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No Exit – Kein Ausgang. Wie eröffnet sich ein neuer Weg?

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Jedes Jahr wird die Kunstausstellung “art Karlsruhe” veranstaltet. Ein Kunstwerk daraus steht in der Anstaltskapelle der Justizvollzugsanstalt in Karlsruhe. Der Titel heißt: No Exit – Kein Ausgang. Nach langen Diskussionen mit Gefangenen und Bediensteten wurde die Kunstfigur von der Künstlerin Tina Heuter aus Berlin mit Beton geformt. „No Exit“, das liest man öfters am Flughafen oder anderen großen Gebäuden, in denen man sich leicht verlaufen kann. Das Material hat einen Bezug zum Ort des Gefängnisses. Es ist dasselbe Material, aus dem normalerweise die Außenmauern von Gefängnissen gebaut sind.

Das Kunstwerk hat eine aussagekräftige Körperhaltung: die kraftlosen Arme, die hängenden Schultern, der Kopf an die Mauer gelehnt – so eine Haltung nimmt man nur ein, wenn man mit seiner Kraft wirklich am Ende ist und nicht mehr weiter weiß. Ich habe keine Ahnung, wie viele Inhaftierte in dieser Haltung schon mal in ihrer Zelle im Gefängnis gestanden sind. Aber ich habe den Eindruck, dass die Skulptur viel von dem Gefühl im Knast erzählt: Von der Erfahrung, dass die Tür verschlossen ist, ohne dass ich eine Türklinke oder einen Schlüssel habe. Die  Erfahrung, dass um mich herum nur hohe Mauern sind. Das Gefühl, am Tiefpunkt meines Lebens zu stehen und ohnmächtig zu sein.

Die Künstlerin Tina Heuter aus Berlin hat die Figur, die in der JVA steht, aus Beton geformt. Das Material hat einen Bezug zu diesem Ort. Es ist dasselbe Material, aus dem normalerweise die Außenmauern von Gefängnissen gebaut sind. Und es gibt den Ausdruck „Betonkopf“. Als Betonkopf bezeichnet man einen Menschen, der völlig uneinsichtig ist und immer nur auf seiner Meinung beharrt. Es gibt auch Menschen, die wollen mit dem Kopf durch die Wand. Das klappt nur meistens nicht, denn sie holen sich dabei nur eine blutige Nase.

Wie öffnet sich eine Tür zu Neuem?

Zu dieser Figur gehört auch die Leuchtschrift: No Exit – Kein Ausgang steht da in der Signalfarbe „rot“. Rot heißt STOP, Achtung, hier geht es nicht weiter. Im Gefängnis merken viele: So wie ich bisher gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Es muss sich eine Tür zu etwas Neuem öffnen. Das meint wohl auch das Markusevangelium. Da sagt Jesus: Die Zeit ist erfüllt. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Mit anderen Worten: Jetzt reicht`s doch. Gebt eurem Leben endlich eine andere Richtung. Ihr seht doch, dass Ihr so nicht weiterkommt. Warum lauft Ihr nochmal gegen die Wand? Warum rennt Ihr nochmal in die Sackgasse? Hier steht No Exit – hier ist kein Ausgang, aber wie geht das mit der Umkehr? Wie öffnet sich die Tür zu etwas Neuem?

Leid und Schmerz sind ein Teil unseres Lebens. Da drängt sich immer auch die Frage nach Gott auf. Wie kann er so viel Leid und Schmerz auf der Welt zulassen? In Kirchen sehen wir oft Bilder und Figuren von leidenden Menschen und vor allem von Jesus Christus auf seinem Kreuzweg und mit seinen Wundmalen. Das Leid, das uns in dieser Skulptur begegnet, ist das Leid des Menschen, der keinen Ausweg mehr sieht – vielleicht weil er vor hohen Mauern und vor verschlossenen Türen steht. Ein Mensch, dem die Freiheit fehlt. Aber was mir an der Figur auffällt ist, dass sie fest auf beiden Füßen steht. Sie hat einen festen Stand, sie fällt nicht um. Der Glaube an Gott kann so einen festen Stand geben. Was am Ende bleibt ist das Gebet, in dem wir uns trotz allem Gott zuwenden können. Ein Gebet, das nur aus einem Satz besteht: Du, Gott, sei die offene Tür in meinem Leben!

Michael Drescher | Gefängnisseelsorger JVA Karlsruhe

 

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