Zur Freiheit berufen: Grenzen und Möglichkeiten der Seelsorge im Justizvollzug

Zur jährlichen Studientagung treffen sich GefängnisseelsorgerInnen bundesweit für Gespräche, Weiterbildung und politischer sowie kirchlicher Positionierung an wechselnden Orten. Jeder in der Gefängnisseelsorge Tätige kann an der Tagung teilnehmen. Die Kosten hierfür übernimmt das jeweilige Land oder das Bistum vor Ort. Im Rahmen der Studientagung wird die Mitgliederversammlung der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V. durchgeführt.
www.gefaengnisseelsorge-paderborn.de
JVA Iserlohn: Symbol der Möglichkeiten
Das Titelbild zeigt ein Teil der Gefängnismauer der noch stehenden Justizvollzugsanstalt Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Die Tage der JVA im Iserlohner Ortsteil Drüpplingsen sind gezählt. Doch noch stehen alle Gebäudekomplexe in unmittelbarer Nähe zum Wohngebiet wie es immer war: die Mauer, die Schleuse, die Hafthäuser sowie die Werkhallen. Im Jahr 2024 wurden die letzten inhaftierten Jugendlichen in andere Justizvollzugsanstalten verlegt. Die Natur holt sich jetzt das Gelände immer mehr zurück.
Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die Gefängnisgänge, Hallen und Hafträume sind mehr oder weniger leer. Die JVA Iserlohn wurde 1970 in Betrieb genommen. Der Bau ist marode: „Es gab schon immer Probleme mit dem Regenwasser, das ins Innere eindrang“, erzählt der Projektleiter und ehemalige Abteilungsleiter der JVA Iserlohn Roland Pastoor.
Pastoor weiß viele Geschichten zu den einzelnen Bereichen zu erzählen. Ebenso die Mauern und Räume, die Wand-Malkunstwerke und der Teddy, der noch im Dienstzimmer der Sporthalle hängt. „Die JVA Iserlohn kennt keine Zäune und keinen Nato-Draht auf der Mauer. Darauf wurde bewusst verzichtet“, weiß der Projektleiter und erfahrene Vollzugsbedienstete zu berichten. Viele Projekte und Resozialisierungsmaßnahmen sind hinter diesen Mauern durchgeführt worden. „Lichtblick“ heißt das ehemalige Café, an der die Bibliothek angegliedert war. Jetzt steht dort nur noch die Theke ohne Kaffeemaschine. Die Unterschrift von Peter Maffay ist auf einer Wand zu sehen. Bei einem Besuch im Jahr 2011 sprach er mit inhaftierten Jugendlichen. Bereits 1992 stattete Maffay der JVA Iserlohn einen Besuch ab. Ein stilles Denkmal, das es bald nicht mehr gibt.
Mut machen, neue Dinge auszuprobieren
Welche Geschichte die Bemalung an der Außenmauer hat, ist nicht bekannt. Die dunkelgraue Betonmauer wird unterbrochen durch ein farbig-geometrisches Tor. Ein Hinweis, dass die Mauern durchlässig sind. Die Farben zeigen, dass Vollzug nicht starr und reglementierend sein soll. Der Ort des Gefängnisses ist keine Endstation, sondern eine „Durchgangsstation“, die gestaltet werden wollen. Der Spiegel des Autos gibt des Blick zurück frei. Noch verschwommen und unklar.
„Zur Freiheit berufen“ könnte Mut machen, neue und andere Dinge auszuprobieren. Gefängnisseelsorge hat viele Möglichkeiten, Freiräume hinter Gittern sichtbar zu machen. Und dies sowohl für Gefangene als auch für Bedienstete. Der ehemalige Priester und Schweizer Autor Pierre Stutz spricht in seinem Buch „geborgen und frei“ spricht von religiös-erwachsenen Menschen. Sie sind „nicht fixiert auf Autoritäten“ und Gefängnisdirektoren. „Sie nehmen ihr Leben bewusst in die Hand. Sie verlassen die Opferrolle, weil sie wissen, dass sie die anderen und die Welt nicht ändern können. Darum suchen sie zuerst in sich selber Zugänge zu dem, was lähmt und empört, um sich konstruktiv-kritisch für eine Veränderung einsetzen zu können.“
Michael King
In Nordrhein-Westfalen gibt es 36 Justizvollzugsanstalten (JVA) mit dem Justizvollzugskrankenhaus (JVK). Insgesamt sind es etwa 18.000 Haftplätze sowie fünf Jugendarrestanstalten (JAA) mit etwa 250 Plätzen.
