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Du sollst nicht töten… Einsatz gegen die Todesstrafe

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Durch persönliche Berichte ist der Krieg in der Ukraine präsent
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Der 10. Oktober ist der internationale Aktionstag gegen die Todesstrafe. Zwei Menschen aus Hammelburg bei Würzburg setzen sich vehement gegen die Todesstrafe ein. Monika und Henry Toedt heißen sie. Mit „Todeskanditaten“ in den USA stehen sie in Briefkontakt. Zur Todesstrafe initiierten sie eine Umfrage an mehrere Persönlichkeiten der Gesellschaft. Deren Stellungnahmen veröffentlichen sie mit den Erzählungen Inhaftierter, die von der Todesstrafe bedroht sind.

 

Shawna

Shawna sitzt seit 10 Jahren in der Todeszelle in Arizona, davon Jahre in Einzelhaft und wartet auf ihre Hinrichtung. In dieser Zeit wurden drei Anträge auf Wiederaufnahme abgelehnt. „Die unaussprechliche, grauenvolle Kälte hier ist zum Greifen nah. Frauen werden zurück in ihre Zelle geschickt, um dort zu sterben, Frauen werden gezwungen, allein in ihrer Zelle zu gebären. Sexuelle Übergriffe durch das Wachpersonal sind hier an der Tagesordnung. Es ist die Vorhölle, ich versuche täglich, das Lachen nicht zu verlernen, damit ich Kraft habe, Liebe zu geben, solange ich noch lebe. Es ist Eure Liebe, die mich am Leben hält, die mir aus jeder Seite Eurer Briefe entgegen springt. Gott hilft mir jeden Tag.“ Sie erzählt oft von der glücklichsten Zeit ihres Lebens, als sie einige Jahre in Alaska lebte, als naturblonde junge Frau, von der Schönheit der rauen Landschaft und den für sie so fremden Lebensumständen, den besonderen Festen der Ureinwohner. „Nein, Besuch erhalte ich nur von meinem Anwalt. Meine Familie will nichts mehr von mir wissen.“ Im Jahr 2020 wurden in den USA 17 Menschen hingerichtet, 18 zum Tode verurteilt. Etwa 2.600 Gefangene sitzen in den US-Todeszeilen ein.

Robert

Robert schickt uns eine Karte mit der Aufschrift „Serenity“ (Gelassenheit) „Ich habe eine schlechte Nachricht für Euch, ich soll hingerichtet werden. Der Exekutionstermin ist der 21. Juni um 18:00 h, bitte betet für mich. Schreibt bitte ein Gnadengesuch an den Gouverneur. Ich bin unschuldig!“ Es begann ein Wettlauf gegen die Zeit, wir schrieben viele einflussreiche Menschen aus Politik und Wirtschaft und den Heiligen Vater an, mit der Bitte um Hilfe für unseren Freund, der nunmehr nach 20Jahren Haft hingerichtet werden sollte. „Wie gern würde ich bei Euch sein, Euch in vielen Dingen des täglicher Lebens helfen! Ich bin noch nie aus Texas herausgekommen.“ Täglich beteten wir in der Kirche für Robert und zündeten Kerzen an. Nach etlichen Tagen geschah das Wunder. Die Hinrichtung wurde aufgehoben, ein neuer Prozess anberaumt, weil große Zweifel an Roberts Schuld aufkamen. Laut einer Studie c!er Universität Michigan sind über 4 % der zum Tode verurteilten Menschen unschuldig.

Carolyn

Carolyn sitzt seit 30Jahren in der Todeszelle ein, sie ist eine Indianerin vom Stamm der Lakota-Sioux. Der berühmte Häuptling „Crazy Horse“ war ein Vorfahre von ihr. „Ich muss nicht lange nach einem Wunder suchen, jemanden zu haben wie Euch, der sich um einen kümmert, ist ein Wunder. Die Gefangenen trommeln und schlagen gegen mein Türfenster und rufen: Leg Dich nieder, Du bist schon tot. Rieche an Deiner Tür, der Geruch kommt aus der Gaskammer, die wartet auf Dich. Die Todesspritze ruft Deinen Namen. Wenn ich endlich eingeschlafen bin, treten sie vom Personal gegen meine Tür und machen mich wach. Einige Gefangene tauschen Sex gegen einfache Dinge, die sie zum täglichen Leben gebrauchen. Ihr fragt, was ich fühle als ich mein Todesurteil bekam, nun, ich fühlte nichts, weil es mir so unwirklich vorkam, denn ich hatte keinem anderen Menschen sein Leben genommen.“ Sie berichtet vom Leben im Reservat, vom sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit, der von ihrer Mutter gedeckt wurde. Carolyn wurde zu lebenslänglich „begnadigt“. Etwa 68% der Todesurteile in den USA werden durch höhere Instanzen aufgehoben in eine Umwandlung zu !lebenslänglicher Haft, was bedeutet, in Haft zu sein bis zum Tod.

