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Sehnsucht nach Nähe. Brauchen etwas mit Haut…

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Neue Normalität. Das Ver-rückte wird zur Norm. Eine „normale“ Beerdigung rückt auch die nächsten Angehörigen auseinander, sie sitzen eineinhalb Meter getrennt voneinander. Sich gegenseitig berühren, die Hand halten, streicheln, alles streng verboten. Gerade in der Stunde des Abschieds, wo Nähe so Not tut. Und dann noch der Lappen im Gesicht, der den Trauernden die Luft nimmt. Weinen mit Maske. Zum Heulen. Zur Trauerfeier ist nur eine eingeschränkte Zahl von Personen zugelassen. Teilnehmerliste statt Kondolenzliste. Singen verboten. Musiker müssen draußen spielen, draußen vor der Tür.

Auch am Grab Abstand halten. Umarmen, drücken, Anteilnahme zeigen, normal in  Ruhe Abschied nehmen, das war einmal. Die neue Wirklichkeit ist wirklich irreal. Das darf doch nicht wahr sein: Das Begräbnis wurde begraben. Im Heim fühlt sich der alte Mensch in seinem Zimmer lebendig begraben. Monatelang isoliert, abgeschnitten von den Mitbewohnern und der Außenwelt, eingeschlossen hinter der verschlossenen Tür. Wie im Knast. Die Schwestern und Pfleger in Schutzkleidung, total vermummt, mit Gummihandschuhen. Vor allem Demenzerkrankte brauchen einen Menschen, den sie mit Händen greifen können, einen Menschen zum anfassen. Nicht zu fassen, dass niemand mehr zu Besuch kommt oder man sich hinter der Trennscheibe gegenübersitzt. Unzählige gehen ein an Vereinsamung, sie zählen nicht. Der Tod vor dem Tod taucht in keiner Statistik auf. Ein stilles Sterben im Verborgenen. Lebende Tote. Tote Lebende. Nicht nur im Alten- und Pflegeheim. Auch in den eigenen vier Wänden kann Einsamkeit genauso tödlich sein wie Krebs. Menschen sterben nicht am Tod allein, nicht erst am Ende ihres Lebens. Der letzte Tod ist oft recht gnädig in Vergleich zu den vielen Toden, die jemand vorher in seinem Leben erlitten hat.

Aber der Weg bis zum Tod ist durch die Corona-Schutzmaßnahmen  vielfach noch schwerer geworden. Infolge des Besuchsverbots im Krankenhaus liegen nicht nur Covid-19 Patienten alleine da, allein mit ihrer Angst, sich selbst überlassen. Für die Angehörigen ist es furchtbar,  den geliebten Menschen im Stich zu lassen. So mancher stirbt, ohne dass jemand ihm beisteht, ihm die Hand hält und streichelt. Einsam und verlassen sterben – der letzte Tod. Und die Schuldgefühle der Hinterbliebenen machen den Rucksack der Trauer noch sehr viel schwerer.

Wir alle leiden unter Corona, wir vermissen die menschliche Nähe, uns fehlen die kleinen Gesten voller Wärme. Wir begrüßen uns auf Abstand, schicken uns die  herzliche Umarmung per E-Mail, doch die ersetzt nicht den Arm um die Schulter, das Gefühl angenommen zu sein. Wir möchten Nähe hautnah erfahren – wie der kleine Junge, den die Mutter abends ins Bett bringt. Nach dem Abendgebet sagt sie zu ihrem Bub: „Hab keine Angst. Gott ist bei dir, er ist dir ganz nahe.“ Kurze Zeit später kommt das Kind zu seiner Mutter gerannt, kuschelt sich ganz nahe an sie heran und sagt: „Ich weiß schon, dass Gott in meinem Zimmer ist, aber ich brauche etwas mit Haut drumrum.“

Die Haut ist nicht nur das größte Organ, sie ist auch das Organ der Seele. Und darum tut uns Hautkontakt so gut. Über die Haut erfahren wir, dass wir angenommen, geliebt sind. Nackt liegen wir uns in den Armen. Auch im Alter genießen wir es, noch wie ein Baby gestreichelt zu werden. Wir hungern nach Haut. Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Eine Berührung, eine Umarmung, ein Drücker, ein Kuss sind wahre Lebensmittel.  Der distanzierte Umgang kann gewiss auch Ausdruck von Zuwendung sein. Wir Menschen sind aber nicht nur geistige, sondern körperliche Wesen. Wir sehnen uns nach Wärme und Nähe, wir brauchen etwas mit Haut drumrum.

Anfangen, bei mir anfangen
Demut, in die Knie gehen
Vertrauen, dem Leben trauen
Engel auf zwei Beinen
Näher zu dir, mein Gott
Tragen, das Leid mittragen

Corona-bedingt können Berührungen zur tödlichen Gefahr werden. Wir sitzen in der Falle. Was tun? Mit voll isoliertem Schutzanzug kommt kein Hautkontakt zustande. Corona zum Trotz ist das Wort Fleisch geworden, Haut drumrum. Das Kind in der Krippe gibt der Liebe Hand und Fuß. Geben wir weiter, was wir empfangen haben – mit Herzen, Mund und Händen! Gott ist zu uns gekommen, heruntergekommen. Machen wir es wie Gott. Werden wir Mensch!

Advent fängt mit A an, A wie AHA: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen Advent endet mi T, T wie Tun, in der Tat. Gott ist ein Tätigkeitswort. Aha!

Petrus Ceelen

 

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