Zur Freiheit berufen: Grenzen und Möglichkeiten der Seelsorge im Justizvollzug: Unter diesen Gedanken wollen wir uns in diesem Jahr mit dem Blick auf unsere Arbeitssituation beschäftigen. Oft erleben wir, dass uns Inhaftierte aber auch Kolleginnen und Kollegen aus Fachdiensten, uniformiertem Dienst oder Anstaltsleitung einerseits als „die Freien“ einordnen: „Sie von der Kirche haben doch noch Möglichkeiten, wo uns die Hände gebunden sind…“ Auf der anderen Seite erleben wir unsere Arbeit wie in einem doppelten Korsett: Kirchliche Vorgaben und vollzugliche Rahmenbedingungen bilden eine recht enge Schnittmenge für unser pastorales Handeln vor Ort.
Es erfordert Geschick und Feinsinn, diese Handlungsräume so zu gestalten, dass wir dem eigenen Anspruch gerecht werden, seelsorglich die Fragen und Nöte aller vom Vollzug Betroffenen gewissenhaft und im Geiste Jesu Wirklichkeit werden zu lassen. Aus dem Kreis unserer Mitglieder, aus dem Beirat und natürlich auch im Vorstand haben wir exemplarisch Situationen (in Vorträgen und Workshops) ausgewählt, an denen wir unser Jahresthema konkret werden lassen wollen. Auf eine spannende Woche, viele Begegnungen und interessante Gespräche mit Ihnen und Euch freut sich das Team des Vorstandes!
Andreas Bär
Überblick: Vorträge
- Welche Freiheiten haben wir? (Vortrag Prof. Aaron Langenfeld, Universität Paderborn)
- Wie gehen wir mit den Tätern um? (Vortrag + Workshop Dr. Christoph Wrembek, SJ)
- Blick über den Tellerrand: Seelsorgerliche Freiheiten aus den Gefängnissen in Belgien (Louisa Puschel)
Workshops
- Unsere „Freiheiten“ an der Grenze des Lebens (Palliativ Care, Dr. med. Martin Langer, Oberärztin Dr. med. Petra Hinzmann, JVK Fröndenberg)
- Letzte Möglichkeiten am Ende der Freiheit (Haus des Jugendrechts, Paderborn)
- Grenzen und Freiheit in der Gefängnisseelsorge im Rahmen von Selbstverständnis, Arbeitsweise, Haltungen und Rolle (Gunther Landschütz, Leiter der Beratungsdienste im Erzbistum Paderborn)
- Dr. Christoph Wrembek SJ: Die Bibel steckt voller Beispiele des Scheiterns auf der ersten Ebene. Wo können wir innerhalb juristischer, gesellschaftlicher und kirchlicher Grenzen, Normen und Erwartungen Freiräume offenhalten?
Referenten
Dienstag, 6. Oktober 2026, 9-12 Uhr
Dr. Christoph Wrembek SJ ist 1961 in den Jesuitenorden eingetreten. Er arbeitet als Priesterseelsorger und Exerzitienbegleiter, schreibt Bücher und lebt in Hannover. Seit Ende 1991 ist er regelmäßig in Estland tätig und hat den Förderverein Johannes-Esto-Zentrum e.V. ins Leben gerufen.
Der Themenkreis „Scheitern – Am Rande stehen – Ausgegrenzt sein (und oft auch bleiben) – Sehnsucht nach Wiedereingliederung“ ist ein großer Topos in unserer Arbeit. Dies wird allzu oft nur auf die Inhaftierten bezogen. Aber auch wir als Seelsorgende erleben immer wieder Situationen des Scheiterns und das in mehrfacher Hinsicht:
- Wenn wir im Ringen um einen menschenwürdigen Vollzug oft gegen staatliche Sicherheitsbedenken ankämpfen und sehr selten unsere christlichen Werte 1:1 umsetzen können…
- Wenn Kollegen oder Kolleginnen unter uns sich durch Fehlverhalten aus dem Dienst katapultieren und als Kollateralschaden auch den Ruf der Gefängnisseelsorge insgesamt einer Belastung unterwerfen.
