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Wann kommt Papa wieder? Noch viermal singen…

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In einem Kinospot der Kampagne gegen Raupkopierer sind drei Kinder und eine Mutter zu sehen, die vor dem Gefängnis dem darin sitzenden Vater ein Geburtstagsständchen singen. Eines der Kinder fragt, wann der Papa wieder kommt. Die Mutter entgegnet trocken: „Noch viermal singen.“ Vor Jahren habe ich dies humorvoll genommen, weil ich noch keine Ahnung vom Gefängnisalltag hatte. Heute denke ich ganz anders darüber nach und frage mich, wie es wohl den Angehörigen der Inhaftierten an Weihnachten geht.

Allein eine Recherche im Internet wirft nur Artikel aus, die die Situation von Inhaftierten hinter den Gefängnismauern beschreiben. Da und dort mal ein kurzes Zitat, dass es auch den Angehörigen an diesem Tag schwer falle, ohne die Männer oder Söhne zu sein. Es wird von Tannenbäumen und Adventskränzen, von Weihnachtsfeiern und Gottesdiensten hinter den Mauern berichten, davon dass alle, die im Gefängnis arbeiten, angefangen von dem Männer und Frauen in Uniform bis hin zu den Sozialarbeitern, Psychologen und Seelsorgern, viel zu tun hätten. Was ist aber mit den Angehörigen?

Kinospot einer Kampagne gegen Raubkopierer und illegaler Verbreitung von Spielfilmen. Die Kampagne nannte sich „Hart aber gerecht!“

Noch gut in meiner eigenen Erinnerung ist mir eine Mutter eines jungen Mannes, der im Gefängnis für mehrere Jahre einsaß, die mir erzählte: „Solange mein Sohn im Knast ist, stellen wir keinen Weihnachtsbaum auf. Ohne ihn geht das einfach nicht.“ Oder ich erinnere mich eine an Mutter, die mich kurz vor dem Weihnachtsgottesdienst in meinem Büro anrief und mich darum bat, dass ich Ihrem Sohn frohe Weihnachten von ihr wünschen sollte. Zwei konkrete Situationen in sechs Jahren. Mehr nicht.

Seit einiger Zeit frage ich Angehörige, wenn es sich ergibt, wie es Weihnachten ohne ihren Sohn ist. Einige möchten mir darauf keine Antwort geben. Andere antworten nur mit einer Gegenfrage: „Wie soll es ohne den Sohn schon sein?“ Manche sagen nur: „Wir kommen Weihnachten und besuchen unseren Sohn für zwei Stunden. Aber das ist nicht wie Weihnachten.“ Und eine andere Mutter sagte mir: „Es ist ganz schlimm. In unserer Familie wissen nur ganz wenige, dass unser Sohn im Gefängnis ist. Zu den Geschwistern sagen wir, dass ihr Bruder auf Arbeit ist.“ Eigentlich möchte niemand von den Angehörigen so wirklich darüber reden. Wahrscheinlich spielt sich zu Hause viel mehr ab, als wir uns vorstellen können. Und einmal mehr denke ich, dass diejenigen Recht haben, die von den Angehörigen als „Mitgefangenen“ sprechen, weil sie in ihrem Ohnmachtsgefühl, ohne den Sohn feiern zu müssen, irgendwie auch „gefangen“ sind.

Und zu guter Letzt finde ich doch noch etwas im Internet: Ein katholischen Gefängnispfarrer hat in einem Interview in einer Zeitung vermutet, dass es den Inhaftierten hinter den Mauern vielleicht sogar leichter fiele, die Weihnachtstage zu überstehen, als den Angehörigen. Das war im Grunde genommen der einzige brauchbare Hinweis, der die Situation der Angehörigen in den Blick genommen hat. Am Ende bleibt bei mir das etwas frustrierende Ergebnis zurück, dass man die Inhaftierten zu Weihnachten im Blick hat, aber nicht deren Mütter, Väter, Geschwister, Großeltern oder auch die Ehefrauen oder Kinder. Denn nicht nur an Weihnachten fehlen die Männer oder die Söhne.

Stefan Thünemann | JVA Herford

 

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