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Dortmunder Gefängnis. Schatten der Vergangenheit

Aus dem Rahmen fallen. Gefängnis damals und heute
10. Juli 2020

Unter privatem Engagement zweier Bediensteter der Justizvollzugsanstalt Dortmund ist die wechselvolle Geschichte der JVA Dortmund aufgearbeitet worden. 160 Jahre Dortmunder Gefängnisgeschichte sind mehr oder weniger bekannt. Besonders die Nazi-Diktatur veränderte die Gesamtjustiz. Das Gerichtsgefängnis richtete 1934 bis 1936 auf altpreußische Art mit dem Handbeil mindestens fünf Menschen hin. Das Buch “Im Schatten der Vergangenheit” erzählt die Entwicklung der rechtlichen und architektonischen Rahmenbedingungen. Es zeichnet die Bestrebungen des Staates seit Preußen in der Resozialisierungsarbeit der Gefangenen auf, ohne ihre Rückschläge zu verbergen.

Die Kreisgerichte mit ihren Gefängnissen entstanden im preußischen Staat um 1849. Die Privatgerichtsbarkeiten wurden aufgehoben, da der preußische Staat einheitliche Gerichtbarkeiten schaffen wollte. Aus dem Stadt- und Landgericht Dortmund wurde das Kreisgericht Dortmund. Nach den Reformen benötigte Dortmund ein neues Gerichtsgebäude. Das dazugehörige Gerichtsgefängnis Dortmund sollte mitgebaut werden. Die Bauarbeiten fingen 1857 an und wurden erst 1861 vollständig abgeschlossen. Doch bereits ab dem 28. Januar 1860 wurden die Gebäude zweckmäßig genutzt. Schnell wurde es eng und der Streit zwischen der inzwischen fast 100 000 Seelen zählenden Stadt und dem Justizministerium landete vor dem Abgeordnetenhaus, da die Justiz nicht gewillt war umzuziehen. Schlussendlich wurde 1898 ein Tauschvertrag über das alte Grundstück und den heutigen Grundstücken des Amtsgerichtes und der Justizvollzugsanstalt Dortmund geschlossen. Seit dem 4. Dezember 1902 ist das damalige Gerichtsgefängnis an ihrem heutigen Standort. Seitdem hat dieses Gebäude einiges erleben dürfen und müssen.

Dortmund wird als zentrale Hinrichtungsstätte bestimmt (aus Archiv Steinwache Dortmund). Links: Kreuz aus dem Hinrichtungsraum (Ablichtung vom Orginal im Stadtarchiv Dortmund). Quelle: Stadtarchiv Dortmund

Dunkelste Geschichte

Nicht nur die Novemberrevolution 1918 hatte Auswirkungen auf das Gefängnis. Auch im Juni 1923 wurde die Anstalt unter Waffengewalt durch Frankreich eingenommen und bis zum Ende der Ruhrbesetzung als Französisches Polizeigefängnis betrieben. Nach der Elektrifizierung der Anstalt kam dann die dunkelste und grausamste Zeit. Die Nazi-Diktatur veränderte die Gesamtjustiz – das Gerichtsgefängnis richtete 1934 bis 1936 auf altpreußische Art mit dem Handbeil mindestens fünf Menschen hin. Danach war bis 1943 das alte Gefängnis Klingelpütz (JVA Köln am alten Standort) für die Hinrichtung mit dem Fallbeil u.a. auch für Dortmunder Fälle zuständig. Am 30.April 1943 wird dennoch Dortmund als zentrale Hinrichtungsstätte bestimmt und das Tegeler Fallbeil kommt am 2. Juni 1943 zum Einsatz und soll bis zu ihrer Zerstörung gegen Kriegsende über 305 Männer und Frauen vom Leben trennen. Gleichzeitig waren mindestens fünf Dortmunder Aufseher von 1943-1945 in dem Außenlager Union des KZ Buchenwald eingesetzt, in der Mädchen und Frauen für die Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden. Bei Kriegsende hatte das Gefängnis wenige Schäden zu verzeichnen.

Daher ordnete die britische Besatzungsmacht die Aufstellung eines neuen Fallbeils an, welches nach dem noch halbwegs intakten Modell aus Wolfenbüttel nachgebaut wurde. Bis 1948 werden etwa 50 weitere Menschen über die Klinge geschickt – zumeist Todesurteile aus den Militärgerichten der Alliierten. Von 15 Todesurteilen deutscher Gerichte werden alleine 13 in Dortmund vollstreckt, denn Dortmund ist die einzige intakte Hinrichtungsstätte des Westens. Da die französische Militärregierung in der JVA Mainz auch ein Richtgerät einrichten wollte, wird das Dortmunder Gerät kopiert. Heute ist diese Kopie unter der letzten Mainzer Guillotine bekannt und kam nie zum Einsatz. Nachdem das Grundgesetz in Kraft tritt endet auch die grausame Zeit im Gerichtsgefängnis. 1950 ordnet der damalige Justizminister Amelunxen als eines seiner ersten Amtshandlungen die Demontage und Zerstörung des Dortmunder Geräts an. Im selben Jahr wird auch der als Chef-Oberaufseher des Lagers Union eingesetzte Dortmunder Aufseher Ernst Köppelmann zu 15 Jahren schwerste Zwangsarbeit durch ein belgisches Gericht verurteilt. Er soll im KZ Außenlager während seines Dienstes Mädchen und Frauen misshandelt haben. Von der Verurteilung wegen Mordes blieb er nur durch ein Zuständigkeiten-Wirrwarr verschont.

Die damalige Kirche der JVA Dortmund.

Vom Männer- und Frauenvollzug zum Jugendvollzug

Nach dieser Zeit erlebte die JVA große Probleme mit Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und Wohlstandskrankheiten. Die Anstalt bekommt in der Nachkriegszeit endlich Sanitäranlagen auf den Zellen, wird stark umgebaut und befindet sich im Umbruch in die Moderne. Viele Vollzugsformen erlebte Dortmund ebenfalls. Fast 60 Jahre war die Anstalt für Männer und Frauen zuständig. Danach gingen die Frauen nach Lünen und der Jugendvollzug kam.

Als Ausleseanstalt für Jugendliche bewies man hier 10 Jahre eine glückliche Hand bei der Auswahl der Jugendlichen, so bescheinigt es ein Jahresbericht aus Hövelhof. Trotz Enge stellt die Anstalt Programme für Jugendliche auf, gewinnt Preise für Kunstwerke der Jugendlichen und ein Theaterstück schafft öffentliche Würdigung. Auch die JVA Castrop-Rauxel geht als Außenstelle Dortmunds ans Netz und wird danach eigenständig. Später ist Dortmund zuständig für jugendliche männliche Untersuchungsgefangene, nachdem jugendliche verurteilte Straftäter Richtung Bochum ausgezogen waren. Heute sind in der JVA Dortmund erwachsene Männer inhaftiert.

Bekir Erçiçek | JVA Dortmund

 

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