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Te Deum und Marseillaise: Befreiung der „Politischen“

23. März 2020

Über die Befreiung der „Politischen“ aus den westlichen Strafanstalten vor 75 Jahren: Was für die Auschwitzhäftlinge der 27. Januar 1945 war, war für die politischen Gefangenen im Strafgefängnis Bochum der 10. April 1945. Unter ihnen waren viele wegen Hochverrates verurteilte Kommunisten, „antideutsche“ Niederländer und noch etwa zweihundert belgische und französische Résistance-Gefangene. Am Tag der Befreiung sangen die Franzosen laut ihre Marseillaise.

Amerikanische Soldaten marschieren 1945 ins Ruhrgebiet ein. Foto: RuhrEcho Verlag.

Alle konnten nicht mehr einstimmen. Mindestens ein Dutzend von ihnen war wenige Tage zuvor beim Evakuierungsversuch per Güterzug am Nordbahnhof durch alliierte Bomben ums Leben gekommen. Die Inhaftierten wurden wieder in die Strafanstalt zurückgeführt. Auch der folgende Evakuierungsmarsch Richtung Celle scheiterte. Gefangene flohen. Andere wurden unterwegs entlassen. Die Kolonne kehrte nach vier Tagesmärschen wieder in die Anstalt zurück. Viele hatten Angst vor Erschießungen. Zu Recht! Am Ende traf es nur einen, Pfarrer Josef Reuland, der nicht weit von der Anstalt entfernt als Letzter der Kolonne einen Genickschuss erlitt und ins Haftlazarett zurück gebracht wurde. Er überlebte nur, weil zwei Mitgefangene, ein belgischer und ein niederländischer Arzt ihn versorgten, bis er ins Josephshospital in der Stadt verlegt wurde.

Unter den französischen Inhaftierten war unter anderen der Jude André Rossel-Kirschen. Als 15-Jähriger hatte er in Paris einen deutschen Offizier erschossen. Unter den Bochumer Politischen ist er der einzige, von dem eine Gewalttat bekannt ist. Die alliierte Stadtkommandantur überprüfte zunächst alle Résistancegefangenen. Sie wurden Anfang Mai entlassen. Per LKW kehrte auch Rossel-Kirschen über Brüssel, Lille nach Paris heim. Vater und Bruder waren als Verwandte eines Terroristen erschossen worden, Mutter und Schwestern in Auschwitz umgekommen.

Der Kommunist Werner Eggerath war seit über zehn Jahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat in Haft. Zwei Monate nach Kapitulation kam er frei und ging mit „unbeschreiblichem“ Glücksgefühl zum Bahnhof Bochum. Eine Woche blieb er bei der Familie, dann begann seine politische Arbeit. 1947 wurde er der erste frei gewählte Ministerpräsident von Thüringen. NS-nahe Wachtmeister waren mittlerweile aus dem Dienst entfernt worden. Im Zuchthaus Werl wurden die Bediensteten gezwungen, bei einem Pressefoto öffentlichkeitswirksam ihre Anstaltsschlüssel auf einen Haufen zu werfen. Im Remscheider Zuchthaus kam drei Wochen nach Befreiung Kaplan Joseph Rossaint frei. Er stellt fest: Autoritätsgläubigkeit und Untertanenmentalität sind noch immer lebendig.

Wie ging es mit Reuland weiter? Der Patient des Josephshospitals galt noch als Strafgefangener. Der Status wurde vom mittlerweile englischen Stadtkommandanten am 6. Juni aufgehoben. Am 18. Juni 1945 fuhr Reuland trotz Bedenken der Ärzte, abgeholt vom Pfarrverwalter, in sein Heimatdorf Greimerath. Am nächsten Tag in leitete man ihn in großer Prozession zur Kirche. Nie habe er ein Te Deum so froh und bewegt gesungen.

