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Spieleabende hinter Gittern: Die Arbeit der „IniZelle“ Würzburg

28. Mai 2026

Die Initiative „IniZelle“ aus Würzburg organisiert seit fast 40 Jahren Spieleabende mit Gefangenen. Über die Arbeit und Erfahrungswerte der Ehrenamtlichen können viele Geschichten erzählt werden. Die Spieleabende stehen für gemütliches Beisammensein, Austausch und Freizeit, ein für viele Menschen zum normalen Alltag zählender Bestandteil, eigentlich nichts Besonderes.

Integration in die Gesellschaft

Häufig wird viel gelacht, vielleicht kommt es mitunter zu persönlichen Themen, Menschen begegnen sich und öffnen sich. Was für Menschen in Freiheit normal klingt, ist für viele Gefangene weit weg und lange her, ihr Alltag ist geprägt von sich täglich wiederholenden Routinen, selten passiert etwas zum bloßen Zweck der Unterhaltung, des Genusses. „Warum auch?“ könnte man sich jetzt fragen – schließlich sind die Menschen aus einem Grund im Gefängnis, schließlich sollen sie bestraft werden, für das, was sie getan haben, schließlich geschieht es ihnen doch Recht. Oder?

Antonia Oberst von der Initiative IniZelle beim Podium anlässlich des Katholikentages in Würzburg.

Vergessen wird in dieser Argumentation jedoch der Resozialisierungsgedanke, der in Deutschland gesetzlich verankert ist. Seit 1973 ist die Resozialisierung, die das Bundesverfassungsgericht als „die Wiedereingliederung des Straftäters in die Gesellschaft“ definiert, das Hauptziel, welches die Verhängung von Freiheitsstrafen zu erreichen gesucht. Ferner darunter gefasst werden sozialpädagogische Angebote, wie Maßnahmen, die die sozialen Kompetenzen der Gefangenen stärken und ihnen helfen sollen, Strategien zur Konfliktlösung zu entwickeln. Auch therapeutische Behandlung und Rückfallpräventionsmaßnahmen zählen dazu, insbesondere all die Hilfsangebote, die dazu dienen sollen, die Entlassung vorzubereiten und die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Für eine solche Integration müssen beide daran beteiligten Seiten zur Mitarbeit bereit sein – einerseits der Straftäter selbst, andererseits aber auch die Gesellschaft, in die es sich zu integrieren gilt.

Art von gedanklichem Beistand

Die gesetzliche Verankerung des Resozialisierungsgedanken stellt eine Forderung an die Gesellschaft, nämlich die eines Selbstverständnisses, das „die Menschenwürde in den Mittelpunkt ihrer Wertordnung stellt und dem Sozialstaatsprinzip verpflichtet ist“. Das Prinzip beschreibt „staatliche Vor- und Fürsorge für Gruppen der Gesellschaft, die auf Grund persönlicher Schwäche oder Schuld, Unfähigkeit oder gesellschaftlicher Benachteiligung in ihrer persönlichen und sozialen Entfaltung behindert sind“, ein Gedanke, der auch im Christentum tief verankert ist. „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen, und an die Misshandelten, als wäre es euer Körper, der misshandelt wird“ heißt es in Hebräerbrief (13,3), aufgerufen wird hier zu einer Art von gedanklichem Beistand, der Sympathien und Unsympathien übersteigt und den Menschen als Menschen sieht, ohne von Vorurteilen geleitet zu sein. Für wie viele Menschen ist das Gefängnis ein Ort ohne Bezug, ein von der restlichen Gesellschaft abgeschirmter Ort, ein Ort, den man möglichst vermeiden will, physisch wie gedanklich?

Durch Besuche zur Resozialisierung beitragen

In einer Welt, in der die Medien uns Konsumenten ständig mit Problemen und Leid konfrontieren, in einer Welt voller Missstände, voller offensichtlichem Leid, ist es verständlich, sich nicht auch noch mit dem Leid und den Bedürfnissen derer zu beschäftigen, die sich verborgen hinter Gittern befinden. Doch dieses Denken ist kurzfristig, langfristig werden die Gefangenen unweigerlich wieder zu einem Teil der Gesellschaft, womit sich auch deren Probleme und deren Leid vom geschlossenen Bereich der Justizvollzugsanstalt auf den gesamten Bereich der Gesellschaft verlagern, sofern sie nicht frühzeitig angegangen werden. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass noch nicht genug passiert, dass die Resozialisierung inhaftierter Strafgefangener mitunter nicht gelingt, dass die Rückfallquoten hoch sind, genauso wie auch die Stigmatisierung. Was kann die Gesamtgesellschaft also tun, um Resozialisierung möglich zu machen? Aus dieser Überlegung heraus und mit dem christlichen Gedanken unvoreingenommener Nächstenliebe entwickelte sich 1989 ein neuer Arbeitskreis der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg KHG. Die KHG steht dafür ein, den christlichen Glauben konkret zu leben und Kirche mitzugestalten, wobei solidarisches Engagement, Einsatz für Gerechtigkeit und gesellschaftliches Miteinander zu den Leitsätzen gehören. Drei Würzburger Jurastudenten waren vor fast 40 Jahren die Initiatoren eines Projektes, das bis heute besteht. Ihre Idee, durch Besuche in Gefängnissen zur Resozialisierung beizutragen, wurde unter Richard Hübner, der 1989 selbst Student war, zu einer Initiative, der sogenannten „IniZelle“. Für über 30 Jahre war Richard Hübner als KHG-Referent tätig und zählte die Initative Zelle zu seinen Aufgabengebieten.

