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Über die Motivation von Triebtätern. Auch in der Kirche…

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Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein weltweites Phänomen von dramatischem Ausmaß. Erst kürzlich wurde in Nordrhein-Westfalen ein Pädophilen-Ring gesprengt. Was Menschen zu solchen Taten antreibt, darüber spricht der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Frank Lindemann. Er ist im LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt tätig.

Herr Dr. Lindemann, welchen Antrieb haben die Täter?

Die Motivation der Täter ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Es kann der Wunsch nach Intimität sein, es kann auch der Wunsch nach leichtem Sex sein, da Kinder sich nicht gut wehren können. Andere wiederum trauen sich nicht an erwachsene Sexualpartner heran, da ihr Selbstwertgefühl nicht ausgeprägt genug ist. Kinder sind für diese Täter weniger beängstigend. Es kann auch etwas zu tun haben mit Gelegenheiten und gesunkener Hemmung oder mit einer fehlenden moralischen und empathischen Ausstattung. In seltenen Fällen, das möchte ich besonders betonen, kann es etwas mit sexuell sadistischen Impulsen zu tun haben. Und dann gibt es noch Menschen, die schlichtweg dissozial Geld verdienen wollen. Das ist ein Geschäftsmodell, so wie andere kriminelle Geschäftsmodelle auch.

Nicht jeder Täter ist pädophil. Was genau ist Pädophilie?

Pädophilie bezeichnet das primäre sexuelle Interesse an Kindern vor Erreichen der Pubertät. Wenn es um den Bereich der Straftaten geht, sollte man jedoch eher von Pädosexualität sprechen. Es gibt auch Frauen mit dieser Neigung, was viele nicht wissen oder wahrhaben wollen. Pädosexuelle Straftaten haben eine ganze Bandbreite von Motivationen, weswegen sie begangen werden. Man hat versucht, über die vergangenen Jahrzehnte zu differenzieren und unterschiedliche Typen herauszubilden.

Durchgesetzt hat sich eine Grobeinteilung, die aber auch nur eine von vielen ist. Man spricht von kernpädophilen Tätern, die nur sexuelle Erregung finden, wenn es um Kinderkörper oder um Sexualität mit Kindern geht. Dann gibt es die Nebenstrompädophilen, die sich auch von Erwachsenen erregt fühlen und mit ihnen sexuellen Verkehr haben, die sich aber auch durchaus von Kindern erregt fühlen. Sie sind aber nicht auf Kinder festgelegt. Und dann gibt es die dissozialen Menschen, denen es darum geht, sehr schnell an Befriedigung und Belohnung oder Machtausübung zu kommen. Auf allen diesen Ebenen der Sexualstraftaten geht es nicht zwingend um Sexualität. Nur bei Kernpädophilen, deren Sexualität nur auf Kinder gerichtet ist, hat es im Kern etwas mit der Sexualität zu tun. Aber auch das eben bereits angesprochene kriminelle Geschäftsmodell kann eine Motivation sein.

Wie viele Opfer von Kindesmissbrauch sind in Deutschland bekannt? Wie sieht es mit der Dunkelziffer aus?

Die statistischen Zahlen sind in den vergangenen Jahren gleich geblieben. Die bekannten Fälle schwanken zwischen 10 000 und 12 000 pro Jahr. In der Dunkelfeldforschung gehen wir davon aus, dass 11,6 Prozent der Mädchen und ca. fünf Prozent der Jungen als Kinder Erfahrung mit sexuellen Übergriffen haben. Aber auch dort muss man unterscheiden zwischen „Hands-on-Delikten“ – sprich, wo ein körperlicher Kontakt erfolgt ist – und anderen Formen von Übergriffen. Dazu gehören etwa Schlüpfrigkeiten oder anzügliche Sprüche oder das gemeinsame Pornoschauen.

Kann man bei Wiederholungstätern von einem Suchtverhalten sprechen?

Wir haben oft den Eindruck, dass man bei etlichen Patienten Parallelen zum Suchtverhalten beobachten kann. Diese Menschen haben ein bestimmtes Begehren, wonach auch immer. Sie wissen, dass ihre Gelüste nicht erlaubt und strafrechtlich und gesellschaftlich geächtet sind. Daher setzen sie es zunächst nicht um. Irgendwann tun sie es doch. Und dann stellen sie fest, wie schön das für sie ist, dass sie die Hemmungen haben fallen lassen, dass sie eine Befriedigung erlangt haben, sei es aus sexuellem Antrieb oder auch die Befriedigung anderer Wünsche und Impulse. Und dann fühlen sich diese Menschen gut, sie wollen das wieder erleben. Wenn sie damit durchgekommen sind, machen sie es wahrscheinlich wieder. So kann das ohne Behandlung einen suchtartigen Verlauf nehmen.

