RAP-Musik wird im Jugendvollzug und „draußen“ oft kritisch gesehen. Zu frauenfeindlich und zu drogen- und gewaltverherrlichend. Das gibt es sicher. Doch beim RAP-Workshop mit Daniel Ohler (alias Danny Fresh) aus Heidelberg wird diese Musikrichtung innerhalb des Jugendvollzuges nicht als das Problem angesehen. Die Schwierigkeit ist, dass daraus kein reiner „Gangster-RAP“ werden soll. Die persönliche Geschichte eines jeden will erzählt werden. Da kann man auch mal provozieren. Doch ausschließlich herabwürdigend über andere zu rappen, ist auf keinen Fall intendiert.
„Nicht dass ihr jetzt meint, ihr seid in der ersten Schulklasse“, kommentiert Danny Ohler einer seiner ersten Übungen mit den „starken Jungs“. Mit Klatsch- und Taktübungen beginnt der Workshop, den die zwei Gefängnisseelsorger der JVA Herford begleiten. Brav sitzen die Jugendlichen und Heranwachsenden im Halbkreis vor der Leinwand in der Anstaltskirche. Hier wird die Musik-Software angezeigt. Zwei Gefangene wollen vorne den Beat mit „der Maschine“ konstruieren. Alles digital, niemand muss je ein Instrument gespielt haben. Doch die Meinungen zum „Beat“ sind weit auseinander. Die Bewegungen einzelner mit dem Kopf und ihren Füssen zeigen, dass die 10-köpfige Gruppe damit einverstanden ist.

Den Beat an der „Maschine“ zu produzieren, macht Spaß.

Ohler freut sich, wie engagiert die inhaftierten Jugendlichen sind.

Einer der Inhaftierten zeigt, dass er nicht nur digital etwas kann…
Nicht einfach, sich zu präsentieren
Zwei andere Gefangene übernehmen. Die davor Agierenden werden mit Applaus belohnt. Niemand wird klein gemacht oder kritisiert. Ungewöhnlich für den Jugendvollzug. Die Jugendlichen wissen sehr genau, was sie davon haben. Manche haben eine Sondergenehmigung erhalten, an dieser Veranstaltung teilnehmen zu können. Sie müssen sich nicht verstellen. Die Gefängnisseelsorge unterliegt der Verschwiegenheit. Sie sind aber klar in ihrer Haltung und tolerieren keine Herabwürdigungen oder Angriffe an Teilnehmer in der Gruppe. Die ersten Versuche der jugendlichen Gefangenen am Mikrofon zu stehen, werden klatschend honoriert. Es ist nicht einfach, sich zu präsentieren und einer möglichen Kritik ausgesetzt zu sein. Danny Ohler weiß das. Er kritisiert nicht, er gibt Hinweise, was besser gemacht werden kann. Immer mit Empathie und Wohlwollen zum Menschen. Das verstehen die Jugendlichen sehr genau. Sie spüren die Ersthaftigkeit und fühlen sich ernst genommen.

Texte zu schreiben, die sich reimen, ist nicht das Ziel. Die eigene biografische Story dahinter ist interessanter.

Kumpelhaftes während den Aufnahmen in der Anstaltskirche der Justizvollzugsanstalt Herford.

Die Teilnehmer mit Musiklehrer Roland Reuter (links) und Daniel Ohler (rechts) sowie Michael King als Gefängnisseelsorger.
Echte Musik
Ein inhaftierter Jugendlicher albanischer Herkunft setzt sich an das Klavier und spielt die Musik aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“. Er kann keine Noten lesen. In einem Jahr hat er in der Musikband und im eigens angebotenen Klavierunterricht spielen gelernt. Die anderen Teilnehmer staunen. Dazu singt der in der Ausbildung als Maurer befindliche A. eigene geschriebene Songs, die er für seine vierjährige Tochter und seine Frau aufgenommen hat. Im RAP-Song müssen daher Klaviertöne und der Gesang unbedingt rein, sagen die beiden Musiker. Das wird gemacht und am Ende steht ein Musikstück mit allem, was Musik zu bieten hat: Klassik, RAP und Sprechgesang. „Wir wollen kein Kindergeburtstags-Song, sondern das echte Leben von Euch hören“, sagt der erfahrene und geduldige Referent Ohler. „Bester Mann“, meint ein Gefangener zu Danny und grinst über sein Gesicht. „Es hat Spaß gemacht und ich fühlte mich nicht wie in einem Knast“, fügt er an. Wenn das mal kein Kompliment ist.
Michael King






1 Rückmeldung
Ich habe gerade Ihren „Newsletter“ erhalten und sofort mit großem Interesse gelesen, geht es doch dieses Mal um „Auf ‚Schub‘ transportiert werden“, einen Vorgang, den es früher (ich meine konkret die Zeit des „Dritten Reiches“) auch gab, aber sicherlich mit anderen Begleiterscheinungen!
Ihr Beitrag, der mir SEHR GUT gefallen hat, erinnert mich aber auch unbarmherzig daran, dass ich endlich meinen – seit längerem in Arbeit befindlichen – Beitrag über Häftlingstransporte mit der Reichsbahn vom bzw. zum Zuchthaus Herford fertigstellen muss!