„Kleiner Ausbruch“ ermöglichen

Das Konzept? Gefangenen einen kleinen „Ausbruch“ aus dem Gefängnisalltag zu ermöglichen, gemeinsame Momente zu verbringen, und vor Allem Gemeinschaft zu signalisieren. Über die Jahre wuchs das Konzept immer weiter an, stellte sich neuen Herausforderungen, doch die grundlegende Idee blieb bestehen. Heute zählt die IniZelle über 40 Mitglieder, hauptsächlich Studierende, die in wöchentlichem Rhythmus Gefangene besuchen und gemeinsam Spieleabende organisieren. Lange Zeit fanden die Spieleabende ausschließlich in der Männerabteilung der Justizvollzugsanstalt Würzburg statt, seit 2023 wird auch die Frauenabteilung besucht, im zweiwöchentlichen Takt finden außerdem Besuche in der Jugendstrafanstalt Ebrach statt. Die Gefangenen können sich über einen Aushang auf ihrer Station für die Spieleabende anmelden und werden gemeinsam in den Gruppenraum des jeweiligen Gefängnisses gebracht, wo die ehrenamtlichen Mitglieder der IniZelle schon auf sie warten, mitgebracht haben sie verschiedene Spiele, von denen gemeinsam eines ausgesucht wird.

Miteinander reden können, macht uns zu Menschen

Knappe 90 Minuten Zeit hat die Gruppe von bis zu 10 Gefangenen und meist 2 oder 3 Ehrenamtlichen, doch es sind 90 Minuten, die nachwirken, auf beiden Seiten. Gemeinsam wird gelacht, gespielt, manchmal erzählt ein Gefangener von seinem Alltag, Gespräche entstehen. Die Ehrenamtlichen geben keine persönliche Informationen weiter. Probleme oder Gefühle von Unsicherheit habe es bisher nicht gegeben, eher wird die Zeit als kurzlebig wahrgenommen und ist für alle Beteiligten eine schöne Erfahrung, an die sie gerne zurückdenken. Im internen Dokumentationssystem der IniZelle werden die Spieleabende kurz beschrieben, Erfahrungswerte und Wünsche der Gefangenen werden festgehalten, aufkommende Fragen werden adressiert. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder der IniZelle im Plenum, um sich auszutauschen, sich aufkommenden Fragen zu stellen, und nächste Termine zu vereinbaren. Mittlerweile fast 40 Jahre durchgängiges Engagement sprechen für sich: auch für die Mitglieder der IniZelle sind die Spieleabende eine bereichernde Erfahrung, die einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus gewährt und Begegnungen ermöglicht, die sonst unwahrscheinlich wären. Hinter jedem Gefangenen steckt eine individuelle Geschichte, eine Biographie, Lebensentscheidungen, die nicht immer richtig gewesen sein mögen, aber auf denen auch neue Wege aufbauen können – dafür braucht es Hoffnung, und die kann schon durch kleine Erfahrungen, wie durch einen unbeschwerten Spieleabend, gestärkt werden.

Nicht selten werden die Ehrenamtlichen von den Gefangenen gefragt, warum sie ihre freie Zeit dafür opfern, ins Gefängnis zu kommen, an einen Ort, den die meisten Gefangenen selbst freiwillig niemals aufsuchen würden. Die Antwort folgt nicht immer direkt – für die Ehrenamtlichen ist es klar, dass sie selbst daran an Erfahrung gewinnen und sich persönlich weiterentwickeln können. Doch schlussendlich steckt in der Frage eine wichtige Botschaft: Viele Gefangene haben selten Kontakt zur Außenwelt, nicht wenige von ihnen glauben, dass die Gesellschaft sie schon aufgegeben hat, dass die Möglichkeit, Fuß zu fassen, von anderen angenommen zu werden, nicht mehr besteht. Die Würzburger Initative möchte durch ihr Engagement das Gegenteil signalisieren: Durch menschliche Begegnung eröffnen sich neue Wege der Hoffnung, Begegnung schenkt Perspektive, vor allem, wenn sie unvoreingenommen und auf Augenhöhe passiert. Für viele Gefangene sind diese kleinen Momente entscheidend, in denen sie kurz vergessen, dass sie im Gefängnis sind, und sich stattdessen als Teil eines großen Ganzen fühlen. Denn was der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers vor fast 100 Jahren erkannte, gilt noch immer: „Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen“.

Antonia Oberst
Siehe auch: Arbeitskreis „Knast“ in der JVA Nürnberg…

 

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