Wie gehen Sie mit diesen Menschen in der Therapie um?

In der forensischen Psychiatrie arbeiten wir nach dem „Risk-Need-Responsivity“-Konzept (RNR). Wir gucken nach Risikofaktoren mit Blick darauf, was diese Menschen gefährlich macht. Wir schauen nach den Bedürftigkeiten und danach, was bearbeitet werden muss, damit diese Menschen ihrem Trieb standhalten. Es geht darum, die täterspezifischen Motivlagen und Persönlichkeitskonstellationen zu erkennen und zu vermitteln. Das läuft in Form von Einzeltherapien und in Form von Gruppentherapien. Dazu kommen auch sogenannte psycho­edukative Ansätze.

Wir begeben uns dann in die Welt der ausgeprägten Denkstrukturen, die den Tätern vermittelt haben, dass das, was sie tun, vielleicht doch ok ist. Einige unserer Patienten sind davon überzeugt, dass das Kind es auch gewollt und genossen habe oder dass das Kind ein Verführer gewesen sei. Uns geht es darum, diese Denkstrukturen anzugehen und zu widerlegen. In der Therapie sprechen wir natürlich auch über die Opferperspektiven, also darüber, was der Täter einem Menschen angetan hat. Das erfordert jedoch viele Jahre und ist nicht sehr leicht.

Was kann ein Missbrauch bei den Opfern anrichten?

Es gibt eine Reihe psychischer Störungen, die auftreten können. Albträume, Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Kontaktschwierigkeiten, bis hin zu Alkoholkonsum, Drogenkonsum, Persönlichkeitsstörungen und dissoziativen Störungen. Je nachdem, wie die Taten gestaltet waren, wie gravierend, entmächtigend und überwältigend das Ganze gewesen ist. Das ist ein großes Spektrum.

Die Opfer spielen auch eine große Rolle in der Therapie hier. Das habe ich vorhin ja schon erwähnt. Gerade die Perspektiv­übernahme und Empathiefähigkeit spielen eine große Rolle. Man muss das so sehen, dass unsere Arbeit, obwohl nachgeschaltet, auch wieder vorgeschaltet ist. Unsere Arbeit ist auch eine Form von Opferschutz. Wenn unsere Therapien gut verlaufen und die Behandlung wirkt, dann kommt es Menschen draußen zugute.

Sind Schuldgefühle ein Thema in den Gesprächen mit den Tätern?

Es gibt Menschen, die zügig sagen, das war falsch, was ich gemacht habe, und soll nie wieder passieren. Diese Menschen fühlen sich schuldig. Und es gibt Patienten, die nach vielen Jahren sämtliche offenkundige Tatumstände weiterhin abstreiten und leugnen, obwohl sie sich aufgrund der Beweislage nicht rausreden können. Alles spricht gegen sie, trotzdem wird geleugnet. Teilweise werden damit Schuldgefühle abgewehrt, oder es hat sehr viel mit dem eigenen Schamgefühl zu tun. Wenn ich nicht einräume, dass ich pädophil bin, dann bin ich es eben nicht. Das sind solche Mechanismen, die spielen eine große Rolle.

Manche Täter brauchen Zeit und verharren teilweise Jahre in dieser Position. Sie erleben erst nach etlichen Jahren den Moment, den viele Patienten mit „es hat klick gemacht“ bezeichnen. Erst durch eine sehr lange und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Thematik durch einen Therapeuten, durch eine Gruppe und durch Bezugspflegesysteme wird diesen Patienten schließlich klar, was sie anderen angetan haben. Den Tätern ist dann auch bewusst, welche Gefahr von ihnen ausgeht, und sie haben den Wunsch, diese Gefahr nicht mehr sein zu wollen. Und es gibt leider auch die Menschen, bei denen Sie das auch nach vielen Jahren nicht feststellen. Diese Täter sind dermaßen dissozial ausgeprägt, dass es ihnen egal ist. Ich möchte aber betonen: Das ist eine Minderheit. Die Mehrzahl der Straffälligen möchte schon diese Delikte nicht mehr begehen. Und, ja, Schuldgefühle sind da. Schuldgefühle sind aber etwas, das uns als Normalbürger sehr befriedigt: Wenn jemand Schuldgefühle hat, finden wir das normal moralisch, für die Gefährlichkeit der Täter hat das jedoch nur einen sehr begrenzten Wert. Schuldgefühle bedeuten nicht automatisch, dass ein Mensch nicht wieder zum Täter wird.

Wie lange bleibt ein Täter im Durchschnitt in Ihrer Einrichtung?

