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Trotz Inhaftierung: Aus der Perspektive der Kinder denken

6. Juli 2026

In Deutschland sind jährlich viele Tausend Kinder von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Eine solche verändert den Alltag von Familien grundlegend und hat auch auf die Kinder schwerwiegende Auswirkungen. Die von der Inhaftierung eines Elternteils betroffenen Kinder brauchen besondere Unterstützung vor, während und nach der Inhaftierung.

In Nordrhein-Westfalen setzt sich die Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten NRW – verortet bei den Landesjugendämtern Westfalen (LWL) und Rheinland (LVR) und Chance e.V. in Münster für den Auf- und Ausbau einer landesweiten Unterstützungsstruktur für Kinder von Inhaftierten ein. Junge Betroffene sollen als vulnerable Gruppe anerkannt, vor Stigmatisierung geschützt und bei der Umsetzung ihrer Rechte unterstützt werden. Das Netzwerk ist dabei Anlaufstelle für Familien und Fachkräfte.

Familientag in der Anstaltskirche der JVA Herford.

Belastende Lebenslage für Heranwachsende

Wenn ein Elternteil ins Gefängnis muss, ist das für dessen Kinder sehr belastend. Durch die Trennung sind Kontakte und Beziehungen zueinander nur schwer aufrecht zu halten. Negative Auswirkungen auf das Leben der Kinder sind keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund engagiert sich die 2023 gegründete Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten NRW für betroffene Mädchen und Jungen, indem sie sich für eine Verbesserung der landesweiten Unterstützungsstruktur für die Kinder von Inhaftierten einsetzt. Die Landesfachstelle ist ein Kooperationsprojekt der Landesjugendämter bei den Landschaftsverbänden Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR) und dem Chance e.V. in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Justiz und dem Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. In Deutschland sind viele Tausend Kinder und Jugendliche von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Trotz dieser beeinträchtigenden Lebenslage sind Kinder von lnhaftierten bisher als vulnerable Gruppe kaum im Fokus. „Es gibt aktuell noch zu wenig Unterstützungsmöglichkeiten für die betroffenen Mädchen und Jungen, die ein Recht auf Kontakt zum inhaftierten Elternteil haben. Es ist dringend notwendig, diese Gruppe stärker in den Blick zu nehmen“, betont das Team der Landesfachstelle Kinder von Inhaftierten NRW.

Betroffene Kinder vor Ausgrenzung schützen

„Kinder inhaftierter Eltern sind nicht verantwortlich für die Straftaten ihrer Eltern. Sie leiden jedoch unter den Konsequenzen dieser Taten und benötigen eine besondere Unterstützung, um trotz ihrer Lebenslage ein gutes Leben führen zu können – und das vor, während und nach der Inhaftierung“, sagen Wilhelmine Geenen und Jutta Möllers vom LWL-Landesjugendamt Westfalen. Dazu kommt, dass viele Eltern ihre Kinder nicht über die lnhaftierung informieren, weil sie diese vor der schmerzhaften Wahrheit schützen wollen. „Viele Eltern können das aber nur schwer dauerhaft verbergen, denn Kinder haben feine Antennen“, weiß Jutta Möllers. „Deswegen ist es wichtig, offen mit dem Thema umzugehen, Kinder bei der Bearbeitung zu unterstützen und sie vor Ausgrenzung und Stigmatisierung zu schützen.“ Zusammen mit Anja Glaser und Martischa Kirwald vom Chance e.V. in Münster bilden Wilhelmine Geenen und Jutta Möllers das Fachberaterinnenteam der Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten NRW. „Mit der Landesfachstelle begleiten und unterstützen wir innovative Wege, um die Unterstützungs- und Angebotslandschaft auszubauen. Wir verstehen uns als zentrale Anlaufstelle sowohl für Betroffene als auch für Fachkräfte“, erklärt Anja Glaser vom Chance e.V.

Beratung für Familien und Fachkräfte

Zu den Arbeitsschwerpunkten des Netzwerks gehören u.a. die Sensibilisierung für die Situation betroffener Kinder, die Erstberatung und Qualifizierung von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe und der Justiz zum Umgang mit betroffenen Kindern sowie die (Weiter-)Entwicklung einer nachhaltigen Vernetzungsstruktur. Die Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten NRW bietet Beratung an und übernimmt eine Lotsenfunktion für junge Betroffene und deren Familien. Sie versteht sich als zentrale Anlaufstelle sowohl für Betroffene als auch für Fachkräfte, entwickelt Informationsmaterial für verschiedene Zielgruppen und betreibt Öffentlichkeitsarbeit zur Stärkung der Sichtbarkeit von Kindern inhaftierter Eltern. Betroffenen Elternteile werden dabei unterstützt, ihre Verantwortung bewusst wahrzunehmen und Hilfsangebote zu nutzen. Sie werden in ihren Bemühungen gestärkt, ihren Kindern eine verlässliche Zukunft zu bieten.

