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Norbert Nikolai beendet Gefängnisarbeit in Perú

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Vor fast 10 Jahren am 1. November 2009 begann mein Einsatz in der Gefängnispastoral der Diözese Chosica in Lima/Perú. Ich habe diese Zeit als ein großes Geschenk erfahren, um an der Seite unserer Männer Gott sichtbar werden zu lassen und auch selber zu erfahren. Besonders die Arbeit in einem großen Team von Ehrenamtlichen, Ordensleuten und Ex-Straftätern hat mir sehr viel Freude gemacht. Jetzt bin ich 55 Jahre alt und möchte noch einmal neu aufbrechen, um in meiner Kirche Menschen zu begleiten.

Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, hat mir zugesagt, dass ich auch weiterhin als Priester des Bistums Essen in Südamerika tätig sein darf. Ich werde die quirlige Metropole Lima 2020 verlassen, um noch einmal an meine Erfahrungen in der Landpastoral der Prälatur Caraveli anzuknüpfen. Dort konnte ich ja schon von 1999 bis 2004 die Gemeinden von Pauza, Corculla und Oyolo leiten. Der neue Bischof von Caraveli, der Freiburger Priester Reinhold Nann bittet mich, ihm dabei zu helfen ein Caritaszentrum an der Küste aufzubauen. Die Gemeinden der Prälatur sind weit verstreut und meistens nur über die Küste zugänglich. So ist die Idee, am Knotenpunkt Nazca, eine zentrale Anlaufstelle einzurichten, um die Kommunikation zwischen den Gemeinden und die Verteilung von Hilfsgütern und Post zu erleichtern. Ich soll des Weiteren pastorale Aufgaben im Umland von Nazca übernehmen. Es ist eine große Herausforderung für mich, wieder bei Null zu beginnen und ich hoffe, dass ich auch in dieser neuen Aufgabe ein Team aufbauen kann.

Pater Norbert Nikolai mit einem Gefangenen in „San Juan de Lurigancho“. Foto: Adveniat

Nazca ist 7 Stunden von Lima entfernt und eine regelmäßige Präsenz in Lima wird notwendig sein. So hoffe ich, auch weiterhin vom Gefängnis berichten zu können und besonders finanziell einige Bereiche wie die Versorgung der HIV Patienten unterstützen zu können. Bei unseren zweitägigen Exerzitien vom Pastoralteam gab es Tränen und viele, die meine Entscheidung sehr bedauern, aber ich weiß, dass wir auch aus der Distanz heraus aufeinander zählen können. Gerade dieses Netz menschlicher Nähe hat mich den erneuten Schritt hinaus in die Weite wagen lassen.

Ich bin ab Weihnachten in Deutschland. Dieses Mal werde ich kein Begegnungsfest organisieren, sondern mir bis Februar 2020 Zeit nehmen, um Euch zu besuchen, sei es ganz privat oder auch im Rahmen von Gottesdiensten oder Vorträgen. Schreibt mir und ladet mich ein, ich besuche Euch gerne!

Motin im Block 12 b?

„Motin“ bedeutet auf Deutsch „Aufstand“ und vor 20 Jahren hatte das bei uns im Knast einen massiven Polizeieinsatz mit Hubschraubern und Schießereien mit Toten zur Folge. Letzte Woche war in der Presse wieder dieses Wort in Bezug auf unser Gefängnis zu lesen. Was war geschehen? Im Rahmen einer Routinedurchsuchung auf Drogen, Waffen und andere illegale Dinge in Block 12 b hatte sich der Blockboss Mauro geweigert seinen Block zu verlassen, um die Belehrungen des zuständigen Personals über sich ergehen zu lassen. Er hatte Angst, dass er als Strafmaßnahme direkt in einen anderen Knast überführt würde.

Die Bosse in den Blöcken leben mit ihrer Seilschaft ganz gut von illegalen Geschäften und lassen sich ungern in die Karten schauen. Mauro verschanzte sich mit seiner Gruppe und es flogen Steine. Innerhalb von einer Stunde hatte die Polizei die Lage im Griff und die meuternde Gruppe wurde nun wirklich in ein anderes Gefängnis verlegt. Mir wird immer wieder deutlich, welchen Schaden eine sensationalistische Berichterstattung, die mehr auf Gerüchten als auf Tatsachen basiert, verursachen kann.

Gefangener am Fenster der Capellania „San Juan de Lurigancho“. Foto: Adveniat

Urgestein der Güte Gottes

Ich habe von Schwester Maria Schuh erzählt. Ihre vor Güte funkelnden Augen sprechen eine eindeutige Sprache, auch wenn ihre Ohren nicht mehr alles mitbekommen und sie durch ein Kehlkopfproblem für einige Gefangene kaum verständlich war. Nach 22 Jahren bei uns, ist sie dieses Jahr die zweite amerikanische Ordensschwester nach Ana Marzolo, die uns verlassen hat, um im Mutterhaus ihrer Ordensgemeinschaft ihren Lebensabend zu verbringen. Sie prägte die Männer durch ihre Englischkurse und die Besuche in der Latta, dem Ort der täglichen Neuzugänge. Hartnäckig war sie immer an der Seite jener, die am meisten litten. Zerbrechlich mit dem Gehstock unterwegs hat diese über 80 jährige Frau so manche Männerherzen für die Gegenwart Gottes aufgebrochen. In die Tränen des Abschieds mischt sich meine Bitte, dass Gott mich lehre, so präsent und authentisch zu sein wie Maria Schuh.

Rundbrief33

 

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