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Ein Zug in Syrien. Sam (Yahya Mahayni) legt den Arm um seine Geliebte Abeer (Dea Liane). Nein, doch nicht in der Öffentlichkeit, protestiert die junge Frau. Sie kommt aus besserem Haus, soll einen Diplomaten heiraten und nach Brüssel gehen. Ihr Geliebter dagegen ist ein armer Schlucker. Sam reagiert sauer, die Freundin beruhigt ihn mit lang ersehnten Worten: „Ich liebe dich“. Da kann der junge Mann nicht an sich halten, posaunt seine Freude laut hinaus, lässt das ganze Abteil daran teilhaben. Im Überschwang rutscht ihm dabei auch ein verhängnisvoller Satz heraus: „Es lebe die Revolution“.

Das bedeutet im Jahr 2011, zu Beginn des Bürgerkriegs: Gefängnis, Flucht in den Libanon und wegen eines Reiseverbots das drohende Aus für die Liebe seines Lebens. Doch im Exil trifft Sam auf den Starkünstler Jeffrey (Koen De Bouw). Der Konzept-Artist ist ein Provokateur. Sein Angebot: Den Rücken von Sam als Kunstwerk zu tätowieren. Als Gegenleistung bekommt Sam eine Million Euro und ein Schengen-Visum, das den Weg nach Brüssel zur Geliebten frei macht.

Subtile Irritationen

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania (Beauty and the Dogs) lässt von der ersten Minute an keinen Zweifel, welchen Blick sie auf die avantgardistische Kunstwelt wirft: einen mindestens ironischen, oft satirischen und manchmal auch sarkastischen. Kamerawinkel, Kostüme und Raumerkundungen überhöhen das Getue auf Vernissagen, den Starkult, die Posen vermeintlicher Kenner und die dezente Unterwürfigkeit herausgeputzter Assistentinnen in eine entlarvende Künstlichkeit. Das hat der Film mit der ebenso köstlichen Satire The Square (2017) von Ruben Östland gemein. Darüber hinaus nutzt die Regisseurin die kunstvollen Spiegelungen, ausgefeilten Kompositionen und subtilen Irritationen, um eine Identitätssuche zu illustrieren. Sam hat im Liebesüberschwang einen Fehler gemacht. Er wird Zeit brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden.

Kaouther Ben Hania hat bislang mehr Dokumentar- als Spielfilme gedreht. Und auch ihre fiktiven Arbeiten basieren auf realen Gegebenheiten. Das ist bei ihrem neuen Werk nicht anders, das von einem real existierenden, aber höchst umstrittenen Kunstwerk inspiriert ist. Doch stilistisch hat die Regisseurin diesmal keine Anleihen beim Dokumentarischen gemacht. Vielmehr bezieht ihr Drama seine Kraft aus atemberaubenden, künstlerisch ausgefeilten Bildkompositionen. Schließlich ist es ja auch ein Film über Kunst, wenn auch über deren Grenzbereiche.

Schockierende Realitätssplitter

Bewundernswert ist auch die erzählerische Ökonomie, mit der das Drama seinen Platz sowohl in der Kunstsatire wie in Bezug auf die Geschichte der grausamen syrischen Realität behauptet. Sam skypt regelmäßig mit der Familie. Was er da zu hören und sehen bekommt, sind beschwichtigende Berichte, die das Ausmaß des Elends abmildern wollen. Aber in einer Szene bricht die Realität in voller Wucht durch. Jemand stört in der syrischen Wohnung Sams Gespräch aus Brüssel mit der Mutter. Kurz darauf steht der Laptop ein Stück weiter weg, gibt die Sicht auf die Beinstümpfe der Mutter frei. „Wie lange ist das so“, fragt der entsetzte Sohn. Seit einem Jahr, eine einstürzende Wand hat ihr die Beine zerquetscht.

Aufgrund der ironischen Bildsprache könnte man glauben, die Regisseurin urteile moralisch eindimensional. Aber dem ist nicht so. „Nicht ich bin zynisch“, legt sie dem Provokateur Jeffrey in den Mund. Die Welt sei zynisch, wenn sie illegalen Organhandel, Zwangsprostitution und Leihmutterschaft zulasse. Seine Aufgabe sei nur, unangenehme Wahrheiten in drastischer Form auszusprechen. Außerdem: Wer wollte Sam, dem Geflüchteten, das Recht absprechen, alles zu tun, um seine Geliebte wiederzusehen? Der Film hält solche Überlegungen offen, viele Antworten sind möglich. Schließlich ist die Fragestellung nicht banal. Der Geschichte liegen reale Fakten zugrunde.

filmrezensionen.de | Fotos: eksystent Filmverleih

 

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