen: wir sind allesamt einfach nur Menschen, um menschlich miteinander umzugehen.
Christoph Kunz | Johannes 9, 1-41





