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Gefängnisseelsorge im Petersburger Dialog

Seit dem Jahr 2007 gibt es im Rahmen des Petersburger Dialogs die Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“. In ihr kommen Vertreter der evangelischen, der katholischen und der orthodoxen Kirchen aus Deutschland und Russland zusammen, um sich über aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen und ihre Implikationen für die christlichen Kirchen auszutauschen. Anfang Juni fand das Treffen der Arbeitsgruppe in Moskau statt, bei dem der Vorsitzende der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V., Heinz-Bernd Wolters, teilnahm.

Nach der Eröffnung der Tagung durch Archimandrit Filaret, den stellvertretende Vorsitzenden des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats und Koordinator der Arbeitsgruppe Kirchen auf russischer Seite, Kirchenpräsident Joachim Liebig, Mitglied des Petersburger Dialog und Leitender Geistlicher der Evangelischen Landeskirche Anhalts, und Dr. Johannes Oeldemann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn und Koordinator der Arbeitsgruppe “Kirchen und Europa” auf deutscher Seite, widmete sich die Tagung zunächst der gegenseitigen Information über die Organisation und Arbeitsweise der Militärseelsorge in Deutschland und Russland.

Boris Lukitschjow und Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Militär: Nicht “Diener zweier Herren”

Der evangelische Militärbischof in Deutschland, Dr. Sigurd Rink, erläuterte in seinem Vortrag die Regelungen des Militärseelsorgevertrags in Deutschland und skizzierte den Militärseelsorger als „kritischen Partner“ der Soldaten. Militärpfarrer in Deutschland seien nicht „Diener zweier Herren“, sondern trügen ausschließlich kirchliche Verantwortung. Im Vortrag über die ethische Bildung in der Bundeswehr erläuterte der Vertreter des Katholischen Militärbischofsamtes, Prof. Dr. Thomas R. Elßner, die Bedeutung des „Lebenskundlichen Unterrichts“ für die Soldaten. Er dient der Vermittlung von Grundwerten sowie der Charakterbildung der Soldaten, durch die sie befähigt werden sollen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Als positives Beispiel erwähnte er den sowjetischen Soldaten Stanislaw Petrow, der in der Zeit des Kalten Krieges durch sein selbstverantwortliches Handeln einen Atomkrieg verhindert habe. Dies zeige, dass von Soldaten kein unbedingter Gehorsam gefordert werden dürfe, sondern verantwortliches Handeln gemäß dem persönlichen Gewissen erforderlich sei.

Von russischer Seite stellte der pensionierte Oberst Boris Lukitschjow, Assistent des Vorsitzenden der Synodalabteilung des Moskauer Patriarchats für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften, die Tätigkeit orthodoxer Militärseelsorger in Geschichte und Gegenwart dar. Er betonte die wichtige Rolle, die Patriarch Alexij II. bei der Wiedereinführung der Militärseelsorge in den russischen Streitkräften gespielt habe. Auf der Grundlage einer Vereinbarung zwischen Staat und Kirche aus dem Jahr 2009 über die Militärseelsorge sind derzeit ca. 270 hauptamtliche Militärpfarrer in der russischen Armee tätig; die meisten von ihnen sind orthodoxe Priester; es gibt aber auch drei muslimische und einen buddhistischen Seelsorger.

Polizeidekan des Erzbistum Paderborn 
Monsignore Wolfgang Bender (rechts).

Polizisten – gläubige Menschen

Über die Polizeiseelsorge in Deutschland berichtete Michael Bertling, Landespolizeipfarrer der Evangelischen Landeskirche Anhalts. In Deutschland muss dabei zwischen der Bundespolizei (dem früheren Bundesgrenzschutz) und den Landespolizeien unterschieden werden. Daher gibt es entsprechende Staatsverträge der Kirchen mit den einzelnen Bundesländern. Inhaltlich geht es bei der Polizeiseelsorge einerseits um „aufsuchende Präsenz“ (begleitende Seelsorge der PolizistenInnen) andererseits um „wertebezogene Handlungsorientierung“ (berufsethische Aus- und Fortbildung). Wie Monsignore Wolfgang Bender, Polizeidekan im Erzbistum Paderborn, ergänzte, ist in Deutschland im Durchschnitt ein Seelsorger für 1.000 Polizisten zuständig (bspw. gibt es in NRW 40 Seelsorger für die ca. 40.000 Polizisten). Auch in Russland gibt es unterschiedliche Strukturen der Polizei, die teils dem Innenministerium, teils den lokalen Behörden unterstehen. Ca. 80 % der Polizisten bezeichneten sich als gläubige Menschen. Das System der Polizeiseelsorge ähnelt dem der Militärseelsorge.

