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Mustergefängnis im Namen Gottes? Schutz vor spirituellen Mißbrauch

9. Februar 2026

Das Eastern State Penitentiary galt als Meisterwerk des modernen Gefängnissystems. Auch Gangsterboss Al Capone saß hier ein. Gegründet wurde das legendäre Zuchthaus von Quäkern, die aus religiösen Gründen die Isolationshaft einführten. Die Ostküstenmetropole Philadelphia gilt als Wiege der Vereinigten Staaten. Die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung wurden hier unterzeichnet. Und hier stand eines der legendärsten Gefängnisse weltweit: Das Eastern State Penitentiary.

Es waren von der Aufklärung inspirierte Quäker, die das Zuchthaus bauen ließen. Doch das Bild vom religiös-aufgeklärten Strafvollzug verblasste schnell. Die Inhaftierten lebten in fast völliger Isolation, ihre einzige Lektüre: die Bibel. Ein „Hochsicherheitsknast“, einst gefürchtet von den Häftlingen, heute eines der meistbesuchten Museen in Philadelphia.

Ein Podcast von Michael Marek. WDR Lebenszeichen | 26:14 Minuten

Geschichtlicher Hintergrund

Bereits 1787 stellte eine Gruppe bekannter Bürger Philadelphias, darunter Benjamin Franklin, erste Überlegungen zum Bau des Gefängnisses an. Konkrete Planungen begannen aber erst 1821. Realisiert wurde der Bau vom englischen Architekten John Haviland von 1822 bis 1829. Am 23. Oktober 1829 nahm die Strafanstalt ihren Betrieb auf. Um schon von weitem eine abschreckende Wirkung zu erzielen, ist das Gebäude äußerlich einer mittelalterlichen Burg nachempfunden. Zur leichteren Überwachung waren seine zweistöckigen Zellentrakte strahlenförmig um einen Zentralbau angeordnet. Das Gefängnis wurde nach seinerzeit reformerischen Grundansätzen konstruiert. Deren oberstes Prinzip war es, die Gefangenen von der Außenwelt und voneinander durch Einzelhaft zu isolieren.

Daher verfügt jede Zelle über einen ebenfalls durch Mauern abgetrennten Außenbereich. Den Häftlingen war es nicht gestattet, zu arbeiten oder Besuch zu empfangen, außer durch einen Anstaltsseelsorger. Die Isolationshaft war umstritten: Alexis de Tocqueville, der das Eastern State Penitentiary 1831 besuchte, äußerte sich positiv über die erzieherische Wirkung der Anstalt. Charles Dickens, der das Gefängnis 1842 besuchte, verurteilte das Modell scharf. Im Laufe seiner 141-jährigen Geschichte als Gefängnis wurde das Gebäude mehrmals umgebaut. Das heutige Museum dokumentiert den Zustand von Zellen aus jeder der unterschiedlichen Phasen. So manche deutsche Justizvollzugsanstalt folgte zumindest baulich diesen Überlegungen von damals.


Kapelle der JVA Willich-Anrath. Foto: Michael Englert

Heute

Standards zum Schutz vor geistlichem und spirituellem Missbrauch

Die Förderung spiritueller Selbstbestimmtheit ist zentraler Bestandteil in der Begleitung von Menschen im Zwangskontext einer Inhaftierung durch die Gefängnisseelsorge. Ein Versuch einer Selbtsverpflichtung formuliert Standards, die sich auf das Handeln der evangelischen und katholischen Gefängnisseelsorge sowie deren ehrenamtlichen MitarbeiterInnen bezieht. Sie wird im Jugendvollzug der JVA Herford heute nach Vorlage der Katholischen Hochschulen angewandt. In manchen Bewegungen mischen sich Religion, Macht und Kontrolle auf eine Weise, die Angst, Scham und Einschränkung erzeugt. Die Übersicht zeigt zentrale Muster, Warnsignale und Mechanismen – von subtilen Dynamiken bis zu offener Kontrolle – um aufzuzeigen, wann Glaube eher einengt als befreit. Auf persönlicher Ebene kann das als positiv wahrgenommen werden: Menschen finden Halt, Orientierung und Gemeinschaft. Spiritualität, Gebet und Zusammenhalt werden gefördert – und das verdient Respekt.

Die Selbstverpflichtungserklärung formuliert grundlegende Risikofaktoren, Risikogruppen und kritische Situationen. Dabei liegt der Schwerpunkt darauf, Sensibilität bei BegleiterInnen zu schaffen und Betroffene in ihren individuellen Empfindungen und Bedürfnissen ernst zu nehmen. Diese Erklärung stellt einen ersten Schritt dar, um aufmerksamer und achtsamer im Begleitungsprozess im Zwangskontextes eines Gefängnisses zu handeln. Sie kann jedoch keinen umfassenden Schutz gewährleisten, sondern dient als Grundlage für einen kontinuierlichen Lernprozess und eine fortlaufende Auseinandersetzung mit den genannten Herausforderungen. Im Sinne einer Selbstüberprüfung weisen wir auf Kriterien für die Begleitung hin und beleuchten missbräuchliche bzw. hilfreiche Haltungen im Kontext von Begleitsituationen. Die jeweils gültige Ordnung der Deutschen Bischofskonferenz und den Landeskirchen für den Umgang mit sexualisierter Gewalt sowie die Präventionsordnung des zuständigen Bistums und der evangelischen Landeskirche einschließlich der dort vorgeschriebenen Fortbildungen und Präventionsschulungen sind zu beachten. Selbstverpflichtungserklärung…

 

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