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Unvergänglicher Sommer? Nicht nur ein Lese-Tipp

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Sommerzeit. Zeit zu Entspannen, Abschalten und sich Erholen? Kann man/frau dies angesichts der Corona-Zeit? Ein “unvergänglicher Sommer” ist es nicht. Philosophieren und die Zeit nutzen, die ich geschenkt bekomme. Im Jetzt und nicht Später irgendwann. Lange-Weile darf gestaltet, das Nichts ausgehalten und Impulse der aktuellen Wirklichkeit beschrieben werden. Viele namhafte Autoren haben es schon in Büchern beschrieben, trotzdem kann es spannend für jeden Einzelnen bleiben, die momentane Wirklichkeit zu SCHREIBEN.

Gestern, da wollte ich schon schreiben, aber da schwieg ES, den ganzen Tag. Das war so. Heute Morgen setze ich mich auf die Terrasse mit meinem neuen Buch von Isabel Allende “Ein unvergänglicher Sommer”. Etwas neidvoll folge ich in der mir vermeintlich bevorstehenden morgendlichen-Stille den Rot-Milanen, drei sind es, die mit Freiheits-Lust-Freude-Schreien, lässig, feder-leicht höher und höher, dem auftreibenden Wind folgen. Während mich noch die rosa-braunen, von Unten-her-schön-anzusehenden-Vogel-Körper und Formationen be-zaubern, höre ich die laut-tönenden Auseinandersetzungen der Nachbarn, die aktuell ihr Haus verschönern und verbessern und streichen.

Einem Friedhof gleichen diese Häuser in der Siedlung, in der ich wohne, mit vielen Steinen, anstatt Gärten mit bunten-Unkraut-Blumen-Gemüse-Salat-Rabatten. Sie muten an wie Gräber, in denen sich Familien-Generationen bereits schon jetzt scheinbar vorbereitend eingewöhnen. Große, graue Steine, versehen mit Hausnummern, sprechen ihre eigene Sprache. Der Streit der Nachbarn ist in russischer Sprache und ich verstehe kein Wort. Schade eigentlich. Habe ich doch HEUTE noch kein spannenderes Programm, als den Aufregungen der Nachbarn zu folgen.

Ein unvergänglicher Sommer

Ein Schneesturm in Brooklyn, und den Auffahrunfall tut Richard als belanglose Episode ab. Aber kaum ist der eigenbrötlerische Professor zuhause, steht die Fahrerin des anderen Autos vor der Tür. Evelyn ist völlig aufgelöst: In ihrem Kofferraum liegt eine Leiche. Zur Polizei kann sie nicht, denn das scheue guatemaltekische Kindermädchen ist illegal im Land. Richard wendet sich Hilfe suchend an Lucía, seine draufgängerische chilenische Untermieterin, die ebenfalls an der Uni tätig ist. Lucía drängt zu einer beherzten Aktion: Die Leiche muss verschwinden. Hals über Kopf machen sie sich auf den Weg in die nördlichen Wälder, auf eine Reise, die die drei zutiefst verändern wird. Und am Rande dieses Abenteuers entsteht etwas zwischen Richard und Lucía, von dem sie beide längst nicht mehr zu träumen gewagt hatten.

“Nicht die Schwerkraft hält unser Universum im Gleichgewicht, sondern die Liebe.” Isabel Allende erzählt uns eine Geschichte, wie nur sie es kann, beseelt, humorvoll und lebensklug. Eine Geschichte von Flucht, Verlust und spätem Neuanfang. Und davon, wie viel wir Menschen erleiden können, ohne unsere Hoffnung zu verlieren.

Eine Weile folge ich den mir exotisch-anmutenden-russisch-ärgerlichen Klängen gebe aber dann bereitwillig den am Morgen ruhig und still geglaubten Platz auf meiner Terrasse auf. EINKAUFEN. Eine weitere abwechslungsreiche Idee an diesem Tag. Nachmittags: Klappe die II. Der Wind weht nordsee-artig heftig. Ich hole mir meinen orange-seidenen Schal, um meinen Hals und meine jederzeit zum Ausbruch-bereiten-Bronchien direkt an seiner/ihrer Rebellion zu hindern. Das Wolkenkino: da küsst ein winzig-kleiner Bär den Hals seiner übergroßen Mutter.

Es gäbe auch sonst noch einiges her an Programm und weiterführender Fantasien. Denn die meisten Wolkenfilme sind keine Wiederholungen, sie kleben sich stetig verändernd am Himmel wie Bestätigungen und Unterschriften unserer Lebensdramen. Spiegel für das Erd-bewohnen. Die Wolkendecke jetzt am Nachmittag ist durchgehend grau und sehr dicht, keine Bilder… es ist warm und ich sitze mit meinem Buch und genieße! Das Schicksal zweier Frauen aus Chile und Guatemala und das eines Mannes aus Brooklyn.

Mein noch-neu-begonnenes-begonnener LEBENsabschnitt scheint ziel- und themen-los. Aber: ich lang-weile mich nicht einmal darin. Ich genieße es, Stille-zu-Halten, NICHTS-zu TUN, einfach DA-SEIN… und gleichzeitig verabscheue ich es beinahe, bequem und leicht-luftig diese “freien-Tage” hin-zu-nehmen. Das Wort “Ver-dienen” könnte jetzt an dieser Stelle eine oder zwei DINA-4-Seiten füllen. Aber nein, mach ich nicht.

K.H.

 

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