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Gefängnisseelsorge in der Ukraine trotz Krieg

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Constantin Pantelej, ukrainisch-griechisch katholischer Priester aus Kiew, ist sehr dankbar für die herzliche Einladung zur Studientagung der Gefängnisseelsorge in Herzogenrath bei Aachen. Er bericht von seiner Arbeit als Gefängnisseelsorger im Land und dem Krieg in der Ukraine. In der Untersuchungshaftanstalt der Hauptstadt Kiew ist er tätig. Dieses Gefängnis hat bis zu dreitausend Inhaftierte, darunter Frauen, Minderjährige und lebenslange Verurteilte. Ohne Verbitterung und voller Lebendigkeit berichtet er.

Im Laufe des Jahres besuchte ich viele Gefängnisse in der Ukraine. Meine ukrainisch-griechiche katholische Kirche wurde gegründet, als die Idee „Moskau – das dritte Rom“ zur Grundlage des messianischen Weltbildkonzepts der Staatsgründung Moskaus genommen wurde. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) unter den Schlägen des Osmanischen Reiches, fand in der Byzantinischen Metropole Kiew ein Prozess statt, der zur Vereinigung orthodoxer Diözesen führte, zuerst in der Florentiner und anschließend in der Brester Union mit dem Römisch Heiligen Apostolischen Stuhl. Meine Kirche wurde viele Male verboten und ihre Bischöfe, Priester und Gläubigen waren selbst Gefangene. Daher ist die Spiritualität unserer Kirche eng mit der Gefangenenseelsorge verbunden.

Die St. Nikolaus Pfarrkirche, in der ich als Pastor tätig bin, befindet sich am Grab von König Askold dem Täufer der alten Russisch geprägten Ukraine. Ich bin verheiratet und in unsere Familie sind 6 Kinder geboren. Ich bin verantwortlich für die Koordination der Gefängnisseelsorge meiner Kirche. Im Auftrag der ukrainischen Bischofssynode ist Seine Exzellenz Bischof Michael verantwortlich. Zurzeit kümmern sich 23 Priester und 1eine Ordensschwester um die Gefängnise. Vor dem Krieg wurden wir von etwa 180 ständigen und 1.000 gelegentlichen Freiwilligen unterstützt. Der Sonntag mit der Bibelstelle des verlorenen Sohnes, zwei Wochen vor dem Osterfasten, ist der Tag der Seelsorge für Gefangene.

Reiner Spiegel (rechts) von der JVA Düsseldorf und der ukrainisch-griechisch katholischer Priester Constantin Pantelej.

Seelsorge und Strafverfolgung

Es gibt 182 Gefängnisse im Staatlichen Strafvollzugsdienst der Ukraine. Als Erbe der Sowjetzeit verfügen die Gebiete Donezk und Lugansk zusammen 36 Gefängnisanlagen. Seit 2012 ist die Gefängnisbevölkerung von 154.000 auf 79.750 vor der russischen Militärintervention 2014 in der Ukraine gesunken. Zur Seelsorge für Gefangene in der Ukraine wurden ein besonderes Gesetz und bestimmte Vorschriften erlassen. Allerdings gibt es in der Ukraine noch immer keinen Vollzeitpastor. Die Seelsorger in der Ukraine sind machtlos, sie haben keine Schlüssel. Sie werden immer von Gefängnisbeamten zum Treffpunkt mit den Gefangenen begleitet. Ich bin der Sekretär des Seelsorgerats des Justizministeriums der Ukraine. Der Seelsorgerat besteht aus 10 Vertretern. Darunter 8 christliche Konfessionen sowie Muslime und Juden.

