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Nicht immer die erhoffte Versöhnung mit Eltern

Angehörige und Kinder von Inhaftierten in Coronazeit
1. Juni 2021

In den Justizvollzugsanstalten findet man einige „verlorene Söhne“. Nicht immer kommt es zur erhofften Versöhnung mit den Eltern. Manchmal aber doch, ganz bibelnah. Das bekannte Gleichnis Jesu vom barmherzigen Vater und seinem verlorenen Sohn wird in der Gegenwart immer wieder neu erlebt. Der Fall, von dem hier berichtet wird, ist eine reine Herzensangelegenheit. Der erste Anruf für den Untersuchungshäftling nach Telefonbuchrecherche bei seinem Vater…

Vätern ihre verloren gegangenen Söhne suchen zu helfen und Söhnen ihre verloren gegangenen Väter, gehört zu den vornehmsten und schönsten Aufgaben der Gefängnisseelsorge. Wenn inhaftierte Söhne wieder neu Kontakt zu ihren Eltern suchen, ist das nicht selten verbunden mit der Bitte um materielle und sonstige Unterstützung. An sich ist es nicht verwerflich, dass einem die Eltern einfallen, wenn man sonst keinen mehr hat. Vielfach sagen jedoch die überforderten Väter und Mütter: Wir können nicht mehr. Wir wollen nicht mehr. Der Fall, von dem hier berichtet wird, ist eine reine Herzensangelegenheit.

Nichts Materielles

Es geht um nichts Materielles, nur um die Beziehung zwischen Eltern und Sohn. Die war seit fast zehn Jahren abgebrochen. Nach dem Abitur und dem Auszug von zuhause hatte der intelligente junge Mann es nicht geschafft, in ein normales, geregeltes Leben hineinzufinden. Er empfinde viel Liebe für die Eltern, sagt er. Er sei von ganz tollen Menschen großgezogen worden. Er sei ihnen zutiefst dankbar. Er mache ihnen keinerlei Vorwürfe. Die richte er ausschließlich gegen sich selber. Er, der Feigling, habe sich lange nicht mehr gemeldet. Er schäme sich. Zudem rechnete er nun mit längerer Strafe. Seine Eltern waren beide schon fast 70 und seine Sorge, sie noch gesund anzutreffen, war durchaus berechtigt.

Die besten Eltern

All dies erzählt er. Er möchte nur wissen, ob es den Eltern gut geht. Sie sollen erfahren, dass er sie über alles liebt. Sonst nichts. Aber es gibt ein Problem. Nach Umzug der Eltern innerhalb ihrer Stadt hat er nach all den Jahren keine Adresse und keine Telefonnummer. Ob ich ihm helfen könne. Selber anrufen, darf er nicht. Fast beschwörend betont er nochmals, er wolle nichts von den Eltern. Nur sollen sie wissen, dass er täglich an sie denkt und auch an die Schwester. Sie seien die besten Eltern, die man sich wünschen kann. Wenn sie sich abwendeten, würde er es respektieren. Um ihn sollen sie sich keine Sorgen machen, er sei robust, er stehe die Haft durch.

Langes Schweigen, schluchzen…

Wie es ausgeht, ist schnell erzählt. Der erste Anruf für den Untersuchungshäftling nach Telefonbuchrecherche führt zum Erfolg. Es meldet sich der Vater. Ich stelle mich vor, erzähle vom Anliegen des Sohnes. Langes Schweigen, Schluchzen, Weinen vor Freude. Er sei nur froh, dass sein Sohn lebe, sagt er. Sie hätten als Eltern bewusst ihre Telefonnummer im Telefonbuch belassen, damit der Sohn sie finden könne. Dass seine Schwester mittlerweile schon zwei schulpflichtige Kinder habe, soll ich noch sagen, und alle würden ihn grüßen. Am Ende bedankt sich der Vater überschwänglich. Es dauert nicht lange, bis Briefe der Eltern und der Schwester und beigefügte Fotos die Zelle des wiedergefundenen Sohnes schmücken.

Alfons Zimmer, JVA´en Bochum | Foto: Rose aus Seife, Manuela Rosshoff

 

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