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Der Herbert Haag Preis steht für Freiheit in der Kirche

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Die Preisverleihung 2021 der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche stellt Homosexualität als Herausforderung für die Kirchen ins Zentrum. Obwohl in Staaten wie Deutschland, Österreich und der Schweiz die „Ehe für alle“ eingeführt wurde und die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung gesetzlich verboten ist, hat sich im Vatikan bis heute in Sachen Homosexualität wenig getan. Das stößt zunehmend auf Unverständnis, auch bei vielen Gläubigen.

Fragt ein Inhaftierter: „Sind Sie schwul?“ „Nein, warum fragst Du?“ „Die anderen sagen, sie gehen so schwul.” „Schwul“ steht oft für alles, was fremd und unbekannt ist. Besonders im Knast, aber ebenso in bestimmten Kreisen „draußen“  gehört Homo-, Bi-, Trans- oder Intersexualität zur abweichenden und damit zur negativen Variante menschlicher Sexualität. Zum einen die Rede davon, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht mit der Ehe von Mann und Frau gleichgesetzt werden dürften, homosexuellen Menschen aber mit “Respekt und Taktgefühl” begegnet werden müsse. Dabei können nicht nur im “Innerzirkel” die Mehrheit der Menschen nachvollziehen, dass es in der Männerkirche der Kleriker genau dieses Phänomen gibt. „Es“ wird nicht offen gelebt und wenn, dann nur verdeckt. Mehr noch, so groß wie in der Katholischen Kirche ist Homophobie nur in arabischen oder afrikanischen Ländern. Homophobie bezeichnet eine gegen lesbische und schwule Personen gerichtete soziale Aversion oder Aggressivität.

Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz, vertritt bei der diesjährigen Preisverleihung den Standpunkt, dass eine kirchliche Anerkennung von Homosexualität als naturgegebene Variante menschlicher Sexualität und Beziehungsfähigkeit seit langem überfällig sei. Goertz: „Weil personale Liebe den sittlichen Rahmen gelebter Sexualität bildet, gelten für Menschen ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung und Identität die gleichen moralischen Standards… Das Recht auf verantwortlich ausgeübte sexuelle Selbstbestimmung gilt für Homosexuelle und für Heterosexuelle gleichermaßen.“ Das hat auch die katholische Kirche vorbehaltlos anzuerkennen. Die Leibfeindlichkeit der Kirchen hat den Menschen seit Jahrhunderten unendlich viel seelisches Leid zufügt. Dies kann kein Preis aufwiegen. Die Preisverleihung will Hoffnung stiften und alle ermutigen, sich ohne Abstriche einzusetzen. Vor diesem Hintergrund bezieht die Herbert Haag Stiftung Position und zeichnet mit ihrem Preis, der mit je 10.000 Euro dotiert ist, Menschen aus, die von religiös motivierter Diskriminierung betroffen oder gar von einem intoleranten Dogmatismus marginalisiert worden sind.

PreisträgerIn 2021

Dr. Hedwig Porsch ist Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Heiligkreuz im oberfränkischen Coburg. Weil Sie mit ihrer Ehefrau Sylvia Gebhart zusammenlebt, hat die katholische Theologin ihre Arbeitsstelle in der katholischen Kirche verloren. Dr. Hedwig Porsch (geb. 1969) studierte katholische Theologie und war sechs Jahre als Pastoralreferentin in der Diözese Würzburg tätig. 2002 kündigte sie ihr Dienstverhältnis und promovierte zum Thema “Gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaft im Diskurs” an der Fakultät für katholische Theologie in Bamberg. Nachdem sie in der katholischen Kirche deutschlandweit keine Festanstellung mehr fand und diese zur Bedingung gehabt hätte, ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu verheimlichen, wechselte sie zunächst als Bildungsreferentin in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. In diese trat sie 2014 über und wurde 2015 zur Pfarrerin ordiniert. Seitdem wirkt sie als Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Heiligkreuz im oberfränkischen Coburg. Hedwig Porsch ist verheiratet mit Sylvia Gebhart.


