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Skype im Knast: Bildschirm-Blick nach draußen

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Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Detmold können per Bildtelefonie Kontakt mit Angehörigen aufnehmen. In Nordrhein-Westfalen ist das nur in Detmold möglich – dank eines Pilotprojektes. Ein Modellversuch mit Skype, dem seit Jahren bekannten System für Internet-Bildtelefonie? Das hat in einer Welt, die von einem digitalen Hype zum nächsten rast, ja fast schon nostalgischen Charme.

Aber nicht die gesamte Welt ist digital. Die Welt von Klaus-Dieter E. zum Beispiel nicht. Sie ist klein, eng, abgeschlossen. Der 71-Jährige sitzt im Knast an der Bielefelder Straße in Detmold, dreieinhalb Jahre hat er noch. Besuch bekommt er selten. Aber einmal in der Woche hat er jetzt ein Fenster nach draußen. Klaus-Dieter „skyped“ dann. Das ist ein auf ein Jahr begrenzter Modellversuch, erklärt Kerstin Höltkemeyer-Schwick, die Chefin der Justizvollzugsanstalt Detmold. Hier steht der einzige Bildschirm hinter Gittern in NRW, von dem aus Gefangene per Bildtelefonie sprechen können.

Skype kann Ergänzung für Besuch sein

Fünf Tische mit jeweils vier Stühlen stehen im Besucherraum der JVA, dazu zwei Automaten mit Süßigkeiten und eine Kinderspielecke. Eine Wand ist halbhoch verglast, dahinter sitzt Wolfgang Maas, der als JVA-Beamter die Besuche überwacht. Unterhalb des Fensters steht ein kleiner Tisch mit einem Monitor darauf,  Hier nimmt Klaus-Dieter E. Platz, setzt die Kopfhörer mit Mikrophon auf und wartet.

In Erfurt wählt seine Tochter am Computer jetzt den Skypeanschluss an, bei Wolfgang Maas leuchtet ein Symbol auf. „Guten Tag, ich schalte jetzt frei“, sagt Maas und stellt die Verbindung her. „Der richtige Besuch von Mensch zu Mensch ist nicht zu ersetzen, aber wenn das nicht möglich ist, ist Skype ein guter Ersatz“, sagt Kerstin Höltkemeyer-Schwick. In der JVA sitzen viele ältere Gefangene, deren Verwandtschaft weiter weg wohnt, mancher Inhaftierte hat seine Angehörigen im Ausland.

In einigen JVA’ en können Gefangene eine registrierte Telefon-Nr. wählen und in der so genannten „Flurtelefonie“ anrufen. Voraussetzung: Der Angerufene muss schriftlich zustimmen, es wird akustisch überwacht und man benötigt Telefongeld.

Soziale Kontakte ermöglichen

Zudem verlangt das neue Vollzugsrecht, den Gefangenen mehr soziale Kontakte zu ermöglichen. Deshalb hat die Chefin beim Ministerium Bedenken aus dem Weg geräumt und die Skype-Idee aus der JVA Lingen in Niedersachsen übernommen. In Düsseldorf will man nun abwarten, wie die Detmolder Erfahrungen ausfallen. Dann werde man überlegen, ob man Skype auch in anderen Haftanstalten einführe, heißt es aus dem Justizministerium.

Über den Computer können Vater und Tochter eine Stunde pro Woche miteinander reden. Dafür hat E. einmalig 10 Euro Selbstbeteiligung gezahlt und sich mit dem ungewohnten Gesprächsmittler Bildschirm angefreundet. „Wir haben ihn erst einmal behutsam herangeführt an das Thema, einen PC kannte er nicht“, berichtet Wolfgang Maas, während er seinen „Schützling“ durch die Scheibe beobachtet. Was E. und seine Tochter reden, hört der Beamte nicht. Genau wie die leiblichen Besuche wird auch der Skype-Kontakt nur optisch überwacht – via Bildschirm. Taucht aber jemand auf dem Bild auf, der nicht dort hingehört, wird die Verbindung getrennt.

Druck vom Kessel nehmen

Selbstredend darf nicht jeder mit den Gefangenen skypen. Roger Klee, in der JVA zuständig für die IT-Sicherheit, hat bei der Einrichtung des Platzes auch darauf geachtet, dass der Skype-Rechner keine Gefahr für die Datensicherheit in der JVA ist, er ist nicht ins Netzwerk eingebunden und stark gesichert. Mehr Kontakt zur Freundin, Frau, den Kindern draußen nimmt drinnen Druck vom Kessel und ist gut fürs Klima, davon ist Höltkemeyer-Schwick überzeugt.

Der Anfangserfolg mit Skype stützt diese Annahme. Vor zwei Wochen erst hat Wolfgang Maas den Aushang dazu gemacht, vier Gefangene haben ihn bereits angesprochen und möchten auch skypen. „Ich bin überglücklich, dass ich das machen darf“, unterstreicht Klaus-Dieter E. „Erst war ich ganz schön aufgeregt, aber das geht so einfach…“, sinniert er. Natürlich wäre es schöner, seine Tochter säße direkt vor ihm, „aber das hier ist auch einwandfrei.

Thorsten Engelhardt | Lippische Landeszeitung

Das Pilotprojekt ist beendet

Nach Erprobung wird das Angebot nicht gemacht werden können, weil der Aufwand zu groß wäre. Dabei war die neue Technik für gut befunden worden. Eine Einführung in anderen JVA‘ en in Nordrhein-Westfalen wurde vorerst auf Eis gelegt. Grund: Fehlendes Personal für die Überwachung. Nur in der JVA Wuppertal-Ronsdorf wird Skype stellenweise eingesetzt. In Thüringen und Niedersachsen besteht weiter die Möglichkeit mit Skype Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen. Nach einem Sicherheitskonzept müssen sich Angehörige oder die Kontaktperson schriftlich vorab ausweisen.