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Mach Dein Ding! Schreib­werk­statt im Jugendarrest

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In der Atmosphäre der neu gestalteten Bibliothek, welche von Vollzugsbediensteten künstlerisch bemalt wurde, lernen sechs Arresttanten der Jugendarrestanstalt (JAA) Düsseldorf einiges über das Schreiben – und über sich selbst. Eine Woche lang treffen sie sich jeden Tag für zwei Stunden und arbeiten an ihren Texten.

Samuel schaut auf das vor sich liegende Blatt Papier. Es ist noch ganz weiß und sein Blick verrät Skepsis. Doch dann greift er zum Bleistift und beginnt. Am Ende sind es nur wenige Zeilen, aber wenn er sie rappt, dann klingen sie authentisch, eben ganz nach ihm. Die anderen Teilnehmer applaudieren voller Anerkennung und Respekt. Und es stimmt. Es sind tolle Ergebnisse, die die Jungs vortragen. Egal ob Kurzgeschichte, Gedicht oder Raptext, alles klingt cool und gar nicht mehr so hölzern und verstockt wie zu Beginn. „Die Jugendlichen sollen über das schreiben, was sie bewegt und interessiert“, sagt Tobias Steinfeld. „Oft ist ihnen nicht bewusst, dass sie viel zu erzählen haben oder aber es fällt ihnen schwer, dies zu Papier zu bringen.“

Mit Autor sprechen

Tobias Steinfeld ist Jugendbuchautor aus Düsseldorf und hat schon einige Wettbewerbe und Preise gewonnen. Seine Romane „Scheiße bauen: Sehr gut“, „Kein Plan“ und „Tupac is back“ stehen in den Regalen der Bibliothek der Jugendarrestanstalt (JAA) Düsseldorf. So kam der Bibliotheksbedienstete Christian Wolff eigentlich erst auf die Idee: „Ich dachte, es sei ein guter Einfall, Herrn Steinfeld zu kontaktieren und für eine Lesung zu gewinnen“, berichtet er. „Den Jungs mal die Möglichkeit geben, Fragen an einen Autor stellen zu können.“

Arbeit an Texten

Herr Steinfeld weckte Wolffs Interesse mit dem Schreibwerkstatt-Projekt „Mach Dein Ding“. Unterstützt durch den Förderverein PUSH e.V. konnte im Dezember 2021 die erste Schreibwerkstatt starten. In der neu gestalteten Bibliothek, welche von den Vollzugsbediensteten Dominik Bozek und Andre Verholen künstlerisch bemalt wurde, lernen die sechs Arresttanten einiges über das Schreiben – und über sich selbst. Eine Woche lang treffen sie sich jeden Tag für zwei Stunden und arbeiten an ihren Texten. Sie setzen sich der gegenseitigen Kritik aus, diskutieren über Formulierungen und suchen gemeinsam nach Synonymen.

Mauern einreißen

Alles geschieht auf Augenhöhe und respektvoll. Dabei könnten die Teilnehmer unterschiedlicher nicht sein. Rasch merken sie jedoch, dass es nicht auf Äußerlichkeiten ankommt. Ganz egal, ob der eine aus einem Problemhaus in Marxloh kommt, und der andere aus der Gartenvorstadt von Krefeld. Wenn sie schreiben, sind sie in der Lage Mauern einzureißen und Grenzen zu überwinden. Das alles startet in ihren Köpfen. Burhan findet das krass. Er ist ein schweigsamer junger Mann, hält sich zurück. Aber sein Text zeigt deutlich, wie es in ihm brodelt. Das Schreiben wirkt wie ein Ventil. Er fühlt sich besser und kann es kaum glauben. Der Applaus der anderen am Ende seines Vortrages macht ihn verlegen und stolz.

Christian Wolff | Jugendarrestanstalt Düsseldorf

 

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