Besetzte Gebiete und Krieg

Alle Vertreter der Kirchen und Religionen besuchen die Gefangenen regelmäßig nach einem speziellen Zeitplan ein- bis dreimal pro Woche für mehrere Stunden. Es gibt nur eine Ausnahme, die im Jahr des Covid-Lockdowns stattfand. Einer unserer Priester ist für die Position des Psychologen angenommen worden. Man hat ihm die pastoralen Aufgaben aber nicht verweigert. Während der russischen Militärintervention 2014 in der Ukraine wurden 200 Sträflfällige aus Donbass-Gefängnissen von pro-russischen Militanten bewaffnet. Andere Gefangene wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. Infolge der Militärintervention Moskaus in der Ukraine im Jahr 2014 befanden sich 29 Anstalten in den besetzten Gebieten der Gebiete Donezk und Luhansk. Weitere 5 Strafvollzugsanstalten befinden sich auf dem Territorium der annektierten Krim. Etwa 21.000 Menschen befanden sich damals in den von Russland besetzten und von prorussischen Terrorformationen besetzten Gebieten in Gefängnissen und Kolonien. Am 1. Februar 2022 befanden sich 148 Anstalten unter der Kontrolle des staatlichen Kriminalvollzugsdienstes der Ukraine. 39 Gefängnisse wurden geschlossen.

Hinrichtungen und Folter

Nach dem Beginn der umfassenden Invasion Moskaus am 24. Februar 2022 befanden sich im besetzten Gebiet 10 Justizvollzugsanstalten zusammen mit mehr als 3.000 Gefangenen. Infolge des Krieges wurden Dutzende von Gefängnispastoren und Freiwilligen hingerichtet und gefoltert. Eigentum und Rehabilitationszentren für Gefangene nach der Entlassung wurden beschlagnahmt. Einige der Gefangenen wurden erschossen. Im Jahr 2018, als der Krieg 4 Jahre andauerte, wurde ein Regulierungsgesetz erlassen, dass die Frage der Evakuierung und Sicherheit von JVA´en und den darin festgehaltenen Personen regelte. 33 Gefängnisse befanden sich im Kriegsgebiet. Gefangene aus 11 Gefängnissen wurden evakuiert. Am 1. September 2022 sind 85 Anstalten im Verwaltungsbereich des staatlichen Kriminaldienstes der Ukraine tätig. 47.464 sind in Justizvollzugsanstalten und Untersuchungshaftanstalten inhaftiert. Sträffällige in den besetzten Gebieten genießen nicht den Schutz der Gefängnisnormen. Sie haben keinen Zugang zu Seelsorge. Lediglich humanitäre oder finanzielle Unterstützung der Gefangenen wurde möglich, wovon die Hälfte in die Taschen der Besatzer fließt.

Wut und Hass

Zwei Wochen vor den groß angelegten Feindseligkeiten wurden in den Gefängnissen der Ukraine erneut Besuchsbeschränkungen aufgrund von Covid eingeführt. Im ersten Monat waren diese Besuche unregelmäßig. Und überraschenderweise waren Pastoren während des Beschusses in Charkiw erlaubt, aber nicht in anderen geschützten Städten. Angst, Hilflosigkeit, Sorge um geliebte Menschen, Wut und Hass sind die Hauptprobleme, mit denen Pastoren in Gefängnissen und in der Freiheit konfrontiert sind. Zahlreiche Häftlinge, die während der Evakuierung in den Westen und Norden der Ukraine verlegt wurden, waren ohne persönliche Habe. Und das war das Hauptanliegen der Seelsorger.

Verneige mich in Dankbarkeit

Die Zahl der russischen Kriegsgefangenen wird nicht bekannt gegeben. Sie werden in einem separaten Lager untergebracht, mit Ausnahme derjenigen, die für den Gefangenenaustausch vorbereitet werden. Sie erhalten Militärrationen und werden gemäß der Genfer Konvention versorgt. Einer unserer Priester besucht regelmäßig das Kriegsgefangenenlager und dient für sie. Er trifft sich mit Gefangenen einzeln und in Gruppen. Ich stehe in direktem Kontakt mit ihm. Ich verneige mich in Dankbarkeit vor den deutschen Völkern und Kirchengemeinden, die Kriegsflüchtlinge aufgenommen haben.Vor dem Eintritt ins Priesterseminar habe ich Segelsport getrieben. Von Beruf war ich Segeltrainer. Vor einem Jahr wurde ich als Trainer und Sportseelsorger in den Yachtclub eingeladen, wo ich früher mit Kindern gearbeitet habe. Teilweise bin ich mit jungen Seglern beschäftigt. Einige meiner Schüler stammen aus Familien von Binnenvertriebenen.

Constantin Pantelej

 

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