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Du kommst an, gibst in der Kleiderkammer dein Handy, dein Portemonnaie, sogar deine Unterhose ab. Du schlüpfst in den weinroten Jogginganzug, den hier alle tragen. Dann führt dich ein Vollzugsbeamter in deine Zelle. Die ist 11 Quadratmeter groß. Die Tür schließt sich – und dann bist du erst mal allein. So in der Justizvollzugsanstalt Wittlich in Rheinland-Pfalz. Bischof Stefan Ackermann geht an diesen Ort.

Jeder einzelne der rund 50 Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich, die an einem grauen Sonntagmorgen im November gekommen sind, um Eucharistie mit dem Trierer Bischof Stefan Ackermann zu feiern, hat genau das erlebt. Bei manchen liegt das schon Jahre zurück, andere sind noch ganz neu hier. Nur langsam verziehen sich die Wolken am Himmel über Wittlich. Als Clara Boor der elektronischen Orgel die ersten Töne entlockt, schimmern zaghaft Sonnenstrahlen durch die vergitterten Fenster der hauseigenen Kapelle. Nach und nach füllt sich der in Pastelltönen gestrichene Raum mit Licht. Boor ist 36 Jahre alt und spielt seit 19 Jahren die Orgel in der Justizvollzugsanstalt Wittlich. An jedem Sonntag, an jedem Feiertag – und zu besonderen Anlässen wie Trauergottesdiensten. Gleich vor ihr stehen Stühle in Reihen, auf denen die Gottesdienstbesucher Platz nehmen. Alles wie in einer „normalen” Messe, nur dass hier niemand seinen Sonntagszwirn trägt. Hier trägt man Jogginganzug – wie auch den Rest des Tages.

Der Anstaltsleiter Jörn Patzak zeigt Bischof Ackermann den stillgelegten Altbau der Justizvollzugsanstalt Wittlich. Die Zellen dort haben eine Größe von 7 Quadratmetern.

Glaube an Gott macht sie zu Geschwistern

Der Küster, ebenfalls in Weinrot, zupft am Altartuch, um auch noch die letzte kleine Falte zu glätten, und rückt die Kerze zurecht. Alles läuft geordnet und diszipliniert. Nur hier und da hört man leises Gemurmel. Die Stimmung ist friedlich, als Bischof Ackermann den Gottesdienst eröffnet: „An unzähligen Orten auf der Welt finden sich in diesem Moment Menschen zusammen, um das Wort Gottes zu hören und Eucharistie zu feiern. Das lässt uns Gemeinschaft erleben und schafft eine Verbindung rund um den Globus. Das gilt auch in Gefängnissen.” Denn so unterschiedlich die Lebenswege der Inhaftierten auch sein mögen, ganz gleich, wie schwer ihr Vergehen wiegt – heute, hier im Gottesdienst, wird noch einmal klar: Der Glaube an den einen Gott macht sie zu Geschwistern. „Wer zu Gott gehört, gehört sich selbst und zu der Gemeinschaft jener, die sich Gott angeschlossen haben”, erklärt der Bischof mit Nachdruck.

Seelsorgegespräche unterliegen der Schweigepflicht

Schräg neben Clara Boors Orgel sitzen der Anstaltsleiter Jörn Patzak, ein Vertreter des Justizministeriums, Ministerialrat Thomas Messer, und Uli Stinner, Leiter der Abteilung Pastorale Grundaufgaben im Bischöflichen Generalvikariat Trier, den Blick auf den Altar gerichtet. Dort, gleich links neben dem Bischof, steht Diakon Thomas Reichert. Er ist seit 2010 Gefängnisseelsorger. Die meisten der Gottesdienstteilnehmer kennt der Eifeler schon lange. Einige kommen regelmäßig zu ihm. Denn mit ihm, der so wirkt, als könne ihn noch nicht mal ein Erdbeben der Stärke 7 aus der Ruhe bringen, kann man reden. Und zwar im Vertrauen. Alle Sorgen und Nöte sind bei dem 59-Jährigen gut aufgehoben, denn die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht. Anhand einer Liste sieht Reichert, wer neu in der JVA ist. „Die ersten zwei, drei Tage sind sie noch in Schockstarre und kaum ansprechbar, sind verängstigt – oder rebellieren.” Sind die ersten Tage vergangen, stellt er sich bei den Neuzugängen vor und erklärt, was es mit der Seelsorge auf sich hat. Denn viele seiner Klienten hatten zuletzt bei ihrer Erstkommunion mit Seelsorgenden zu tun oder kennen das Berufsfeld gar nicht.