Alfons Zimmer | JVA Bochum

 

1 Rückmeldung

  1. Armin Breidenbach sagt:

    Als kleine Kostprobe die letzte Hälfte meiner biographischen Skizze über André Kirschen: Die Haftorte ließen sich für André Kirschen nur teilweise ermitteln. Fest steht, dass er beispielsweise vom 29. Oktober 1942 bis zum 5. November 1942 im Gefängnis Wittlich inhaftiert war. Später war Kirschen im Gefängnis Anrath inhaftiert, wobei der Zeitpunkt der Einlieferung unbekannt ist. Vermutlich im Zusammenhang mit den damals bereits einsetzenden „Evakuierungen” von Häftlingen aus grenznahen Strafanstalten ins Reichsinnere wurde er von Anrath aus als „Gefängnis-Gefangener” am 5. September 1944 in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert. Am oberen Rand der dort über ihn angelegten Häftlingskarteikarte befinden sich die Vermerke „Rumäne” und „Gefängnis-Gefangener” sowie die Angaben: ledig, Student, wohnhaft in Paris. Außerdem werden unter anderem auch die Namen seiner Eltern genannt (Vgl. LAV NRW R: Gerichte Rep. 0331 Nr. 4: Gefangenenkarteikarte der Haftanstalt Remscheid Lüttringhausen für André Kirschen).

    Nach einer am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten „Liste aller ausländischen und staatenlosen Personen die in der Zeit zwischen 3.9.39 und dem 8.5.45 von deutschen Gerichten verurteilt wurden und hier eingesessen haben.” war André Kirschen einer von zwei Rumänen, die während des Zweiten Weltkriegs im Zuchthaus Lüttringhausen eingesperrt waren. Siehe hierzu auch Breidenbach, Armin: Zwei rumänische Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen, in: waterboelles.de Kommunalpolitisches Forum für Remscheid vom 19.2.2025. Nach elf Tagen Haft in Lüttringhausen wurde Kirschen am 16. September 1944 von dort zum Strafgefängnis Bochum überführt. (Vgl. LAV NRW R: Gerichte Rep. 0331 Nr. 4: Gefangenenkarteikarte der Haftanstalt Remscheid Lüttringhausen für André Kirschen). Nach Angaben von Alain Simonnet wurde Kirschen 4. April 1945 freigelassen. Nach einer anderen französischen Quelle wurde er am 10. April 1945 aus dem Gefängnis in Bochum entlassen.

    Im Zusammenhang mit der Befreiung der politischen Gefangenen im Strafgefängnis Bochum am 10. April 1945 schreibt Alfons Zimmer: „Unter den Bochumer Politischen ist er der einzige, von dem eine Gewalttat bekannt ist. Die alliierte Stadtkommandantur überprüfte zunächst alle Résistancegefangenen. Sie wurden Anfang Mai entlassen. Per LKW kehrte auch Rossel-Kirschen über Brüssel, Lille nach Paris heim.” Nach seiner Rückkehr nach Frankreich erwarb Kirschen das Abitur und unterrichtete Französisch an Berufsschulen. 1953 heiratete er und wurde Vater von zwei Söhnen. 1960 gründete er unter dem Namen André Rossel einen eigenen Verlag, dessen Direktor er 1970 wurde. Neun Jahre später verließ er die Kommunistische Partei Frankreichs, da er mit der Abkehr von der linken Koalitionspolitik nicht einverstanden war. Er verfasste mehrere Bücher, darunter „Mort à quinze ans” und „Le procès de la maison de la chimie”. André Rossel-Kirschen starb am 29. Dezember 2007 in Paris.

    Seit dem 5. Juni 2025 erinnert eine von dem Künstler Gunter Demnig vor der Justizvollzugsanstalt Bochum Krümmede verlegte „Stolperschwelle” daran, dass dort in den Jahren 1933 bis 1945 unter anderem über 2.000 politische Häftlinge eingesperrt waren. Einer von diesen politischen Häftlingen war der junge Franzose André Kirschen, der im Gegensatz zu mehreren seiner Familienangehörigen Holocaust und Krieg überlebte. Sowohl sein Vater, Joseph Kirschen, als auch sein Bruder, Bernard Kirschen, waren im August 1942 im Fort Mont-Valérien. „Als Angehörige eines Terroristen erschossen worden, seine Mutter und seine Schwester hatten Auschwitz nicht überlebt.” Auch sein Onkel, der 1886 in Rumänien geborene und später in Frankreich lebende Filmproduzent Natan Tannensaft (?), bekannt als Bernard Natan, kam später im Konzentrationslager Auschwitz um.

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