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Heilige auf meinem Sofa​: Was sie uns sagen würden

Bis wir tot sind oder frei – Straftäter als Symbolfigur
21. Oktober 2021

„Unter Hitler“ im Bochumer Gefängnis: Links drei Priester, ein Küster und ein junger Belgier, die in Haft verstarben. Rechts Pfarrer Reuland aus dem Bistum Trier.

Länger habe ich mich mit NS-Häftlingen in Strafanstalten des Reiches beschäftigt. Darunter waren viele wegen widerständiger Handlungen. An Allerheiligen denke ich an sie. Viele sind Zeugen Christi und ZeugInnen der Menschlichkeit. Die allermeisten sind mittlerweile vergessen, leider. Auf einmal saßen sie alle am Allerheiligenfest auf meinem Sofa. Viele davon waren inhaftiert in dem Gefängnis, in dem ich schon lange arbeitete, in der heutigen JVA Bochum.

Es hört sich seltsam an, aber genauso war es. Auf einmal saßen sie auf meinem Sofa. Besser gesagt, sie standen, als Großportraits auf Pappe. Sie als Heilige zu bezeichnen, wäre mir zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen. Doch beeindruckten sie mich außerordentlich. Sie hatten alle für ihre Überzeugung teuer bezahlt. Viele mit dem Leben. Und alle mit schwerster Haft samt körperlichen und seelischen Folgen. Egal, wo ich in der Wohnung stand, ihr Blick folgte mir. Nach und nach gewann ich starke Beziehung zu ihnen. Sie haben mich nicht nur beeindruckt. Sie haben mich bis heute beeinflusst. Manchmal sehe ich sie bei Kirchenkonferenzen dabeisitzen und frage mich, was sie uns sagen würden. Wer sind sie? Ihre Bildportraits stehen für Personen, die in den Jahren der Hitlerdiktatur nach ihrem Gewissen handelten, sich gegen Unrecht einsetzten. Aus politischer Überzeugung, aushumanitären Gründen, auch wegen ihres christlichen Glaubens. Und die deshalb in Haft gerieten in dem Gefängnis, in dem ich schon lange arbeitete, in der heutigen JVA Bochum, dem damaligen Strafgefängnis.

Über 100 Portraits

Nach Entdeckung des Themas, nach ersten Recherchen, hatte ich begonnen, ihre Gesichter zu sammeln. In den Tiefen des Internets, meist auf Seiten Ihrer Geburts- und Wirkorte. Gefangenenakten gibt es keine mehr. Mittlerweile sind es über 100 Portraits. Kleinstfotos habe ich vergrößert und nochmal vergrößert und nächtelang auf Pappwände aufgeklebt. Bald halfen mir dabei Inhaftierte der Gefängnis-Buchbinderei. Mittlerweile stehen die Fotowände in Kisten auf meinem Dachboden. Gelegentlich nehme ich einige mit zu Schulklassen, zu Jugendgruppen, zu Gesprächsgruppen in der JVA und außerhalb. Einmal hingen sie sogar im Stadtarchiv.

Unbekannte Zeugen

Es ist erstaunlich, wie viele Hürden zu überwinden sind, um heute für ihre Schicksale Interesse zu wecken, auf Justizebene, auf Kirchenseite. Am katholischen Allerheiligenfest wird es mir keiner verdenken, wenn ich zuerst an sie denke. Genau für diese Zahl der wenig bekannten und der vielen unbekannten Zeugen Christi ist das Fest doch gemacht worden. Und für die, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und menschliche Geschwisterlichkeit im Geist der Seligpreisungen schwere Nachteile erlitten (Mt 5,10). Exakt sie sind für mich Heilige im Sinne des Hochfestes Allerheiligen.

Völkerfreundschaften

Zum Ersten: Dass Heilige Freundschaften stiften können, ist aus der Kirchengeschichte einschlägig bekannt. Der „Liebesbund“ zwischen den Bistümern Paderborn und Le Mans dauert schon fast 1200 Jahre an, beginnend mit der Übertragung der Liborius-Reliquien in die westfälische Bischofsstadt. Städtefreundschaften sind hinzugekommen, etwa die zwischen Wattenscheid und Nivelles. Die große Gertruden-Wallfahrt ins belgische Brabant stößt Besuche und Gegenbesuche an. An die Internationale Soldatenwallfahrt am Marienort Lourdes darf man denken. „Meine Heiligen“ führten auch Franzosen, Belgier und Niederländer nach Bochum. Familien von damaligen Inhaftierten haben hier Kaffee getrunken, übernachtet, Völkerfreundschaft im Kleinen. Französische Pfadfinder besuchten die Leidensorte eines damals in Bochum inhaftierten und in Dortmund hingerichteten Kaplans. Eine deutsch-französische Messe zusammen mit Gefangenen in der JVA-Kapelle war ein Höhepunkt ihrer Reise und weitere Begegnungen mit Bochumer Pfadfindern.

Als Mensch begegnet

Die „politischen“ Inhaftierten von damals – dies zum Zweiten – hatten auch selber in ihrer Haft freundschaftlichen Kontakt zu Personen mit ganz anderem weltanschaulichem Hintergrund. „Du bist der erste, der mir in meinen vielen Haftjahren als Mensch begegnet ist.“, sagt ein Kommunist und Atheist zu Pfarrer Josef Reuland. Sie werden Freunde. Der Freund steckt dem frierenden Pfarrer seine Unterjacke zu und vor dem wahrscheinlich tödlichen Abtransport ins KZ Mauthausen noch seine gute Wolldecke. Da nun alle irdischen Beziehungen mit in die ewige Wirklichkeit hineingerettet werden, ist schlechterdings eine Ewigkeit nicht vorstellbar, in der der auch im Einsatz für die Gerechtigkeit verfolgte Freund und die Freundschaft ins Nicht fallen würden. Heilige, große und kleine, stiften Freundschaften zwischen Völkern, über Zeiten, über Weltanschauungen, auch über die Todesgrenze hinweg.

Alfons Zimmer

 

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