- Wenn wir erleben müssen, dass trotz der großen Aufmerksamkeit und Sorge Einzelnen gegenüber (und das gilt auch für Bedienstete aus dem Vollzugspersonal) ein Entkommen aus Teufelskreisen (Süchte, Minderwertigkeitsängste, …) nur schwer und leider oft auch gar nicht stattfindet.
- Wenn wir als Botschafter der Hoffnung und frohen Botschaft selbst in ein depressives oder anderweitig belastendes Lebensgefühl stürzen
- Wenn wir angesichts manch schlimmer und grausamer Straftaten am Liebesgebot und an der Offenheit dem/der Nächsten gegenüber verzweifeln.

Prof. Dr. Aaron Langenfeld, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft und Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn.
Das Arbeitsfeld liegt „zwischen den Stühlen“ von staatlichen (Justiz) und kirchlichen (Pastoral) Vorgaben. Inhaftierte, Bedienstete, Angehörige und Ehrenamtliche zu begleiten findet in diesem Spannungsfeld statt. Gleichzeitig haben sie „die Freiheit“, die Arbeit in den Schwerpunkten selbst zu strukturieren, soweit es die Rahmenbedingungen erlauben… In Anlehnung an den Artikel „Was ist Freiheit?“, der mit Professor Dr. Martin Breul verfasst wurde, erleben wir regelmäßig Menschen, die mit freiem Willen (Ihr 1. Postulat, bei dem sich mir aufgrund vieler Schilderungen Inhaftierter die Frage nach den äußeren Zwängen z. B. Sucht stellt) den Entschluss gefasst hatten, das moralisch Falsche nicht nur zu denken, sondern auch in die Tat umzusetzen (Ihr 4. Postulat im Artikel).
Wir ringen in mehrfacher Hinsicht damit (zunächst in uns selbst, dann auch als Verfechter der Menschenwürde gegenüber gesellschaftlichen Gruppierungen) damit, den positiven Wert des Entscheiden-Dürfens dieser Menschen gegenüber dem verursachten Leid bei den Opfern in einen Bezug zu setzen, der dem Leid der Geschädigten gerecht wird und den Tätern / Täterinnen das Bewusstsein der Tragweite ihrer freien Entscheidungen nahe zu bringen. So fragen wir uns oft selbst in unserer Rolle und in unserem Selbstverständnis:
- Wir gelingt es uns auf gewissenhafte Weise, einen Dialog zwischen Gut und Böse (Opfer und Täter aber auch bei den Tätern in ihrer inneren Gespaltenheit) aufzubauen?
- Wie gehen wir mit den dabei unumgänglichen Rückschlägen um?
- In welcher Form können wir in solchen Handlungsfeldern Beispiele für ein „gutes Leben“ anbieten oder gar vorleben?
Workshops
Dienstag, 6. Oktober 2026, 15-18 Uhr | Mittwoch, 7. Oktober 2026, 9-12 Uhr
Gunther Landschütz, Leiter der Beratungsdienste im Erzbistum PaderbornGrenzen und Freiheit in der Gefängnisseelsorge im Rahmen von Selbstverständnis, Arbeitsweise, Haltungen und Rolle. Ein Workshopangebot als kollegialer Austausch und Selbstvergewisserung.
Die Bibel steckt voller Beispiele des Scheiterns auf der ersten Ebene. Daraus ergeben sich die Fragen: Wo können wir innerhalb juristischer, gesellschaftlicher und auch kirchlicher Grenzen, Normen und Erwartungen Freiräume offenhalten? Wie gehen wir mit den inneren (also persönlichen) als auch äußeren Grenzen um, wenn wir Freiräume ermöglichen wollen?

