Paul Petit 1944: Mit dem Herrenleib zur Hinrichtung

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Viele Begebenheiten aus den Justizgefängnissen der NS-Zeit wurden nur von den Gefängnispfarrern aufbewahrt und weitererzählt. Hier eine Trierer Geschichte. Es geht um den inhaftierten und hingerichteten Diplomaten Paul Petit aus Frankreich. Aber auch um seinen Seelsorger Nikolaus Jonas. Nikolaus Jonas war in den Kriegsjahren als Pfarrer von Trier-Liebfrauen auch zuständig für die Gefangenen an der Windstraße.

Bevor der Häftling Paul Petit 1944 zur Enthauptung nach Köln verbracht wurde, übergab er ein Kassiber an Jonas. Ein Kassiber ist eine geheimgehaltene schriftliche Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis an die Außenwelt. „Ich war lebendig begraben. Aber seit Christus in der Eucharistie bei mir ist, sind die Mauern um mich gefallen.“ Jonas reichte den Spruch nach dem Krieg an Madame Petit weiter. Bei Petits Requiem in Frankreich stand er auf seinen Totenzettel.

Geistlicher Schriftsteller

Petit war französischer Diplomat, Kritiker des Vichy-Regimes. Er wurde wegen Verbindungen zu Widerstandsgruppen verhaftet, 1942 ins Gefängnis Saarbrücken verbracht und 1943 vom Volkgerichtshof zum Tode verurteilt. In Trierer Haft wartete er, täglich durch das Gitterfenster auf den Dom schauend, tief deprimiert und in Sorge um seine Familie auf Vollstreckung. Mittlerweile hatte Pfarrer Jonas erfahren, dass Petit, Freund von Paul Claudel, auch als geistlicher Schriftsteller tätig war. Er übersetzte Werke von Kierkegaard, Meister Eckhart und Gertrud von Le Fort ins Französische. Jonas brachte ihm und anderen Häftlingen so oft wie möglich die heilige Kommunion.

Eucharistische Frömmigkeit

Die starke Sehnsucht des Häftlings nach der Eucharistie brachte Jonas auf den Gedanken, ihm in der Todesverlassenheit der Isolierhaft den eucharistischen Herrn als ständigen Begleiter zu geben. Bischof Bornewasser stimmte zu, überließ ihm den Modus. Jonas stellte im Pfarrhaus winzige Korporalien her von der Größe, dass sie zusammengefaltet eine Hostie aufnehmen konnten. Das gestärkte Leinen schützte diese vor dem Zerbrechen. Wie wichtig die Lösung war, zeigt Petits Kassiber. Am 24. August 1944 wird er in Köln hingerichtet. Pfarrer Jonas konnte Jahre nach dem Krieg Madame Petit die Haftzelle ihres Mannes zeigen und auch eines der außergewöhnlichen kleinen Korporalien. Nicht das von Paul Petit. Gefüllt mit dem eucharistischen Herrenleib hatte er seines mitgenommen auf dem letzten Weg. Posthum wird ein Werk Petits veröffentlicht: Résistance spirituelle. Ohne es gelesen zu haben, weiß man, dass die eucharistische Frömmigkeit dort nicht fehlen wird.

Botschaft wirkt nach

Petit hatte Pfarrer Jonas ausdrücklich aufgetragen, Gertrud von Le Fort mitzuteilen, dass er trotz allem Deutschland und die Deutschen weiter liebe. Das tat Jonas. Gertrud von Le Fort schrieb ihm, dies sei die schönste Botschaft seit Langem. Jonas schickte Le Forts Brief an Petits Witwe. Es kam zu einem Briefwechsel zwischen beiden. Die JVA-Seelsorge übrigens ließ den von Petits Schicksal beeindruckten Pfarrer Jonas nicht los. Mit 75 Jahren meldete er sich wieder dafür und übte kleine Dienste im Gefängnis bis zu seinem 85´sten aus.

Alfons Zimmer | JVA Bochum

 

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