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In deutschen Gefängnissen sitzen immer mehr Rentner ein. Grund genug für die JVA Bielefeld-Senne, eine altersgerechte „Seniorenabteilung“ zu schaffen. Redakteurin Ulla Arens hat mit Häftlingen gesprochen. Nach Feierabend, wenn die Arbeit getan ist, spielt er mit anderen Häftlingen Backgammon. Oder aber er malt in der „Colorier- und Gestaltgruppe“ Bilder aus, wie zuletzt einen großen Elefanten. Über 20 Stunden braucht Peter, der seinen ganzen Namen nicht nennen will, für die filigranen Zeichnungen. Der große, kräftige Mann kann dabei innerlich entspannen. Es ist ruhig, ja friedlich in der „Lebensälterenabteilung“ der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne, wie es im Amtsdeutsch nüchtern heißt.

„Junge Männer müssen zeigen, was sie alles draufhaben“, sagt Peter. „Die Alten nicht.“ Kein Lärm auf den langen breiten Fluren, von denen die Ein- und Zweibetthafträume abgehen. In dem kleinen, verglasten Aufenthaltsraum läuft leise eine Sitcom im Fernsehen, gelegentlich schlurft ein Mann über den Flur. Wer nicht mehr ganz sicher auf den Beinen ist, kann sich am Handlauf festhalten, der an beiden Seiten angebracht ist. Auch sonst ist die Ausstattung altersgerecht: Die Betten sind erhöht, die Toilettensitze ebenfalls, die Duschen haben einen Handgriff, ein Fahrstuhl führt auf die jeweiligen Etagen. Auch ein Arzt ist vor Ort.

 

Kerstin Höltkemeyer-Schwick ist die Leiterin der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne. Die JVA gliedert sich in die drei großen Bereiche Hafthaus Senne, Hafthaus Ummeln und 16 Außenstellen in einem Umkreis von 60 km. Es ist ein Offener Vollzug. Zur Hauptstelle gehört eine Seniorenabteilung dazu. Sie ist mit 87 Plätzen auf die ältere Klientel zugeschnitten. Die Juristin weiß, dass der Bedarf an altengerechten Haftplätzen in den nächsten Jahren steigen wird.

Anfang des 20. Jahrhunderts mangelte es an brauchbaren Ackerflächen und Arbeitskräften um die Versorgung der Bevölkerung im Bereich der oberen Ems zu gewährleisten. Landwirtschaftliche Betriebe organisierten sich zu Genossenschaften und schlossen Verträge mit der preußischen Justizverwaltung, um Ödland von Gefangenen kultivieren zu lassen. Nach Ende des zweiten Weltkriegs hatte die Anstalt über 30 Außenstellen.

Einsam in der Zelle

Noch sind Senioren eine kleine Minderheit im Strafvollzug, doch mit dem demografischen Wandel wird sich das ändern und der Bedarf an Gefängnissen wie diesem steigt. 87 Häftlinge leben in der früheren Lungenklinik auf drei Stockwerken im offenen Vollzug. Damit ist die Haftanstalt Bielefeld-Senne das größte Seniorengefängnis in Deutschland. 60 Jahre und älter sind die Männer in der Regel, wenn sie aufgenommen werden. Der Älteste in Senne ist jetzt 84.

„Die Gefangenen kommen aus allen Gesellschaftsschichten, hier gibt es den Akademiker genauso wie den Arbeiter“, sagt JVA-Leiterin Kerstin Höltkemeyer-Schwick. „Auch alle Straftaten sind vertreten – vom Erschleichen von Leistungen bis hin zu Mord.“ Da ist der Banker, der Kunden um ihr Geld brachte, und der Witwer, der sich und seine demente Frau umbringen wollte und doch am Leben blieb; da sind die Rückfalltäter, die es nicht lassen können, und die Ersttäter, die erst im hohen Alter mit dem Gesetz in Konflikt kamen; und da sind die Strafgefangenen, die vielleicht nie mehr das Gefängnis verlassen.