Pierre Stutz ist ein spiritueller Begleiter, der im deutschen Sprachraum Kurse und Meditationswochen gestaltet. In seinen vielen Büchern plädiert er für eine lebensbejahende Religiosität und eine erotische Spiritualität. Er war bis 2002 Priester der Diözese Basel und lebt heute mit seinem Ehepartner in Osnabrück. Nach Tätigkeiten als Jugendseelsorger und Dozent am Katechetischen Institut in Luzern legte er 2002 sein katholisches Priesteramt in der Diözese Basel nieder. Er gestaltete die Abbaye de Fontaine-André bei Neuchâtel/CH als offenes Kloster und setzt sich für eine Korrektur und Erneuerung der kirchlichen Sexualethik ein. “Der Herbert-Haag-Preis berührt sehr, lässt mich glücklich-schmerzvolle Tränen fliessen und bringt mich in Verbindung mit meiner Empörung, dass im Jahre 2021 immer noch in erschreckend vielen Ländern Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung als LGBTQI+ (lesbisch/gay/bisexuell/trans*/queer/inter und non-binär) diskriminiert, inhaftiert, gefoltert und ermordet werden und dass aus dem Vatikan, in dem der Anteil der schwulen Priester überdurchschnittlich hoch ist, immer noch homophone und ausgrenzende Dokumente verfasst werden”, so Stutz in seinem Newsletter. You Tube….


Dr. Ondrej Prostredník ist Missionsmitarbeiter der Evangelischen Kirchengemeinde Bratislava Altstadt. Weil er die Kirchen der Slowakei wegen ihrer religiösen Intoleranz gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) kritisierte, entzog ihm die lutherische Kirchenführung die Erlaubnis, weiterhin am Lehrstuhl für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Bratislava zu lehren. Ondrej Prostredník ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Frau Edita in Pezinok. Dr. Ondrej Prostredník (geb. 1963) durchlief die Ausbildung zum lutherischen Theologen in Bratislava, Leipzig und Philadelphia (USA) und war zunächst als Gemeindepfarrer in Pliešovce und Nitra (Slowakei) tätig, dann beim Lutherischen Weltbund in Genf und von 2002 bis 2007 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Slowakei. Seine Habilitation verfasste er über „Die Kirche als charismatische Gemeinschaft nach 1 Korinther 12″; von 1999 bis 2018 hatte er den Lehrstuhl für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Comenius Universität in Bratislava inne und legte seinen Schwerpunkt auf die ethischen Aspekte des Neuen Testamentes sowie auf die Ökumene und den interreligiösen Dialog.


Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) setzt sich seit 1977 mit dem Konfliktfeld Homosexualität in Kirche und Religion auseinander. Sie engagiert sich für die Akzeptanz vielfältiger Lebens- und Familienformen, und sie bezieht in öffentlichen Aktionen und Stellungnahmen sowie in wissenschaftlichen Arbeiten Stellung. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche wurde auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin gegründet und ist inzwischen auch auf dem Katholikentag präsent. Die Gruppe hat Grundlagenarbeiten verfasst sowie Aktionen und Stellungnahmen in der Öffentlichkeit lanciert.

Das Video der Preisverleihung ist auf der Website der Stiftung abrufbar. In Vergangenheit gehörten zu den Preisträgern der ehemalige Regens und Gefängnisseelsorger Andreas Knapp, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, der französische Bischof Jacques Gaillot, Eugen Drewermann und der Befreiungstheologe Leonardo Boff.

Herbert Haag – kritischer Theologe

Der Herbert-Haag-Preis, benannt nach dem Schweizer Theologen Herbert Haag, wird an Personen und Gruppen sowie für Publikationen, Tagungen und Recherchen vergeben, „die sich für Freiheit und Menschlichkeit innerhalb der Kirche einsetzen“. 1985 wurde die Herbert Haag Stiftung Für Freiheit in der Kirche in Luzern gegründet. Im Oktober 1934 trat Herbert Haag in das Collegium Germanicum zum Studium der Philosophie und Theologie ein. Im Jahr 1940 wurde er von Kardinal Jean Verdier in Paris zum Priester geweiht. 1942 promovierte Haag beim Niederländer Marcus Antonius van den Oudenrijn (1890–1962) an der Universität Freiburg (Schweiz). Danach war er Vikar in der Franziskanerkirche Luzern. Hier beteiligte er sich nach Kriegsende am christlich-jüdischen Dialog. Von Herbst 1948 bis 1960 lehrte er Altes Testament an der Theologischen Fakultät Luzern, von 1960 bis 1980 hatte er den Lehrstuhl für Altes Testament an der katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Tübingen inne. Haag wurde insbesondere als Bibelwissenschaftler und Exeget bekannt. Seine kritischen Positionen zu Teilen der Glaubenslehre, wie z.B. der Erbsünde und zum Priesteramt fanden den Widerspruch der Kirchenleitung. Haag ist in der baden-württembergischen Stadt Singen am Hohentwiel geboren. Er starb mit 86 Jahren 2001 in Luzern.

 

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