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Eine Haftstrafe als Chance für ein neues Leben?

Das Leben hier drin ist nicht so einfach wie gedacht
14. März 2021

Julia (43) und Jennifer (37) sind Häftlinge der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta. Julia zum ersten Mal, Jennifer zum dritten Mal (beide Namen verändert). Julia sitzt seit einigen Monaten wegen Steuerhinterziehung. Bei guter Führung kann sie das Gefängnis in zweieinhalb Jahren verlassen. Sie kommt aus einem stabilen Elternhaus und einer großen Familie, machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau und qualifizierte sich weiter im Bereich Buchhaltung und Steuerwesen. Seit vielen Jahren arbeitet sie zudem als Autorin. Julia hat einen zwanzigjährigen Sohn. „Ich bin gesegnet mit ihm. Er steht zu mir.“ Ihre Mutter lebt nicht mehr, zu ihren anderen Familienmitgliedern hat sie keinen Kontakt.

Die Haftstrafe für den Steuerbetrug ist für sie ok, auch das Verfahren und der Richter waren fair. Nicht fair fand sie es jedoch, dass ihre fast vierjährige Bewährungsstrafe, die sie dafür bekommen hatte, kurz vor Ablauf wegen einer kleinen Unsauberkeit bei einem Online-Kauf aufgehoben wurde und sie in die JVA musste. „Dabei konnte ich meine Unschuld belegen“. Die Staatsanwältin sei knallhart gewesen, sagt sie. Doch rückblickend kann sie sagen: „Auch wenn es irre dusselig klingt, aber ich sehe in der Haft eine große Chance, danach neues Leben anzufangen.“ An ihrem letzten Wohnort hatte sich Julia in einer freikirchlichen Gemeinde engagiert. Der Glaube ist ihr wichtig. Nur wenige Gemeindemitglieder wissen von ihrer Haft, zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung.

(Ehemalige) Gefangene sind nicht beliebt, auch nicht bei Kirchengemeinden. Ihre Wohnung hat sie vor Haftantritt aufgelöst. Wenn sie wieder raus kommt, fängt sie wieder bei Null an. „Barmherzigkeit ist etwas, was mein Leben oder meine Seele auffängt. Etwas, was mir gut tut und was ich mir selbst nicht geben kann. Wo ich auf etwas oder auf jemand angewiesen bin und es geschenkt bekomme.“ In der JVA erfährt sie von Bediensteten Barmherzigkeit, sagt sie. Gerade in der Anfangszeit einer Haft gäbe es viel zu regeln. Beeindruckend findet sie das ehrenamtliche Engagement von Personen, die mit ihnen Gottesdienst feiern und den in der Gesellschaft abgestempelten Menschen zuhören. Diese Barmherzigkeit, dieses Miteinander kann sie auch an andere Gefangene weitergeben. Ihr Blick für andere Menschen, ihr Verständnis für fremde Sorgen und Probleme hat sich dadurch verändert.

Besuch bei Mama. Gezeichnet von der 10 jährigen Tochter einer Gefangenen der JVA Würzburg.

Zum driten Mal sitzt sie ein

Eine behütete Kindheit hatte Jennifer nicht. „Ich habe extrem harte Brüche im Leben erlebt.“ Mit drei Jahren kommt sie in eine Pflegefamilie, mit acht Jahren in ein katholisches Kinderheim. Mit 12 Jahren wird sie drogenabhängig, mit 15 aus dem Heim geworfen. Ihren 16. Geburtstag feiert sie mit dem ersten Heroindruck. Mit 19 kommt sie zum ersten Mal in Haft und wird clean. Den 20. Geburtstag feiert sie hinter Gittern. Nach 15 Monaten Jugendhaft kommt sie wieder raus. Ihre KFZ-Lehre bricht sie mit 22 Jahren ab, als sie schwanger wird. Kurz vorher hatte sie mittels einer Therapie ihre Drogenkarriere beendet. Knapp zwei Jahre hält sie das aus. Eine neue Therapie beschert ihr zehn drogenfreie Jahre. Jennifer lebt inzwischen mit ihrer Tochter in Lüneburg und arbeitet als Kellnerin. Gegen den nächsten Rückfall kämpft sie nicht mehr an, die nächsten Jahre sind keine Erfolgsgeschichte. Verurteilung wegen Beschaffungskriminalität (teure Kleidung geklaut), viereinhalb Monate auf Bewährung. „Der Richter war richtig sympathisch“, sagt Jennifer. Dann ein Rückfall, Jennifer klaut Lebensmittel, 2014 muss sie zum zweiten Mal für 19 Monate in Haft. Nach 12 Monaten kommt sie frei, macht eine Therapie. Die fehlenden sieben Monate muss sie nachholen, weil sie mit Schlaftabletten erwischt wurde. Zum dritten Mal sitzt sie jetzt ein.

Das ist Barmherzigkeit

Ihre 14-jährige Tochter lebt jetzt bei einem Freund, nicht beim Vater. Bis vor zwei Jahren wusste sie nichts von der bewegten Vergangenheit ihrer Mutter. Dann klärte ihr Vater sie auf. Doch sie hängt weiter an der Mutter, sucht den Kontakt zu ihr. Zweimal im Monat telefoniert sie mit der Mutter. „Ihr geht es gut“, sagt Jennifer. Auch Jennifers Mutter und ihre beiden jüngeren Brüder stehen zu ihr. Selbst aus dem Bekanntenkreis hat sich kaum jemand abgewendet. Es gab sogar mehrere Freunde, die sich angeboten haben, ihre Tochter und ihren Hund aufzunehmen. Kostenlos. „Das ist für mich Barmherzigkeit“, sagt Jennifer. Bislang habe sie in ihrem Leben wenig Barmherzigkeit erlebt. „Barmherzigkeit ist für mich seelische Wärme.“ Ob sie der Haftaufenthalt verändert hat? Nein, meint Jennifer. Allerdings ist sie dabei clean geworden. In der Haft ist sie mehrfach von Mitgefangenen menschlich enttäuscht worden. Und dennoch, sie hat in der JVA auch eine gute Freundin gefunden, mit der sie viele Probleme teilen konnte. Von Personal und Anstaltsleitung erlebt sie immer wieder Barmherzigkeit. Als sie bei ihrer zweiten Haftstrafe eine erhängte Mitgefangene findet, ist sie völlig durch den Wind. Mitarbeiter der JVA stellen daraufhin für sie ein Gnadengesuch. Sie selbst wäre gar nicht darauf gekommen. „Wie Jennifer hier mit dem Leben klar kommt und ich daraus etwas für mich ziehen kann, das ist für mich indirekte Barmherzigkeit“, sagte Julia. Nach der Haft will sie zu ihrem Sohn nach Köln. Einfach nur die Freiheit und das Leben genießen. „In vollen Zügen.“ Und nichts mehr mit Steuern und Buchhaltung machen. Und Jennifer? Sie will nach der Haft Lüneburg verlassen und nach Hannover ziehen. Wieder als Kellnerin arbeiten und eine Suchttherapie machen.

Dr. Ludger Heuer, Bischöflich Münstersches Offizialat, Pressesprecher Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

 

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