Gefängnis: Schutz der Würde

Über die Gefängnisseelsorge in Russland referierte Pfarrer Aleksij Aleksejew, der stellvertretende Vorsitzende der Synodalabteilung für die Gefängnisseelsorge. Sie wurde nach 1990 wieder aufgebaut und soll den Gefangenen den Zugang zu den Sakramenten ermöglichen. Bis zum vergangenen Jahr gab es keinerlei rechtliche Grundlagen für die Gefängnisseelsorge, so dass sie nur nach Absprache mit der Anstaltsleitung möglich war. In den rund 1.100 Gefängnissen in Russland gibt es heute 660 Kirchen und Gebetsräume. Von den ca. 700.000 Häftlingen besuchen rund 40.000 regelmäßig die orthodoxen Gefängnisgemeinden. Neben der Feier der Liturgie und der Spendung der Sakramente bemühen sich die Gefängnisseelsorger um den Schutz der Würde der Häftlinge, ihre Resozialisierung und die Prävention. Seit Juni 2018 gibt es entsprechende rechtliche Grundlagen für die Tätigkeit der 81 hauptamtlichen Gefängnisseelsorger, darunter sieben Imame und ein Buddhist.

Am Konferenztisch im ehrwürdigen Rahmen.

Pastoralreferent Heinz-Bernd Wolters, Vorsitzender der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V., stellte in seinem Vortrag unter der Überschrift „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,36) die Tätigkeit der GefängnisseelsorgerInnen in Deutschland dar. In den 224 Haftanstalten in Deutschland gebe es jeweils etwa 300 evangelische und 300 katholische SeelsorgerInnen. Sie genießen innerhalb der Justizvollzugsanstalten eine Sonderstellung, wobei die konkrete Ausgestaltung sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. Neben Gottesdiensten bieten sie vor allen Dingen seelsorgliche Begleitung durch Gespräche und andere religiöse Veranstaltungen an, wobei die Schweigepflicht der Gefängnisseelsorger eine besondere Vertrauensbasis schafft. Auch die Betreuung der Familienangehörigen spielt eine wichtige Rolle. Igor Lindner, Leiter der Bundeskonferenz evangelischer GefängnisseelsorgerInnen, betonte die Bedeutung transnationaler Wanderungsbewegungen, die Russland und Deutschland gleichermaßen beträfen, wenn auch in unterschiedlicher Weise.

Militärkirche und Nowospasskij-Kloster

Am letzten Konferenztag erwartete die Teilnehmer ein interessantes und eindrückliches Besuchsprogramm. Zunächst besuchte die Gruppe die Militärkirche „Verklärung Christi“ der Landstreitkräfte in Moskau. Die bis heute dem angesehenen „Verklärungs-Regiment“ zugehörige Kirche hat eine lange Geschichte, die bis auf Zar Peter den Großen zurückreicht. Auf eine 1743 errichtete Holzkirche an dieser Stelle folgte 1763 die erste Steinkirche. 1964 wurde der letzte Steinbau der Kirche von den Bolschewisten gesprengt. 2015 konnte die Kirche nach längerer Bauzeit wieder eingeweiht werden. Sie ist ein Beispiel dafür, wie eng die Verbindung von Staat und Kirche seit Jahrhunderten ist. „Für Russland kämpfen, heißt zugleich für die Verteidigung des orthodoxen Glaubens kämpfen“, erläuterte der Militärpfarrer.

Oberkirchenrat Dirk Stelter, Prof. Dr. Thomas Elßner und Militärbischof Dr. Sigurd I. Rink.

Im Anschluss daran wurde die Gruppe durch die weiträumige Klosteranlage des Nowospasskij-Klosters in Moskau geführt. Architektonisch ist es eines der befestigten Klöster rund um Moskau, das der Verteidigung der Stadt diente. Es entstand 1491 unter Großfürst Ivan III.; die jetzigen Bauten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Eine berühmte Marienikone in der Hauptkirche ist das Ziel vieler Pilger, die auf die Heilung von schweren Krankheiten (z.B. Krebsleiden) hoffen. Im Nowospasskij-Kloster befindet sich die Familiengruft der Romanows, die bereits im 15. Jahrhundert große Spenden für das Kloster gegeben und im Gegenzug das Recht auf Bestattungen von Familienmitgliedern erworben haben. Neben der Besichtigung der Grabstätten der Romanows wurde im Außenbereich des Klosters auf die dunkle Geschichte dieses Ortes in der Zeit des Bolschewismus hingewiesen, als das Kloster Hinrichtungsstätte des KGBs war und die „Verklärungskirche“ als Archiv des KGB genutzt wurde. Seit 1991 ist es als Männerkloster wieder neu seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt worden.

Insgesamt verdeutlichte die Tagung, dass das Verständnis und die Arbeitswiese im Bereich der Militär-, Polizei- und Gefängnisseelsorge in Deutschland und Russland recht unterschiedlich ist, beide Seiten aber vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch profitieren können.

Text und Fotos: © Petersburger Dialog e.V.

 

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