Ältere Häftlinge, so Höltkemeyer-Schwick, stellen andere, höhere Anforderungen an das Personal. „Sie brauchen mehr Betreuung, mehr Ansprache, viele sind einsam, manche zeigen erste Anzeichen von Demenz.“ Man weiß, dass Alterungsprozesse im Gefängnis schneller voranschreiten. Pflegefälle haben im Seniorengefängnis allerdings keinen Platz, die dafür nötige Betreuung kann man hier nicht leisten. „Dann müssten die Betroffenen auf eine spezielle Pflegeabteilung in einem anderen Gefängnis wechseln“, so Höltkemeyer-Schwick. Mit nur 54 Jahren ist Peter eigentlich zu jung für die Seniorenabteilung. Doch er sei schwerbehindert, „so gut wie verrentet.“ Er leidet an Diabetes, ein Stent wurde ihm bereits eingesetzt, seit einem Motorradunfall in der Jugend kann er den rechten Arm nicht mehr bewegen. Dreieinhalb Jahre Haft bekam er, weil er, wie er sich ausdrückt, „Dinge transportierte, die man nicht transportieren darf“. Die Rede ist von Drogen. Es ist nicht das erste Mal, dass er einsitzt: Das frühere Mitglied eines berüchtigten Motorradclubs wurde schon mal für zwei Jahre wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt.

Wie lebt man ein Leben, das Freiheit, Familie und Freunde vorübergehend ausschließt? Das einen zwingt, mit Menschen zusammenzuleben, mit denen man sonst nichts zu tun haben möchte? Peter hat für sich eine Antwort darauf gefunden. „Ich muss die Konsequenzen für mein Handeln tragen“, sagt er. „Aber die Jahre im Gefängnis sind nicht automatisch vertane Zeit. Es kommt darauf an, was man daraus macht.“ Er will die Zeit gut rumkriegen und etwas für sein „Karmakonto“ tun. Deshalb engagiert er sich in der Suchtberatung, erzählt Schulklassen von seiner Heroin- und Kokainsucht, die er längst überwunden hat. „Damit will ich andere daran hindern, meinen Weg zu gehen.“

Norbert teilt sich die Zelle mit einem Gefangenen, der über 80 Jahre alt und leicht dement ist. Das macht die Situation manchmal anstrengend.

Kein Plan danach

Tagsüber arbeitet Peter in der Gefängnisdruckerei, verteilt Büromaterialien, verpackt, verschickt, laminiert. Wegen seiner Behinderung müsste er das nicht tun, aber er will es so. „Dann vergeht der Tag schneller, und ich verdiene mir etwas Geld dazu.“ 20 Stunden Ausgang hat er pro Woche, wie die anderen Häftlinge kann er unbegrenzt telefonieren. Er weiß zu schätzen, dass er auf dieser Station gelandet ist, dass er hier keinen Stress hat und ein Zimmer, von dem er selbst sagt, es sehe aus wie in einer Jugendherberge: hell mit holzvertäfelter Wand, dazu ein Fernseher, eine Stereoanlage.

Wenn er Glück hat, kommt er dieses Jahr schon raus, wiederkommen will er auf keinen Fall. Draußen warten auf ihn Ehefrau, Stieftochter und sein Hund. Und da ist noch die demenzkranke Mutter, um die er sich sorgt und um die er sich kümmern muss. Anders als Peter wissen aber viele Häftlinge nicht wohin, wenn sie entlassen werden. „Oft ist da keiner, die Familie hat sich abgewendet, Angehörige oder Freunde sind verstorben“, weiß die katholische Seelsorgerin Daniela Bröckl. Ihr Büro und das ihrer evangelischen Kollegin liegt über dem Kirchencafé in einem kleinen gemütlichen Backsteinhaus auf dem weitläufigen, von hohen Bäumen umsäumten Gelände. Die Häftlinge können jederzeit die Treppe hochgehen, mit ihren Nöten und Ängsten zu ihnen kommen. Und sie nehmen das Angebot gern an, auch weil sie wissen, dass wegen des Beichtgeheimnisses nichts nach außen dringt. Es sind drängende Fragen, die sie stellen und die mehr mit ihrer persönlichen Situation zu tun haben als mit Gott, Schuld oder Vergebung: Was bleibt mir noch, falls ich hier noch mal rauskomme? Wie soll es weitergehen? Was ist in mir, dass ich das getan habe? Daniela Bröckl sieht den Menschen hinter der Tat, ihre Aufgabe ist, ihn zu stärken und zu begleiten.

Seine Zelle sieht aus wie ein Zimmer in einer Jugendherberge, findet Peter. Er ist froh, dass er in die Seniorenabteilung gekommen ist, auch weil es dort ruhiger zugeht.