Ein Rosenkranz und eine Bibel

Selbst wenn ein Inhaftierter dem Diakon ein bislang nicht geahndetes Verbrechen gesteht, bleibt das vertraulich. Und Geständnisse seien gar nicht so selten, erzählt Reichert. Denn oft helfe es, die eigenen Gedanken im vertraulichen Gespräch zu ordnen, ohne gleich Sanktionen befürchten zu müssen. Und dann kann es tatsächlich passieren, dass ein Inhaftierter nach langem Hin- und Hergrübeln den Entschluss fasst, sich selbst anzuzeigen. Reichert hat das schon erlebt: „Er kam als befreiter Mensch zurück aus der Verhandlung und sagte: ‘Ich bin so dankbar, dass ich das gemacht habe.’” Die Angst, doch noch erwischt zu werden, war passé, und die Strafe machte nur einen Bruchteil dessen aus, was ihn erwartet hätte, wäre man ihm ohne sein Zutun auf die Schliche gekommen. Vertrauen sei „das Kerngeschäft der Seelsorge”, so Reichert. Ein geschwätziger Seelsorger sei nicht glaubwürdig. Gefängnisseelsorger sind für alle Fragen der religiösen Betreuung zuständig, erklärt er. Und das fängt schon bei ganz rudimentären Dingen an: Manch einer hätte gern einen Rosenkranz zum Beten, viele möchten in der Heiligen Schrift lesen. Oder das mattschwarze, silbern eingefasste Kreuz um den Hals tragen, das bei Haftantritt in der Kleiderkammer abgegeben werden musste. Sowas organisiert Reichert nebenbei. Denn es gibt noch so viel mehr: Einmal in der Woche leitet der Diakon zum Beispiel einen Gesprächskreis von Inhaftierten, zu dem an diesem Tag auch Bischof Ackermann eingeladen ist.

Seite an Seite gehen Diakon und Bischof von der Kapelle in Richtung Gruppenraum. Auf dem Weg unzählige Türen, die sich öffnen, um sich kurz darauf wieder zu schließen. Das übernimmt ein Justizvollzugsbeamter. In den Gängen treffen sie auf weitere Beamte. In Sachen Seelsorge ist Reichert für das Personal übrigens genauso zuständig wie für die Häftlinge. Der Ton ist freundlich, aber bestimmt. Alles an den Uniformierten signalisiert: Hier fängt man besser keinen Streit an. Ihr Auftreten changiert zwischen herzlichem Lächeln und versteinerter Mine. Gar nicht so anders als im Büro, in der Fußgängerzone – oder beim Hochamt. Menschen halt.

Der Knast ist Spiegel der Gesellschaft

Im Gesprächsraum warten schon sechs Inhaftierte, darunter der junge Mann mit dem mattschwarzen Kreuz auf der Brust. Unzählige Tätowierungen zieren Hinterkopf und Unterarme, er blinzelt aufgeregt, wirkt in gleichem Maße zugewandt wie schüchtern. Dann übergibt er dem Bischof ein Geschenk im Namen der Gruppe. Aus Papier hat er plastische Kunstwerke gezaubert: Kreuze, Blumen, ganze Landschaften mit Schwänen und Seerosen – Blatt für Blatt akkurat gefaltet. Im Gespräch dreht sich zunächst alles um den Haftalltag, um Sprach- und Kommunikationsprobleme unter Gefangenen, die unterschiedlicher Herkunft sind, und um Hierarchien im Knast, um Vorurteile und Stigmatisierungen. Ein Häftling sagt: „Wer sexuellen Missbrauch begangen hat, hat hier keinen guten Stand.” Ein anderer ergänzt: „Wenn ein Priester Missbrauch begeht, ist das umso schlimmer und beschämender. Denn ihnen vertraut man ja.” Die anderen stimmen zu. Dann geht es um die Würde des Menschen und darum, wie sie auch im Gefängnis gewährleistet werden kann, bevor das Gespräch auf aktuelle weltpolitische Themen umschwenkt. Der Krieg in der Ukraine und die Teuerung von Lebensmitteln und Energie machen den Männern zu schaffen. Sie haben Familie und Freunde, die davon betroffen sind. Für sie möchten sie da sein, können es aber nicht. Denn der hohe Zaun, an dessen Rand NATO-Draht-Spiralen prangen, trennt sie von ihren Lieben. „Der Knast ist Spiegel der Gesellschaft, und das, was draußen läuft, läuft auch drinnen. Die Inhaftierten leiden darunter, dass sie in solch prekären Situationen nicht zuhause sein können, sondern ihren Angehörigen unter Umständen sogar noch zur Last fallen”, bringt Reichert die Problematik auf den Punkt.

Deo und Fernsehen oder Anruf bei Muttern?