Team des Haus des Jugendrechts Paderborn | Initiative Kurve kriegen
Niels Niemann, Kriminalhauptkommissar und Koordinator
Dienstag
Vorstellung der Konzepte „Kurve kriegen“ und Haus des Jugendrechts Paderborn von den VertreternInnen der einzelnen Professionen (Pädagogische Fachkraft sowie Polizeiliche Ansprechpartner der NRW-Initiative „Kurve kriegen“, MitarbeiterInnen des Hauses des Jugendrechts Paderborn von der Staatsanwaltschaft Paderborn, der Polizei Paderborn, der Jugendhilfe im Strafverfahren der Jugendämter der Stadt und des Kreises Paderborn). Dies beinhaltet auch die Beschreibung der Zielsetzung, die das Haus des Jugendrechts Paderborn mit dieser engen Zusammenarbeit verfolgt. Hier können wir auch die Fragestellung einfließen lassen, welche weiteren Player darüber hinaus mit dem Haus des Jugendrechts Paderborn zusammenarbeiten. (Netzwerk des Hauses des Jugendrechts Paderborn)
Mittwoch
Am zweiten Tag würden wir die Thematik zur Fehlerkultur angehen. Zu diesem Punkt haben wir uns folgende Gedanken gemacht, die man im Rahmen der Studientagung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erörtern könnte. Man kann den Begriff der Fehlerkultur im Hinblick auf pädagogisches Handeln mit dem Begriff der „Verantwortungsübernahme“ ergänzen, der in der pädagogischen Arbeit immer wieder wichtig ist: Übernimmt ein Mensch wirklich die Verantwortung für sein (rechtswidriges) Handeln z.B. in Form von einer Wiedergutmachung entstandenen Schadens? Wie kann das erfolgen?
Das kann dann auch mit Werten, Moralvorstellungen und persönlichem Gewissen derart positiv konnotiert werden, dass damit auch die Begehung weiterer rechtswidriger Taten verhindert werden kann. Zum Beispiel kann hier der sog. Täter-Opfer-Ausgleich ein Thema sein. In den Konzepten der Kriminalprävention spielen Risikofaktoren und Schutzfaktoren eine gewichtige Rolle. Von Interesse für die teilnehmenden SeelsorgerInnen aber auch für uns kann ein gemeinsamer Austausch über diese Faktoren sein. Welche Erkenntnisse hat die Seelsorge mit den genannten Faktoren? Finden diese sich auch in den konzeptionell festgehaltenen Risiko- und Schutzfaktoren wieder?

Palliativ Care, Dr. med. Martin Langer, Justizvollzugskrankenhaus (JVK) NRW in Fröndenberg, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Witten/Herdecke, Leitender Arzt Anästhesiologie, Operative Intensivmedizin, Hospiz- und Palliativmedizin
Oberärztin Dr. med. Petra Hinzmann
Palliative Care im Justizvollzug – Praxisdialog zu Konzepten, Herausforderungen und Perspektiven
Palliative Care im Justizvollzug stellt Mitarbeitende vor besondere fachliche, ethische und organisatorische Herausforderungen. Der Praxisdialog im Rahmen der Studientagung Gefängnisseelsorge beleuchtet die Versorgung schwerkranker und sterbender Inhaftierter im Spannungsfeld von Sicherheit, Fürsorge und Menschenwürde. Gemeinsam werden praxisnahe Handlungsmöglichkeiten, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie kommunikative und psychosoziale Aspekte erarbeitet und diskutiert. Ziel ist es, Sicherheit im Umgang mit palliativen Situationen im Vollzugsalltag zu stärken und Impulse für eine würdevolle Begleitung am Lebensende zu geben.

Zwischen den (Kirchen-)Stühlen?
Die Übersicht des Tagungsprogramms erfolgt in Kürze…
Anmeldung
Tagungsgebühr 200 Euro Mit der Anmeldung überweisen auf das Konto der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V. Übernachtung in Einzelzimmer/Vollverpflegung 598 Euro Ist im Tagungshaus Liborianum bar oder mit EC Karte zu zahlen.
Einige TeilnehmerInnen sind im benachbarten IN VIA Hotel untergebracht.
Anmeldung an: anmeldung(at)jva-seelsorge.de
Anmeldeschluss: 30. August 2026
Liborianum
An den Kapuzinern 5–7
33098 Paderborn
Haus: +49 (0) 5251 121-3
Handy: +49 (0) 160 9956 9510
info(at)liborianum.de
www.liborianum.de
Anfahrtsweg ausdrucken
Parkplätze gibt es im Innenhof. Das Tor wird nach Klingen geöffnet. Wenn der Parkplatz belegt ist, bitte die öffentlichen Parkmöglichkeiten nutzen (Parkhaus Libori, Parkplatz Maspernplatz)
Herzlich Willkommen und herzliche Einladung nach Paderborn

GefängnisseelsorgerInnen auf dem Gebiet des Erzbistum Paderborn.




