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Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen

Seelsorgerliche Arbeit im offenen Vollzug
26. März 2019
Im offenen Vollzug gemeinnützig gearbeitet
26. März 2019

Die Gefängnisse in Heinsberg, Köln, Rheinbach und nun in Euskirchen sind die Orte, wo ich Gefängnisseelsorger war bzw. bin. Jugendliche, erwachsene Männer, geschlossener und offener Vollzug sind meine Felder der Sonderseelsorge. Ich weiß nicht ob es überhaupt Sonderseelsorge ist, da das Gefängnis schon immer Ort der Seelsorge ist. „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.” Oder alles ist Sonderseelsorge, da jeder Mensch besonders ist.

Jede seelsorgliche Begegnung habe ich als besonders und einzigartig erlebt. Vielleicht tritt dieses Erleben im Gefängnis deutlicher zutage, so dass hier möglicherweise ein Unterschied ist. Im Grundsatz ist für mich Seelsorge gleich und nicht abhängig von Ort oder Mensch, der für mich natürlich unterschiedlich, einzigartig und gerade nicht gleich ist, vielleicht ausgenommen die Ebenbildlichkeit Gottes. Zurzeit arbeite ich als Gefängnisseelsorger mit einer halben Stelle in der Justizvollzugsanstalt Euskirchen, mit der anderen Hälfte im Seelsorgebereich Euskirchen-Bleibach/Hardt und darüber hinaus freiberuflich als systemischer Therapeut in Rheinbach.

Etwa dreiviertel der Arbeit im Gefängnis macht das seelsorgliche Gespräch aus mit Einzelnen, (Ehe-) Paaren und Gruppen. Die Menschen in der Haft kommen und nutzen diese Möglichkeit auch wegen der Verschwiegenheitspflicht. Der inhaltliche Rahmen ist weit: Schuld, Beziehung, Partnerschaft, Sucht, soziale Not, Krankheit, Haft, Glaube, Persönlichkeitsprobleme, Homosexualität usw. Es sind so viele Themen wie Menschen. Zu dieser Hauptaufgabe kommen (wenige) Gottesdienstvertretungen in der Urlaubszeit innerhalb der JVA, Vermittlung von Wohn- bzw. Urlaubsmöglichkeiten in einem Haus in Euskirchen für (ehemalige) Gefangene der JVA, Besuchergruppen, Gespräche über unsere Arbeit mit Anwärterinnen und PraktikantInnen in Vollzugs-, Verwaltungs- oder Fachdienst der JVA, Veranstaltungen in Kooperation mit der Anstalt und ein kleiner Teil Verwaltung. Als Seelsorger bin ich grundsätzlich auch ansprechbar für alle MitarbeiterInnen der Anstalt, was wenig genutzt wird.

Vermutlich haben sie mehr Möglichkeiten außerhalb der Anstalt und lassen den Gefangenen den Vortritt. Vielleicht ist auch für viele die Arbeit nicht der Raum für private oder persönliche Probleme. Und alles geschieht in einem guten, ökumenischen Miteinander. Gerade im Gefängnis bin ich gegenüber Justiz und Anstalt auf meinen evangelischen Kollegen Pfarrer Linden angewiesen. Sowohl die Gefangenen als auch die Anstalt sehen bei uns eher das Verbindende als das Trennende. Die Grundlagen der Arbeit von Kirche im Vollzug sind rechtlicher Natur. Es sind u.a. das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, das Grundgesetz, die Verfassung des Landes NRW, das Reichskonkordat und die Umsetzung dieser Grundlagen in Strafvollzugsgesetz, Verwaltungsvorschriften zum Strafvollzugsgesetz, Strafgesetzbuch und Strafprozessordnung. Das Land NRW und die Bistümer im Land NRW haben am 1.7.2003 eine Dienstordnung für die katholische Gefängnisseelsorge in Nordrhein-Westfalen in Kraft gesetzt. Viel Rechtliches! Vielleicht ist dies auch eine Besonderheit der Gefängnisseelsorge.

Der augenfälligste Unterschied zur Arbeit in der Gemeinde ist vielleicht auch das Arbeiten in einem nicht kirchlichen oder religiösen Umfeld. Die Nähe zu einer Einrichtung, die einen doch ganz anderen Auftrag hat. Und auf der anderen Seite eine große Nähe in der Seelsorge zu den Menschen. In der Gefängnisseelsorge führe ich deutlich mehr Seelsorgegespräche und habe deutlich weniger zutun mit den Dingen, die für die Arbeit in den Gemeinden typisch sind wie Sakramente, Katechese, kirchliche Gruppen und Gremien. Anders ist auch die Einschränkung auf einen konkreten Personenkreis. Hier in Euskirchen sind es erwachsene Männer, die ihre Haft im offenen Vollzug absitzen.

„Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.” Ich erfülle im Gefängnis diesen Auftrag des Herrn. Ich mache es gerne, weil es die Menschen im Gefängnis und mich bereichert, und weil es mir liegt. Wer darüber nachdenkt, eine solche Aufgabe anzutreten, sollte sich vorher einer Frage in großer Ehrlichkeit stellen: Bin ich persönlich in der Lage, mit den zum Teil schwierigen Situationen umzugehen oder gehe ich an der Belastung zugrunde? Eine Hilfe für mich ist die Supervision, das fürsorgliche Eingebettet sein im Kreis der anderen GefängnisseelsorgerInnen, mein Glaube und das Arbeiten an meiner persönlichen Kompetenz. So kann ich hilfreich sein und bleiben für die Menschen im Gefängnis.

Willi Oberheiden

 

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