parallax background

Versuchung ist groß, Menschen aufzuteilen in würdig und unwürdig

11. Januar 2026

Sakramente sind besonders. Sie bezeichnen eine menschliche Wirklichkeit, die göttlich durchwirkt. Ob es das Hinabtauchen und wieder aufleben aus dem Wasser der Taufe als Zeichen geliebten Angenommenseins ist, die leibhaftige Gegenwart Jesu im Teilen des Brotes, das einander Zusagen von Liebe und Treue in guten wie in schlechten Tagen oder die Salbung mit kostbarem Öl zur Bestätigung der Würde im Menschsein.

Litfaßsäule am winterlichen Weg in Oberammergau. Was bleibt übrig, wenn alle Reklame und was sonst noch unsere Vorstellungen und Werbungen sind abgerissen sind und nur der Mensch bleibt? Foto: Christoph Kunz

Ein Sakrament offenbart jene bedingungslose Zusage Gottes, die in Jesus erfahrbar wurde und bei seiner Taufe durch Johannes am Jordan erfüllt wurde mit den Worten: du Mensch bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Weil diese Zusage in der Taufe so grundlegend ist, weil sie den Weg öffnet für alles andere, ist sie so besonders. Dabei lässt sich das, was in und durch die Taufe geschieht, nicht nur in einzelnen abgezählten Sakramenten definieren, als wenn damit alles gesagt und getan wäre.

Priesterliche Würde aller

Wie schon Leonardo Boff geschrieben hatte, kann sogar der liegengebliebene Zigarettenstummel eines geliebten Menschen zum Sakrament werden. Denn Gottes liebende Zusage ist maßlos und lässt sich nicht eingrenzen auf eine bestimmte Anzahl von möglichen Vorkommnissen und auch nicht auf einen nur eingegrenzten Kreis von Teilhabenden. Und genau diese Weite und Vielfalt feiert die Kirche mit dem Fest der Taufe Jesu. Christus „hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott“, heißt es in der Offenbarung der Bibel. Und im ersten Petrusbrief wird den Christinnen und Christen in der Diaspora Mut zugesprochen, indem ihnen ihre Würde vor Augen gehalten wird: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft“. Diese priesterliche Würde aller bezeichnet das Sakrament der Taufe. So leben heißt einander und sich selbst in der Zumutung begegnen, Gott selbst habe dieses so liebende und leidende, so verletzte und so leidenschaftliche Herz bereits ein für alle Mal durchatmet. Maria, die Mutter Jesu, hatte dies schon in der Schwangerschaft zu spüren bekommen: Groß sein lässt Gott meine Seele, rief sie begeistert, selig bin ich gepriesen, die Mächtigen stürzen vom Thron, die Niedrigen werden erhöht.

In gegenseitiger Wertschätzung

Wie groß die Zumutung im Geschehen der Taufe ist, lässt sich daran ermessen, wie schwer es der Kirche auf ihrem langen Weg immer noch fällt, durch die Taufe als Priesterinnen und Priester gewürdigte Menschen auch entsprechend anzuerkennen. Wo es um Herrschaft und Kontrolle geht, ist die Versuchung groß, Menschen aufzuteilen in würdig und unwürdig. So braucht es unsere immer neue Erinnerung an die gemeinsame Taufe: alle sind einmal in das Wasser getaucht wie Jesus, um dann aufzustehen als eine Geliebte, ein Geliebter Gottes. Dass eine Frau keine Priesterin sei, ist vor Gott genauso ein Unsinn, wie dass zwei Männer oder zwei Frauen nicht genauso heilig miteinander verbunden wären in ihrer Ehe wie verschieden geschlechtliche Paare.

Doch die Zumutung besteht nur, so lange Herrschaft und Kontrolle gelten. Überall aber, wo Menschen in ihrer Vielfalt selbstverständlich gelten lassen, was von Gott her zugesagt ist, wird unmittelbar spürbar, was es heißt, priesterlich zu sein. Im Matthäusevangelium sagt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern, dass sie losziehen sollen in alle Welt, um die Menschen zu taufen. Meist wird das gelesen als einen Auftrag Jesu zur Missionierung, von seiner eigenen Tauferfahrung herkommend aber ist es vor allem die Weisung, einander auf den vielfältigen Wegen dieser Welt in gegenseitiger Würdigung und Wertschätzung priesterlich zu begegnen. Dann kann jenes Aufatmen durch unsere Herzen gehen, das uns loslassen lässt von Angst und Unterdrückung, dann gilt nicht mehr, dass einer sich über die andere erhebt, dann kann vorkommen, was bisher nicht sein durfte – wonach Gott selbst sich schon von Anfang an gesehnt hat: einander Mensch zu sein.

Christoph Kunz | Matthäus 3, 13-17

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert