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Eine Kuckucksuhr in der Knast-Kirche. Warum nicht?

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Die Herforder Knast-Kirche ist um eine „Attraktion“ reicher: Eine Kuckucksuhr ertönt zur halben und vollen Stunde in einem der Pavillons der Anstaltskirche. Hier hat man vor 20 Jahren zwei Pavillons mit einer Küche und einer „Lounge“ im großen historischen Kirchenraum eingebaut. Es sei ein kleines „Gemeindezentrum“, so sagen die ehemaligen Gefängnisseelsorger der JVA Herford. Jetzt ertönt neben der manuell bedienbaren Kirchenglocke noch eine Kuckucksuhr.

Eine Attraktion soll diese Uhr aber nicht alleine sein. Die Zeit tickt im Knast stetig und ist immer wieder Thema in fast jedem Gespräch. Der Kuckucks-Ruf der etwas anderen Uhr ertönt zur vollen und halben Stunde. Dann kommt eine geschnitzte Holz-Kuckucksfigur heraus. Diese Uhren werden traditionell vor allem im Schwarzwald gefertigt. Von hier kommt usrprünglich der katholische Gefängnisseelsorger Michael King. Die orange Kuckucksuhr hat seinen Ursprung im Ort Schonach. Dort ist das Kuckucksuhr-Unternehmen „Rombach und Haas“ ansässig.

Gerichtsvollzieher „Kuckuck“

Die Wanduhr, deren mechanisches Pendelwerk mit Kettenzug und Schlagwerk ausgestattet ist, ist mit den Gewichten des Tannenzapfens und des kleinen Vogels „modern“ gestaltet. Man muss sie „aufziehen“, damit sie läuft. Die Grundform des Gehäuses ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts meist einem Bahnwärterhäuschen mit Schrägdach nachempfunden und mit geschnitzten Holzornamenten verziert. Kaum jemand im ostwestfälischen Herford hat einen Bezug zu solch einer Tradition. Eher zufällig kamen die beiden Gefängnisseelsorger, Michael King und Stefan Thünemann, darauf, solch eine Uhr zu installieren. „Der Kuckuck ist ein eher ein scheuer Vogel, der die Nähe des Menschen meidet“, sagt King. „Er legt viele Male in fremde Nester seine Eier ein“, erzählt King. Den Kuckuck kennen einige der Inhaftierten nur durch den Gerichtsvollzieher, der die Wohnung nach Pfandbarem durchsucht.

Freiheit und Weckruf

„Dem zeige ich den Vogel“, ergänzt Thünemann und meint manche Aktionen im Jugendvollzug, die unter den Inhaftierten unverständlich sind. „Vögel sind der interkulturelle und interreligiöse Begriff von Freiheit im Knast“, sagt er. Tatsächlich gibt es im Frühjahr die Enten, die hinter den Mauern nisten, ebenso Raben und Tauben. Sehnsüchtig schaut so mancher am vergitterten Haftraumfenster diesen Vögeln hinterher. „Die können fliegen“, sagt Klaus, ein 16-jähriger Gefangener, der wegen schwerer Körperverletzung einsitzt. „Das würde ich auch gerne können, einfach wegfliegen“, betont er. Aber davonfliegen ist keine Lösung. Oft kommen straffällig gewordene Jugendliche erst nach Jahren an den Zeitpunkt, an dem sie merken, dass es in dieser Art und Weise nicht weitergehen kann. Es braucht ein oft ein Weckruf eines Menschen, der sie aufrüttelt. In diesem Sinne ist diese Kuckucksuhr ein Symbol für ein ungewöhnliches „Wecken“ im Leben. „Zeit ist dehnbar im Gefängnis“, fügen die beiden Gefängnisseelsorger weiter aus. „Manches Mal vergeht Zeit sehr langsam, manches mal verfliegt die Zeit“, lacht Thünemann. Da redet er sicher im Namen der inhaftierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Traditionen neu interpretieren

Das Jugendgefängnis ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, Religionen, Weltanschauungen und individueller dunkler und freudiger Geschichten. Da treffen Welten aufeinander. Warum sollte dies nicht durch eine Kuckucksuhr positiv „gestört“ werden? Die Uhr ist ein Anlass für Gespräche, Diskussionen und dem Hinterfragen von Traditionen. Letzteres kann eine Initialzündung auslösen, seine eigene „Traditionen“ wiederzuentdecken, neu zu hinterfragen und die gewonnenen Erkenntnisse in guter Weise (anders) weiterzuführen. Manche der angeblich geglaubten Tradition kann man getrost über Bord zu schmeißen. Hier und da entdeckt man aber in der eigenen traditionellen Geschichte neue Tiefgründigkeiten.

M.K.

 

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