Lisa

Lisa klagt: „Der schlimmste Teil meines Lebens findet hier in der Todeszelle statt, und ich bin nicht in der Lage, irgendetwas anderes wählen zu können, dieses hier ist der einsamste Ort, an dem ich je gewesen bin. Ich vermisse die Berge und den Schnee. Mein letztes  Wiederaufnahmeverfahren läuft, mein Leben kann ich leider nicht mehr rückgängig machen. Ich liebe Euch Beide wie verrückt, und meine Mom liebt Euch auch. Ich fühle mich so allein gelassen, doch Gott ist bei mir.“ Sie befindet sich seit 2006 in der Todeszelle und schickt uns Zeitungsausschnitte aus ihrer Heimat Oregon. Ab und an senden wir ihrer Mutter, die in Washington lebt, eine Karte und sagen ihr, welch wundervolle Tochter sie hat. Durch den frühen Tod innig gelebten Vaters wurde das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter schwer belastet, der Teufel hatte leichtes Spiel, Lisa mit dem weißen Stoff, aus dem vermeintlich die Träume sind, verführen. Gouverneur von Mississippi ist der Republikaner Tate Reeves, ein strammer Gefolgsmann Trump´s. Lisas Aussichten auf ein Gnadengesuch sind entsprechend gering, sollte dieser Wiederaufnahmeantrag abgelehnt werden.

US-amerikanisches Volk steht oft dahinter

Donald Trump unterzeichnete in den letzten sechs Monaten seiner Amtszeit als Präsident der USA dreizehn Todesurteile. Allein die leitende Staatsanwältin von Philadelphia Lynne Abraham verhängte von 1991 bis 2010 insgesamt 108 Todesurteile. Die durchschnittliche Wartezeit bis zur Hinrichtung beträgt etwa 20 Jahre. Mittlerweile wird in 23 Staaten der USA die Todesstrafe nicht mehr vollzogen, 3 weitere Staaten haben Moratorien verabschiedet, die Todesstrafe nicht mehr anzuwenden. Der neue Präsident Joe Biden setzte alle Todesurteile in den  Bundesgefängnissen aus. Trotzdem wird in einigen Staaten, speziell in den Südstaaten, darüber nachgedacht, die Giftspritze durch andere Tötungsformen zu ersetzen, da sich immer mehr Hersteller weltweit weigern, dieses Mordserum zu produzieren.

Unglaublich, aber wahr, der Gouverneur von Arizona, Doug Ducey, Republikaner, beschloss, Unterlagen über das von den Nazis in Auschwitz II zur Ermordung der Juden verwendete Gas Zyklon 8 anzukaufen. Es wurden 2.000 $ dafür bereitgestellt. Ebenfalls in diesem Jahr entschieden Mississippi, Oklahoma und Utah sich dafür,  Erschießungskommandos zur Hinrichtung von Gefangenen aufzustellen. Seit nunmehr 10 Jahren schreibe wir uns mit Strafgefangenen auf der ganzen Welt, es ist unsere Lebensaufgabe geworden. Alle unsere Freunde in den Todeszellen sind in ihrem Glauben zu Gott gekommen, berichten von ihren Lieblingsstellen in der Bibel und vom nagenden Schmerz in ihrer Seele.

Tag gegen die Todesstrafe

Im Jahre 2020 gab es mehr als 2.400 Verurteilungen zum Tod weltweit, davon die meisten in China. Hingerichtet wurden mindestens 1.475, aufgrund der Dunkelziffer in China wahrscheinlich mehr als 4.500. Mehr als 26.600 zum Tode verurteilte Menschen warten weltweit auf ihre Hinrichtung. Mittlerweile haben 107 Staaten die Todesstrafe vollständig abgeschafft. Das Ministerkomitee des Europarates hat im Jahr 2007 beschlossen, einen „Europäischen Tag gegen die Todesstrafe“ einzuführen, der jedes Jahr am 10. Oktober begangen wird. Der Europarat spielt eine Vorreiterrolle bei der Abschaffung der Todesstrafe und hat erreicht, dass es in Europa seit 1997 keine Todesstrafe mehr gibt. Alle schuldigen Gefangenen in den Todeszellen haben sehr schlimme, zum Teil grauenvolle Taten begangen, für die sie zur Rechenschaft gezogen werden müssen, um aufrichtige Reue empfinden und ihr Leben ändern zu können. Doch auch sie haben es im Sinne des christlichen Glaubens verdient, als das angesehen zu werden, was sie trotzdem noch immer sind, nämlich als Menschen.

Monika und Henry Toedt

 

 

 

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