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Mein Sorgenkind – Ein Vater berichtet

In seiner Freizeit traf sich mein Sohn ab dem 9. Schuljahr zunehmend häufiger mit schrägen Typen, um manchmal zu kiffen. Abnabelung, dachte ich, irgendwie normal, wird sich wieder geben. Am Ende der zehnten Klasse schrammte der damals 16-jährige haarscharf an der Mittleren Reife vorbei. Qualifizierter Hauptschulabschluss ist auch okay, dachte ich. Danach besuchte Tobias ein Berufskolleg, um die Fachoberschulreife zu erwerben. Dachte ich.. .

 

Nach wenigen Wochen begannen unentschuldigte Fehlzeiten, von denen Ich erst zum Halbjahreszeugnis erfuhr. Mit engen Kontakten zu seinem Klassenlehrer hoffte ich, ihn von dem Irrweg abzubringen, dass er doch noch den angestrebten Abschluss erwerben würde. Doch verlor er zunehmend die Lust am Lernen und am „normalen“ Leben. Zwei weitere Versuche, die Fachoberschulreife auf einem Berufskolleg nachzuholen, scheiterten. Mehrere Praktika oder Versuche, eine Lehre zu machen, brach er nach kurzer oder längerer Zeit ab.

Tobias verkehrte mit Freunden, die ihm nicht gut taten. Kleinkriminalität, Konsum und Verkauf von Cannabisprodukten, Betrügereien zur Beschaffung von kleineren und größeren Geldmitteln, Sachbeschädigungen und immer wieder Fahren ohne Fahrerlaubnis prägten die Jahre. Mehrere Aufenthalte im Jugendarrest, im Jugendknast und zuletzt im normalen Strafvollzug folgten. Seit November letzten Jahres sitzt er wieder ein: in der JVA Düsseldorf, zwischenzeitlich mal einige Wochen in der Jungtäteranstalt in Verl und jetzt im Offenen Vollzug.

Unser Sohn wollte der Chef sein

Meine Frau und ich haben immer wieder versucht, unseren Sohn von seinem falschen Weg abzubringen und ihn was weiß ich wie oft unterstützt bei den Bewerbungen, bei der Beschaffung einer Wohnung. Wir haben eine Familientherapie bekommen, wir beide und er. Dabei stellte sich seine Lebenseinstellung und seine Grundhaltung heraus: Tobias wollte uns Eltern in der Hand haben, wollte unser Chef sein. Wir sollten ihm geben, was immer er wollte. Wir waren wie gefesselt oder wie an einer langen Leine. Wir wussten, dass dies nicht gut war, aber Gespräche halfen nicht, änderten nichts. Gesetze und Regeln galten für andere, Tobias wollte sein eigener Gott sein.

Unser Sohn hatte stets große Ansprüche; denn er hatte ja Geld, oder er organisierte sich welches. Er war nicht bereit, für seinen Lebensunterhalt auf legalem Weg mit seiner Hände Arbeit selbst zu sorgen. Er scheute selbst vor dem Verkauf illegaler Drogen nicht zurück. Viele Male hat er sich in den vorübergehenden Besitz meiner Scheckkarten gebracht, diese teilweise sogar kopiert, um an das Geld auf den verschiedenen Konten zu kommen. Da Tobias keiner Beschäftigung nachging, hatte er offensichtlich genug Zeit, meine Taschen und meine Geheimverstecke nach den erforderlichen PIN-Nummern zu durchsuchen. Wenn mir das aufgefallen war und ich die PIN-Nummer hatte ändern lassen, versuchte er auf andere Weise an Geld zu kommen. 

Dieses Mal wird er sich bestimmt ändern

Es gelang ihm immer wieder, von uns Eltern größere Geldsummen zu erpressen, indem er etwa behauptete, seinen Dealern schulde er Geld, die brächten ihn um, wenn er nicht zahle, oder Ähnliches. Die Miete für die Wohnung, die ich für Tobias und seine damalige Freundin angemietet hatte, weil er schon lange nicht mehr kreditwürdig war (nicht bezahlte Rechnungen von Bestellungen im Internet) hat er trotz häufiger anderslautender Versprechungen nie bezahlt. Dasselbe gilt für einen Kredit für den Kauf eines Autos. Entgegen seiner zahlreichen Versprechungen hat er nie den Führerschein gemacht. Er hat nicht einen einzigen Teilbetrag des Kredites zurückgezahlt. Wider alle Vernunft haben meine Frau und ich ihm immer wieder vertraut: „Diesmal wird er sich bestimmt ändern“.

Im Januar 2017 wurde mein Sohn u.a. wegen wiederholten Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu neun Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Im März 2017 folgte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen eines geplanten Sprengstoffanschlags auf einen Geldautomaten. Im Januar gab es zwei Urteile: fünf Monate wegen Sachbeschädigung und Scheckkartenbetruges sowie zwei Jahre neun Monate wegen des o. g. Sprengstoffanschlags und weiterer noch nicht vollstreckter Strafen. Von Sommer bis Anfang November letzten Jahres war er auf Flucht, weil er eine Haft nicht antreten wollte.

Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet, seinen eigenen Sohn anzuzeigen? Ich konnte und wollte nicht einfach so die von Tobias erbeuteten Beträge aus eigener Tasche ersetzen.

Muss Strafe muss sein!? Ja, zweifelsohne: Tobias hat uns Eltern über viele Jahre ausgenutzt und wie einen Goldesel gemolken – mit Erfolg. Wir haben die Liebe zu unserem Sohn, dem einzigen der sechs angenommenen Kinder, das seit seiner Geburt bei uns war, trotz all dem, was er uns angetan hat, nie aufgegeben. Zwischenzeitlich habe ich versucht, zu ihm auf Distanz zu gehen, den Kontakt zu ihm zu verringern und möglichst zu vermeiden. Gut gemeinte Ratschläge von Freunden und Kollegen wie „Schmeiß ihn `raus!“ oder „Gib dem doch kein Geld mehr!“ oder „Brich doch den Kontakt zu dem Verbrecher ab!“ konnte ich nicht befolgen. Co-Abhängigkeit? Dummheit?

Irgendwann habe ich gemerkt, wie ich in meinem Inneren Hass gegen meinen Sohn entwickle. Den eigenen Sohn hassen? Das ging gar nicht. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass Tobias jetzt endlich einsitzt und die Konsequenzen für seine Straftaten tragen muss.

Hätte ich das Cannabiszeug, das er vor seiner Festnahme in unserer Wohnung versteckt hatte und das die Polizisten bei seiner Festnahme nicht gefunden haben, zur Polizei gebracht, anstatt es zu vernichten, hätte er bestimmt noch ein oder zwei Jahre Haft draufbekommen. Ich bin erst recht nicht böse, dass das monatelange Auf-Flucht-Sein vor seiner Festnahme ein Ende hat. Dies hatte die Familie über Monate aufs Äußerste belastet.

Ich wünsche ich mir, dass es meinem Sohn auch in der Haft den Umständen entsprechend gut geht, dass er den Mut nicht verliert und dass er sich als Mensch respektiert erfährt. Ich wünsche mir, dass Tobias  jetzt im Offenen Vollzug an sich arbeiten kann und die dazu notwendige Hilfe erfährt. 

Ein betroffener Vater

 

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