Der Durchschnitt bei uns liegt so um die sieben Jahre. Die Bandbreite kann aber auch sehr enorm sein, so bleiben einige Patienten vielleicht nur zwei Jahre, es gibt auch welche, die bis zu 30 Jahre in der Therapie sind. Diejenigen, die so lange hier sind, sind diejenigen, bei denen aus unserer Sicht die Gefährlichkeit fortbesteht und wir mit ihnen keine Lockerungsschritte angehen können.

Gibt es erkennbare Gemeinsamkeiten bei den unterschiedlichen Tätern mit Blick auf deren Vita, vielleicht dass sie als Kind selbst missbraucht wurden?

Generalisierungen bringen nichts. Es gibt immer auch die anderen, die nicht so sind. Sie haben natürlich mehr Menschen dabei, die selbst entsprechende Erfahrungen gemacht haben. Sie haben auch mehr Menschen dabei, die aus Familiensystemen stammen, in denen der Umgang mit ­Sexualität und sexueller Abgrenzung nicht so bedeutungsvoll war. Aber man kann das wirklich nicht verallgemeinern. Sie haben auch Leute mit Hintergründen, wo Sie so etwas überhaupt nicht feststellen. Bei einer Vielzahl unserer Patienten sind die Herkunftsfamilien teilweise problematisch. Da hat der Umgang mit Sexualität, Selbstbestimmung und körperlichen Abgrenzungen und auch Empathiefähigkeit und Perspektivwechsel keine so große Rolle gespielt.

Wie lässt sich verhindern, dass Pädophile zu Tätern werden?

Wenn jemand bei sich feststellt, dass er pädosexuelle oder pädophile Fantasien und Begehrlichkeiten in sich spürt – und das sind ja gar nicht mal so wenige –, dann ist es gut, sich an bestimmte Initiativen zu wenden. Ich empfehle immer die Initiative „Kein Täter werden“. Obwohl wir niemanden ohne Gerichtsurteil aufnehmen dürfen, rufen auch bei uns manchmal Menschen an und stellen Fragen, outen sich am Telefon oder sagen, dass sie Mist gebaut hätten.

Wie sehen Sie Ihre eigene Verantwortung mit Blick auf den Patienten? Sie müssen schließlich bewerten, ob von einem Patienten weiterhin eine Gefahr ausgeht oder ob er in die Gesellschaft entlassen werden kann? Niemand ist vor einer falschen Einschätzung gefeit.

Genau das ist es, wovor ich die größte Angst habe. Auch trotz jahrelanger Routine ist diese Vorstellung immer noch ein Albtraum. Verantwortlich dafür zu sein, dass durch eine Fehlentscheidung Menschen zu Schaden kommen könnten. Solange wir hier in der forensischen Psychiatrie sind, haben wir glücklicherweise Möglichkeiten, die Menschen sehr genau und über einen sehr langen Zeitraum zu beobachten und sie sehr vorsichtig und schrittweise zu resozialisieren, wenn die Gefahr abnimmt. Wir haben im Gegensatz zu ambulanten Settings die Menschen hier nicht nur in psychotherapeutischen Gesprächen oder Gruppen, sondern sie leben hier 24/7. So können sie nicht verbergen, wer sie wirklich sind. Die Beobachtung und die Begleitung sind sehr engmaschig. Sollten wir den Eindruck haben, es entwickelt sich nicht gut, können wir sehr schnell dagegenwirken.

Gibt es Altersfelder, in denen Männer und Frauen besonders zu pädophilen Fantasien neigen?

Klar gibt es Häufungen, aber die sind nicht sehr aussagekräftig, denn das heißt nicht unbedingt, dass ein 70-jähriger Pädophiler quasi ungefährlich ist. Das zunehmende Alter ist kein Stück Sicherheit, es ist einfach etwas Statistisches. Viele machen sich nicht bewusst, dass Sexualität in erster Linie im Kopf stattfindet und es verschiedene Formen von Übergriffen gibt.

In letzter Zeit haben wir vermehrt von sexuellem Missbrauch in der Kirche gehört. Auch Familien und Sportvereine rücken mehr in den Fokus. Woran könnte das liegen?

Es könnte unter anderem daran liegen, dass dort Möglichkeiten vorhanden sind. Dort gibt es eine Atmosphäre des Vertrauens, seitens der Kinder, seitens der Eltern – und ein entspanntes, vertrauensvolles Setting, in dem man sogar besonders eng an Kinder herankommen kann. Diese Atmosphäre zieht womöglich auch Menschen an, die auf der Suche nach Gelegenheiten sind. Und es gibt Tätigkeiten und Berufe, die entsprechend mit diesem Vertrauensbonus ausgestattet sind, so wie es vermutlich auch in der Kirche geschehen ist.

Mit Dr. Frank Lindemann sprach Patrick Kleibold | Erstveröffentlicht in: Der Dom

 

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