Noch ein weiterer Aspekt nagt an der Seele in Gefangenschaft: Je problematischer die Umstände draußen, desto größer die Angst davor, keinen Anschluss mehr zu finden nach der Entlassung. Für den Kontakt zur Außenwelt gibt es Haftraum-Telefone, mit denen die Inhaftierten gegen Gebühr auf zuvor festgelegte Anschlüsse anrufen dürfen. Das geringe Einkommen, das sie in den Werkstätten verdienen, geht oft für Zigaretten oder Hygieneprodukte jenseits der obligatorischen Kernseife und Zahnpasta drauf. Da gilt es, immer wieder aufs Neue abzuwägen: Diese Woche Deodorant und Fernsehen oder Anruf bei Muttern? Für Angehörige gibt es übrigens den Verein Rückenwind e.V., den das Bistum Trier jährlich mit 20.000 Euro unterstützt. Dort finden sie ein offenes Ohr für all ihre Fragen, Unterstützung jeglicher Art und sogar die Möglichkeit, Kinder während des Besuchs betreuen zu lassen.

Apropos Arbeiten im Knast: Anders als in vielen anderen Bundesländern gilt in Rheinland-Pfalz keine Arbeitspflicht hinter Gittern. Die Nachfrage, in der hauseigenen Wäscherei, der Backstube, der Schlosserei oder auf den Feldern, die der Gärtnerei angeschlossen sind, arbeiten zu dürfen, ist allerdings hoch. Die Werkhallen sind auf dem neuesten Stand, der Boden gewienert, die polierten Arbeitsflächen aus Edelstahl reflektieren das Licht. Ordnung wird hier großgeschrieben, das wird beim Rundgang über das Areal der JVA mit Anstaltsleiter Patzak deutlich. Der gebürtige Trierer, ehemaliger Staatsanwalt und früherer Basketball-Bundesligaspieler, leitet seit 2014 die JVA Wittlich, die derzeit 535 Haftplätze für den geschlossenen Vollzug und 41 für den offenen Vollzug zur Verfügung hat. Das angeschlossene, 2010 neu erbaute Justizvollzugskrankenhaus inklusive chirurgischer und psychiatrischer Abteilung verfügt über insgesamt 68 Betten.

„Umfassende medizinische Versorgung, bisschen arbeiten, Sport treiben, fernsehen und den Rest vom Tag faulenzen” – so oder so ähnlich klingt der Tenor zuweilen in der öffentlichen Debatte um Haftbedingungen: Immer wieder sehen sich Inhaftierte, Bedienstete und die Leitung der JVA mit dem Vorwurf konfrontiert, die Haftbedingungen seien zu milde. Darauf angesprochen, lacht Reichert, der auch für die Jugendstrafanstalt Wittlich und die JVA Trier zuständig ist, auf: „Wer so etwas behauptet, kann ja gerne mal probewohnen kommen. Freiheitsentzug ist gravierend. Ab dem Moment, in dem man die Anstaltskleidung anlegt, geht nichts mehr in Eigenständigkeit. Niemand ist gerne hier.”

Gott schenkt einen Neuanfang

Seelsorger im Knast – ein anspruchsvoller Job, der nicht nur ein gerüttelt Maß an Fingerspitzengefühl, Besonnenheit und psychischer Stärke braucht, sondern vor allem einen ausgeprägten Hang zur Nächstenliebe. Reichert gesteht mit Blick auf seine eigene Biografie: „Gott kann auf krummen Linien gerade schreiben. Ich war in jungen Jahren selbst recht problematisch.” Er habe allerdings Glück gehabt, sei nie mit der Justiz in Konflikt geraten. „Ich bin dankbar, dass mir das erspart geblieben ist. Und davon möchte ich etwas weitergeben.” Schuld, Buße und Vergebung gehören zu den großen Themen im Katholizismus. „Wir können in die Irre laufen, aber wir können auch wieder umkehren und neu anfangen. Diese Botschaft will ich weitergeben.” Dass die Botschaft ankommt, davon zeugt die Erfahrung – und die ein oder andere Freundschaft, die Reichert über die Jahre hinweg mit ehemaligen Inhaftierten und ihren Familien geschlossen hat. Denn: „Gott schenkt uns einen Neuanfang, wenn wir bereit sind, uns durch ihn verändern zu lassen. Das ist etwas ganz Großartiges!” Die Hoffnung auf einen Neuanfang: Eine Chance, die jeder der rund 50 Gottesdienstteilnehmer an diesem grauen Sonntagmorgen im November ergreifen kann, wenn er es denn wirklich will. Diakon Reichert steht schon zur Starthilfe bereit. So wie jeden Tag.

Auf dem Gebiet des Bistums Trier befinden sich fünf JVA´en, eine Jugendstrafanstalt (JSA) und eine Jugendarrestanstalt (JAA). Die Gefängnisseelsorgenden haben die Aufgabe, das Wort Jesu „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ in die Tat umzusetzen. Sie stehen allen Menschen im Gefängnis und deren Angehörigen als Ansprechperson zur Verfügung. Die Seelsorge in den Justizvollzugsanstalten fällt in die Zuständigkeit der Abteilung Pastorale Grundaufgaben im Bischöflichen Generalvikariat.

Inge HülpesBistum Trier

 

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