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Sprache ist verräterisch und zeigt, wes Geistes Kind wer ist

Rosenkranz statt Randale? Problemteenies im Kloster
3. September 2020

Mit deutlichen Worten in fast schon vergnüglicher Weise deckt Petrus Ceelen viele Floskeln des Alltags auf und hinterfragt leere Worthülsen. Seine Texte umfassen nachdenkliche Hintergründe der oft gedankenlos dahergeplapperten Redewendungen. Petrus Ceelen war 30 Jahre Seelsorger für Gefangene, Aidskranke und Drogenabhängige. Er hat Erfahrungen mit Menschen, die trauern, gefangen sind und trotz der gemeinsamen Muttersprache eine ganz andere Sprache sprechen. Er lebt abwechselnd in Belgien und bei Ludwigsburg.

Ich kann nicht kochen. Aber ein paar Eier in die Pfanne hauen ist mir schon einmal gelungen. Kaffee kann ich auch machen – mit der Kaffeemaschine. Ich mag Tomatensuppe, aber lieber noch spiele ich mit der Buchstabensuppe. Wortspiele machen Spaß. Mir gefällt auch, wie munter wir drauf losplaudern: Hallo. – Und sonst so? – Sieht nach Regen aus. – Einmal ist keinmal – Grüner wird’s nicht. -Was du nicht sagst. – Furchtbar nett. – Schrecklich schön. – Wirklich fantastisch. – Wart mal geschwind. Und dann noch diese blöden Bla-Bla-Konjunktive: Ich würde sagen. Man möchte meinen. Ich könnte mir denken. Wischi-Waschi. Mc Donalds Sauce. Wir ernähren uns von Fast-Food-Sprüchen, reden in Sprechblasen. Wir stopfen uns voll mit leeren Worthülsen, machen viel Wind. Wortdurchfall. Sch… würde ich sagen. Doch das sagt man nicht, sagte meine Mutter selig. Wir plappern nach, was andere uns vor plappern. Wir sind sprechende Papageien.

Plappergei ist geil

Ich kann nicht schwimmen. Und auch nicht übers Wasser laufen. Aber ich tauche tief in den Wörtersee ein. Auf dem Boden liegt so mancher Schatz, im wahren Wortsinn. Ich möchte unserem Wortschatz auf den Grund gehen und ein paar Grundsätze finden, die uns helfen, über Wasser zu bleiben. An der Nordsee habe ich dieses geile Plapperbuch geschrieben, mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf. Die deutsche Sprache spricht mich an, obwohl ich aus dem Ausland komme, aus dem Elend, wie man früher sagte. Belgien ist eine schöne Stadt (Trump), das Paradies der Pommes und Pralinen und des Petrus Bieres. Himmlisch! Ich weiß, wovon ich rede. Spätestens nach dem zweiten Glas fange ich an mit den Leuten Papperlapapp zu machen. Ziemlich heiß heute. Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Nein, nicht dass früher alles besser war. Aber trotzdem. Das hat’s damals nicht gegeben. Brüssel, Hauptstadt von Germanys Europa, nicht weit weg von Aachen bei Würselen.

Mein Patron Petrus hat auch viel geplappert, ein sympathisches Großmaul. Doch als es dann heiß wurde, hatte er Angst, sich den Mund zu verbrennen. Seine Sprache hat ihn verraten. Die Sprache ist verräterisch. Sie sagt, wes Geistes Kind wir sind. Die Mutter Sprache hat viele hübsche Töchter, aber oft brauchen wir zwei bis zwölf Blicke, um sie zu entdecken. Sprichwörter sind die Töchter der täglichen Erfahrung. Sie gleichen Oasen in der Wüste. Ein weises Wort kann unseren Seelendurst stillen. Ein guter Spruch wird uns zur Wegzehrung und begleitet uns ein Leben lang. In diesem Plapperbuch bringe ich Sprüche zur Sprache und lasse den Volksmund sprechen. Wie das Volk redet, hat uns einiges zu sagen. Mit fünfundsiebzig spreche ich immer noch so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich schreibe, wie ich rede, ohne Schnörkel, ohne Floskeln. Ich mag kein salbungsvolles Geseiere, keine seichten Wohlfühlworte, welche die Härten des Lebens weichspülen. Süßholz ist auch nicht gut für Papageien. Neben frischem Obst und Gemüse brauchen sie täglich eine kräftige Körnerernährung – wie wir Plappergeien.

Noch nicht am Ende mit dem Geplapper?

Nach dem Vorgeplapper kommt das Nachgeplapper, nach der Vorsorge die Nachsorge, nach dem Vorspiel das Nachspiel, wenn es denn dazu kommt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sagte einst Sepp Herberger. Der Ball ist rund. Das Runde muss in das Eckige. Und die Leute gehen zum Fußball, damit sie wissen, wie es ausgeht. Wie das Leben wohl ausgeht? Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Ich bin noch nicht ganz am Ende mit meinem Geplapper.

Stimmt es, dass wir am Jüngsten Tag Rechenschaft ablegen müssen von einem jeglichen unnützen Wort? Dann Gnade uns Gott! Auch wenn das Letzte Gericht nur ein Gerücht sein sollte, bleibt doch die Frage: Was ist ein unnützes Wort? Neuanfang. Mit jedem Anfang beginnt etwas Neues. Und jedem Anfang wohnt das Ende inne. Wenn wir geboren werden, fangen wir an zu sterben. Warum? Niemand kennt die Antwort auf die Frage aller Fragen und trotzdem hören wir Menschen nicht auf nachdem Warum zu fragen: Warum gerade ich? Warum habe ausgerechnet ich Krebs? Warum musste meine Frau sterben? Wir wissen nicht einmal, warum wir auf der Welt sind. Warum gibt es die Welt und warum nicht nichts? Nach dem Warum fragen, bringt nichts. Warum – ein unnützes Wort?

„Die Ros´ ist ohn´ warum. Sie blühet, weil sie blühet“, sagt Angelus Silesius. Eine blühende Rose lässt uns stillhalten, staunen. Mit ihren zarten Blättern verhüllt sie siebenfach ihr innerstes Geheimnis. Liebe und Leid gehören zusammen. Keine Rosen ohne Dornen. „Klage nicht, dass die Rosen Dornen tragen, freue dich, dass der Dornenstrauch Rosen trägt.“ Dornen tragen Rosen. Worte tragen Menschen: Gut, dass es dich gibt. Schön, dass du da bist. Wenn ich dich nicht hätte. Ich liebe Dich. Diese drei Worte tragen viele Paare ein Leben lang. Aber auch Liebe ist nur ein leeres Wort, wenn es nicht mit Leben gefüllt ist. Liebe muss getan werden. Über Liebe reden lindert kein Leid. Auch Gott ist ein Tätigkeitswort. Wenn Gott sich in unserem Leben nicht auswirkt, was sollen denn diese vier Buchstaben? Von Buchstabensuppe kann kein Mensch leben – und auch kein Papagei.

Liebe Plappergeien!

Mitten im Wörtersee brauchen wir Inseln der Ruhe. In der Stille merken wir erst, wie laut wir oft sind und wie viel Lärm wir machen um lauter nichts. Mitten im unnützen Wortschwall die Stille sprechen lassen. Auf die innere Stimme hören. Sie hat uns mehr zu sagen als alles Gerede und Geschwätz. Mitten im Gequatsche und Geschnatter die Muttersprache des Himmels lernen: Schweigen.

 

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