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Häftlinge, deren Verbrechen „Judenhilfe“ war

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In der Familie haben wir auch solch einen Judenstern
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Am 27. Januar jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal. Holocaustgedenktag. Die Deportation der Juden verlief damals in aller Regel nicht über die Justizgefängnisse des Reiches. Wer aber den Juden half, der konnte sehr schnell dort landen. Hat eigentlich irgendjemand einer jüdischen Familie damals geholfen? Die Frage war gerichtet an ein hochkarätig besetztes Plenum bei einer Holocaust-Tagung in Bochum. Eine Antwort blieb aus. Niemand kannte ein Beispiel für die so genannte “Judenhilfe”.

Karl Klauke, Pater Kilian Kirchhoff, Abbé Ernest Rixhon, Hendricus Lamers, Victor Henri Rutgers (v.l.n.r).

Dennoch gab es in der Zeit der Judenverfolgung Personen, die solidarisch waren. Auch in Bochum gab es welche. Allerdings hinter Gittern. Wenige Meter vom Ruhrstadion entfernt saßen in der „Krümmede“ Häftlinge ein, deren Verbrechen die „Judenhilfe“ war.

Karl Klauke

Der Schreiner und gebürtige Velberter Karl Klauke geriet mit über 70 Jahren in Haft. Seine Verbrechen waren das Abhören von Feindsendern und die Judenfreundschaft. Sein Haus in Lüdenscheid hatte er an den achtzigjährigen Juden Josef Stern vermietet. Klaukes Schwiegersohn, SA-Mitglied, zeigte ihn an, weil er Stern nicht kündigen wollte. Klauke war nicht bereit, gegen sein Gewissen die Prinzipien der Menschlichkeit zu verraten. Folge war die Haft von einem Jahr und zwei Monaten, die er ab 1941 größtenteils im Gefängnislazarett der „Krümmede“ verbüßte. Zu diesem Zeitpunkt war sein Freund und Mieter Josef Stern  schon verstorben.

Kilian Kirchhoff

Judenhilfe und „gehässiges“, „zersetzendes“, „staatsabträgliches“ Reden über Führer und Nazipersönlichkeiten waren die Verbrechen des Sauerländer Franziskanerpaters Kilian Kirchhoff. Alle Briefe, mit denen er versuchte, einer jüdischen Familie bei der Ausreise zu helfen, sind noch erhalten. Kirchhoff wurde von einer fanatischen Koblenzer Nationalsozialistin aus katholischem Haus denunziert. Zwischenzeitlich auch in Bochumer Untersuchungshaft wurde er vor dem Volksgerichtshof in Berlin am 7.3.1944 von Roland Freisler persönlich zum Tode verurteilt und am 24. 4.1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet.

Ernest Rixhon

Mit seinem Leben bezahlte auch der belgische Pfarrer Ernest Rixhon aus Lüttich seine Solidarität mit den Juden. Am 13. 12. 1942 ließen die belgischen Bischöfe (wie schon zuvor im Juli 1942 ihre niederländischen Mitbrüder) einen Protestbrief gegen die Judendeportationen verlesen. Die SS erfuhr von dem Vorhaben und verbot es. Daran hielt sich Abbé Ernest Rixhon aus der Pfarrei St. Christopherus nicht. Schon drei Wochen später wurde er verhaftet und in die „Krümmede“ gebracht. Dort stirbt er ein Jahr später am 14.2.1944 im Alter von 55 Jahren an den Haftfolgen.

Hendricus Lamers, Victor Henri Rutgers

Den Straftatbestand „Jodenhulp“ gab es auch in den besetzten Niederlanden. In der Familie des in Bochum inhaftierten Niederländers Hendricus Lamers wird bis heute überliefert, dass es bei der Anklage „Verstoß gegen die Kriegswirtschaftsordnung“ auch um die Versorgung versteckter jüdischer Familien ging. Lamers hatte, 17-jährig, entwertete Buttermarken wieder gültig gemacht und damit – so der Vorwurf – den lebenswichtigen Bedarf der der Bevölkerung gefährdet. 1944 kam er nach 9 Monaten Haft wieder frei. Nicht mehr frei kam  der niederländische Jurist, Hochschullehrer, Politiker und protestantisch-reformierte Widerständler Victor Henri Rutgers. Als Vorsitzender einer Hilfsorganisation half er auch Juden bei der Fucht aus Deutschland. Im Alter von 67 Jahren verstarb er am 5. Februar 1945 in der „Krümmede“ an den Haftfolgen.

1935 riefen die Bochumer Jungkommunisten in einem Flugblatt zur Akzeptanz von Juden auf, „die Menschenantlitz tragen wie wir alle“. Ob aus diesem Grunde jemand aus der Gruppe verhaftet wurde, ist mangels jeglicher Gefangenenakten aus dieser Zeit nicht bekannt. So stehen die fünf Portraits exemplarisch für all die, die sich unter Gefahr für Leib und Leben für jüdische Mitbürger eingesetzt haben. Wer weitere Judenhelfer sucht, sollte in den Gefängnissen und Zuchthäusern der NS-Zeit forschen.

Alfons Zimmer | JVA Bochum

In Helmut Molls deutschem Martyrologium des 20. Jahrhunderts sind immerhin vierzig ermordete Katholiken dokumentiert, die bei Hilfsaktionen für Juden ihr Leben verloren haben. Der verbreitete Eindruck, Christen hätten nicht geholfen, ist falsch. Bekanntere Fälle von „Judenhilfe“ stehen für viele weitere unbekannte stille Helden:

  • Pallottinerpater Dr. Max J. Größer, der Hunderte verfolgter Juden ins Ausland bringt und in Haft gerät.
  • Krescentia Hummel, katholische „Pflegemutter“ der bei ihr versteckten späteren Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch
  • Der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der tägliche Fürbitte für verfolgte Juden einführt, er stirbt 1943 bei KZ-Dachau-Transport.
  • Pater Pankratius Pfeiffer, Koordinator der Judenrettungsaktion von Pius XII., nach Pinchas Lapide 860000 Rettungen.
  • Franziskanerpater Dr. Gandulf Korte aus Höxter-Lüchtringen war u.a. in Haft, weil er die Judenverfolgung als Mord bezeichnet hatte. Am 4. November 1944 starb er mit vielen Mitgefangenen im Gerichtsgefängnis Bochum bei einem schweren Bombenangriff.

Auch die Treue der überwiegenden Zahl der christlichen Partner bei „arisch-jüdischen“ Ehepaaren u.v.m. stehen für die „Judenhelfer“. Informationen hierzu im Buch von Eduard Werner mit dem Titel „Helden und Heilige in Diktaturen“.

 

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