Kooperationen fördern, Barrieren abbauen

Das Netzwerk macht die schwierige Lebens5ituation der Kinder von Inhaftierten gegenüber den verantwortlichen AkteurInnen sichtbar und will strukturelle Barrieren zwischen den Systemen Justiz und Kinder- und Jugendhilfe verringern. Vorangetrieben werden soll die Vernetzung zwischen Kinder- und Jugendhilfe, freier Straffälligenhilfe sowie Justiz und Justizvollzug. Die Landesfachstelle setzt sich dafür ein, dass Kinder von Inhaftierten als vulnerable Gruppe anerkannt werden und den Bedürfnissen junger Betroffener mit angemessenen Hilfsangeboten Rechnung getragen wird. Angebote zur Unterstützung bestehen u.a. in der Bereitstellung von Materialien, die die Fachstelle entwickelt: Flyer und Broschüren zum (Vor-)Lesen bieten Kindern Informationen zu den Themen „Mama muss ins Gefängnis“ oder „Papa muss ins Gefängnis“. Ein Elternratgeber sensibilisiert betroffene Familien für einen altersangemessenen Umgang mit der Inhaftierung eines Elternteils.“Durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit wollen wir Vorbehalte und Befürchtungen abbauen“, fasst Jutta Möllers zusammen.

Aus der Perspektive der Kinder denken

„Meine Mama ist im Gefängnis“ oder „Mein Papa ist im Gefängnis“ -einen solchen Satz vor anderen auszusprechen und damit umzugehen, dass ein Elternteil nicht mehr am Familienalltag teilnimmt, belastet Kinder und Jugendliche meist stark. Und auch der Besuch in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) kann bedrückend oder sogar beängstigend sein. Um die Aufwachsensbedingungen für Kinder von inhaftierten Eltern zu verbessern, wurden von der Landesfachstelle bereits in verschiedenen Regionen in NRW Netzwerke und Kooperationsbündnisse zwischen Jugendämtern, freien Trägern der Jugendhilfe und der Straffälligenhilfe und Justizvollzugsanstalten initiiert. Das Grundverständnis des Netzwerks erläutert Martischa Kirwald von der Landesfachstelle: „Bei den Besuchen der Kinder von Inhaftierten muss umgedacht werden. Es ist kein Privileg des inhaftierten Elternteils, Besuch von den Kindern bekommen zu dürfen, vielmehr haben Kinder ein Recht auf die Erziehung und die Kontakte zu beiden Elternteilen, wenn diese nicht im Widerspruch zum Kindeswohl stehen. Das gerät oft in Vergessenheit, und auch hierfür wollen wir mit unserem Netzwerk sensibilisieren.“

Darüber hinaus soll eine Beratungslandschaft für Kinder, für deren inhaftierte Elternteile und andere Angehörige entstehen. Das Netzwerk erfasst bestehende Unterstützungsangebote, bündelt diese und will herausarbeiten, wo noch ungedeckte Bedarfe sind. Uns ist wichtig, alles aus der Perspektive der Kinder zu denken“, betont Martischa Kirwald vom Chance e.V. Die Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten hat unter anderem das Format „Jugendhilfe meets Justizvollzug“ entwickelt, das bereites in Kooperation mit den Familienbeauftragten verschiedener JVA´en in NRW durchgeführt wurde. Hier werden Mitarbeitende der umliegenden Jugendämter in die jeweilige JVA eingeladen. Gemeinsam erleben Mitarbeitende der Jugendhilfe die Wege innerhalb der JVA aus Kindersicht. Sie erfahren, mit welchen Maßnahmen vor Ort der Besuch in der JVA bereits möglichst kindgerecht gestaltet wird. Der Austausch der Fachkräfte aus der Jugendhilfe und dem Justizvollzug bereichert die jeweilige Expertise um wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf Unterstützungsbedarfe und -möglichkeiten der betroffenen Kinder und ihrer Familien.

Landesjugendämter Westfalen (LWL) und Rheinland (LVR), Chance e.V.: Kinder von Inhaftierten unterstützen. Landesfachstelle für betroffene Kinder, Familien und Fachkräfte. In: THEMA JUGEND. Zeitschrift für Jugendschutz und Erziehung. Ausgabe 1/2026, S. 7-9

Hier finden Sie den Ratgeber für verschiedene Zielgruppen. Eine Liste bietet eine Auswahl an Materialien für Kinder, deren Eltern ins Gefängnis müssen Sie finden sowohl Filme als auch Kinderbücher, die eine altersgerechte Aufklärung und Unterstützung ermöglichen. Neben 7 weiteren Landesinitiativen ist die Landesfachstelle in NRW Teil der Bundesinitiative Netzwerk Kinder von Inhaftierten (KvI), die beim Treffpunkt e.V. in Nürnberg angesiedelt ist. Die Bundes-wie auch die Landesinitiativen werden von der Auridis Stiftung gefördert. Der Zusammenschluss verschiedener AkteurInnen aus Justiz, Jugendhilfe, Politik, Verbänden, freien TrägerInnen, Wissenschaft und KinderrechtsvertreterInnen, die mit betroffenen Kindern im Kontakt sind, für sie Verantwortung tragen oder die vulnerable Zielgruppe unterstützen, wird durch das Netzwerk Kvl initiiert und unterstützt, um verlässliche Unterstützungsstrukturen und Angebote für Kinder und Familien auf- und auszubauen.

 

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