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„Splitter“ von Knastseelsorge aus vier vergangenen Epochen

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Die Bochumer Justizvollzugsanstalt „Krümmede“ wird 125 Jahre alt. Wie sah die Seelsorge früher aus? Die Bochumer Justizgefangenen des 19. Jahrhunderts wurden von Pfarrern und Vikaren der Stadtkirche mitbetreut. Nach Errichtung des großen Strafgefängnisses 1897 werden „ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher im Hauptamte“ angestellt. Einige „Splitter“ aus vier vergangenen Epochen.

Bochumer Gefängnisbibel aus dem 19. Jahrhundert. Sie stammt aus dem Jahr 1898 mit einem handschriftlichen Eintrag (Flöhr, stud. Theol., 1898). Sie wurde lange Zeit in der JVA Bochum, die im Jahr 1897 in Betrieb ging, von Gefangenen genutzt.

Was sind Ihre Aufgaben der damaligen „Geistlichen“?  Die Haus- und Dienstordnung aus 1906 im Königlichen Zentralgefängnis besagt: Sie sollen die Gefangenen in Einzelhaft „zu seelsorgerlichen Unterredungen“ aufsuchen, jeden einmal im Monat. Die in Gemeinschaft Untergebrachten werden einzeln im Raum 1/29 des A-Flügels vorgeführt. In jeder Zelle hat ein Neues Testament und ein Gesangbuch zu liegen.
Sonn- und feiertags werden Gottesdienste abgehalten, im Männergefängnis, im Jugendhaus und im „Weibergefängnis“. Hauptgottesdienstzeit ist um 8.10 Uhr und um 9.30 Uhr, nicht viel anders als heute. Den Jugendlichen werden je drei Stunden Religionsunterricht in der Woche angeboten. Schon vor der Entlassung helfen die Pfarrer mit bei der „Beschaffung von Arbeitsgelegenheit“. Den Sozialdienst gibt es noch nicht. Auch widmen sich die Geistlichen mit Hilfe der Ortspfarrer der Fürsorge für die Familien. Nicht zuletzt sind Briefkontrolle und Briefe-Aushändigung, anders als heute, ihre Aufgabe.

Weimarer Republik

Von der Kaiserzeit ein Sprung in die Weimarer Republik. Wenige Male werden in Bochum Todesurteile vollstreckt. Das geschieht im Gerichtsgefängnis und auch in der Krümmede. 1922 werden zwei Hinrichtungstermine anberaumt. Die drei Postkutschenräuber von Oer-Erkenschwick hatten zusammen drei Morde begangen. Sie werden unter großem Aufruhr der Inhaftierten am 13. April 1922 auf dem Hof der Anstalt mit dem Handbeil am frühen Morgen hingerichtet. In der Nacht zuvor ist der Seelsorger zu Gebet, Beichtgespräch und zur Heiligen Messe bei ihnen. Eine weitere Enthauptung im selben Jahr ist die letzte in der Krümmede überhaupt.

„Die alte Dame“, ein originales Mauerteil des Königlich Preußischen Zentralgefängnisses Bochum, restauriert und von der Denkmalbehörde am Geländeeingang aufgestellt.

Nationalsozialistische Zeit

In den Hitlerjahren finden im Zentralgefängnis keine Hinrichtungen statt, wohl aber in den Strafanstalten Dortmund und Köln etwa. In den vielen Zeugnissen der politischen Gefangenen erfährt man wenig über die Seelsorge im Hause. Immerhin geraten wegen Widerstandshandlungen mindestens 46 katholische und vier evangelische Pfarrer in Bochumer Haft, die zum Teil selber im Verborgenen unter Mitgefangenen Seelsorge leisten. In einem Zeugnis des Inhaftierten Raymond Mulier ist der Gottesdienst am Sonntag um 8 Uhr erwähnt. Die französischen und belgischen Résistance-Gefangenen sind auch bei erheblicher Überbelegung in den Kriegsjahren nicht pauschal vom Kirchbesuch ausgeschlossen.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg beschreibt in seinen „Knastnotizen“ der Bochumer Kommunist Wilhelm Nowak (ab 1961 als KPD-Mitglied insgesamt 28 Monate inhaftiert wegen Staatsgefährdung, auf der Bochumer Zellekarte steht „Geheimbündelei“, 1968 wird er begnadigt) von seinen Kirchgangs Erfahrungen in Bochum und in Essen. Die Kapellen waren sonntags rappelvoll. Eine Reihe von Beamten konnte weder Tauschgeschäfte, noch Gemurmel ganz unterbinden, Chöre und Posaunengruppen von außerhalb kamen, die Predigt des Pfarrers war ihm zu unpolitisch. Allzu weit ist es nun nicht mehr bis zu den Strafvollzugsreformen der 70 er Jahre und der Seelsorge von heute. Die hängt am Ende stark von der Persönlichkeit des jeweiligen Seelsorgers ab.

Alfons Zimmer | JVA´en Bochum

 

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