Reden mit Gott

Jeden Sonntag wird Gottesdienst in der Kirche gefeiert, die früher eine Sporthalle war. Den beiden Seelsorgerinnen ist klar, dass nicht alle kommen, um das Wort Gottes zu hören, sondern vor allem, weil es ihrem Tag Struktur gibt, weil sie sonst nichts vorhaben oder weil sie dort die Zeit zum Nachdenken nutzen. Für Daniela Bröckl und ihre Kollegin ist das in Ordnung.

Norbert, ein kleiner, rundlicher Mann, geht regelmäßig in den Gottesdienst, das hat er immer so gehalten, auch in seinem früheren Leben als erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Sturz hätte tiefer kaum sein können: vom Villenbesitzer mit Dienstwagen zum Bewohner einer Zwei-Mann-Zelle, vom Verleger zum Vorarbeiter der „Roten Brigade“ – so wird die Gefängnis-Putzkolonne wegen ihrer roten Pullover genannt. Anfangs sei es ihm schwergefallen, sich mit der neuen Situation abzufinden, gibt der 64-Jährige zu. Inzwischen komme er gut klar.

Doch er hadert immer noch mit seinem Schicksal. Seine Verurteilung wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung hält er für ungerecht, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Den Aufenthalt hier redet er sich, so gut es geht, schön. „Ich lebe jetzt viel gesünder, mache jeden Tag draußen mehrere Runden um das Gelände.“ Dabei spreche er mit Gott, er bitte ihn, „dass ich das hier gut hinkriege“. In drei Jahren ist er vermutlich wieder draußen, bei Frau und Kindern. Schon jetzt kann er jedes zweite Wochenende zu Hause übernachten.

Aufeinander achten

Die gesundheitliche Situation der Älteren stellt an das Personal besondere Herausforderungen: Wie geht man zum Beispiel mit einem leicht dementen Häftling um? Wie reagiert man, wenn er die Regeln vergisst? „Indem man sie ständig aufs Neue erklärt und Geduld zeigt“, sagt Frank Baucke, Freizeitkoordinator und Pressesprecher. Es seien Fortbildungen für das Personal zum Thema Umgang mit Demenz geplant. Es werden auch regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen und Diabetes-Schulungen angeboten. Und man achtet aufeinander: „Das Personal, aber auch die Mitgefangenen haben ein Auge darauf, ob kranke Häftlinge die Medikamente nehmen, ob sie beim Arzt waren, ob sie aufstehen oder im Bett bleiben“, so Frank Baucke.

In seinem Schließfach hat Norbert Lebensmittel verstaut. Der 64-Jährige wurde wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung verurteilt.

Draußen sind sie auf sich allein gestellt. Weil es für viele Ältere aber schwierig ist, das Leben nach der Entlassung ohne Hilfe zu bewältigen, kümmert sich der Sozialdienst der JVA darum, dass sie in einer Wohngemeinschaft oder in einem Seniorenheim unterkommen. Wie es weitergeht, wenn er entlassen wird, weiß Thomas noch nicht. Die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin sei zurzeit wackelig, erzählt er. Was ihm Halt gibt, sind seine fünf Kinder aus einer früheren Beziehung. Er ist mit 52 Jahren der jüngste Inhaftierte in Bielefeld-Senne. Wegen einer schweren Herzerkrankung konnte er in das Seniorengefängnis kommen. Er hat schon mehrere Herzinfarkte erlitten, allein drei, seit er hier ist. Wenn die Schmerzen kommen, bittet er Gott jedes Mal, er möge schnell sterben. Dass da ein Gott sei, daran glaube er, auch wenn er mit der Kirche nichts am Hut habe.

Thomas verbrachte schon viele Jahre in Gefängnissen, unter anderem, weil er bei einer Messerstecherei seinen Gegner  lebensgefährlich verletzt hatte. Auf eigenen Wunsch hat der gelernte Akkordschlächter eine Therapie begonnen, „um mir die Angst vor mir selbst zu nehmen“. Er will ruhiger werden, besonnener. Tagsüber arbeitet er im Putzteam. Sonst falle ihm die Decke auf den Kopf, kommen die Gedanken, lässt er sein Leben Revue passieren, sagt er und wischt dabei nervös mit der Handfläche über den Tisch. „Das ist schon total deprimierend.“

Ulla Arens | Mit freundlicher Genehmigung: stadtgottes 9/10, Steyler Missionare
Fotos: Friso Gentsch | eye-work Bielefeld

Was belibt mir noch vom Leben

 

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