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Undercover Dschihadistin. Interkulturelles Theater

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Die westeuropäische Gesellschaft ist immer öfter mit einer wachsenden Zahl junger Menschen konfrontiert, die eine Offenheit für Radikalisierungen unterschiedlicher Art entwickeln. Laut der Islamismus-Expertin Claudia Dantschke, Leiterin der Beratungsstelle Hayat, lässt sich dabei kein besonderes Muster feststellen: „Es gibt keine Art von Herkunft, sozialer, religiöser oder ethnischer, die besonders anfällig ist, sondern es sind eher Arten von Familienstrukturen, die anfällig sind. Also, kaputte Familien, fehlende Vaterfigur, Familien, wo es kriselt, wo Jugendliche das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, wo autoritäre Erziehungsstile sehr stark sind. Im Grunde kann es jeden treffen.

Interkulturelles Stück – Nach Anna Erelle, in einer Bearbeitung für das Theater von Christian Scholze. Fotos: Landestheater NRW.

Das Stück “Undercover Dschiadistin” wird von vier SchauspielerInnen des Landestheaters Nordrhein-Westfalen in Anlehnung an das gleichnamige Buch von Anna Erelle gespielt. Inhaltlich geht es um die Frage, wie radikale Islamisten junge Menschen rekrutieren. Die französische Journalistin Anna Erelle recherchierte zu dieser Frage und hatte sich zum Schein auf die Manipulation eingelassen, ohne zu ahnen, in welcher Gefahr sie sich befand. In Amsterdam macht sie einen entscheidenden Fehler. Weil das Guthaben ihrer Prepaid-Karte aufgebraucht ist, lässt sie für ein paar Sekunden die Maske fallen und benutzt ihr privates Handy… Sie fliegt auf. Seitdem muss die Journalistin Anna Erelle unter diesem falschen Namen mit neuer Identität und unter Polizeischutz leben. Ihre Erlebnisse, mit welcher Aggressivität Druck auf die Opfer ausgeübt wird, wie die Verführung durchgeführt wird, welche Rolle soziale Medien spielen, beschreibt sie eindrücklich.

“Hör mir zu! Ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor jemanden geliebt habe. Es ist mir unerträglich, dass du auch nur noch einen Tag fern von mir inmitten all dieser Sünde lebst. Ich will dich beschützen. Ich will alle Dämonen dieser Welt von dir fernhalten. Wenn du zu mir kommst, wirst du sofort von unserem Paradies begeistert sein. Wir sind eine einzige große Familie, in der du schon jetzt deinen Platz hast – alle erwarten dich!”

Die Protagonistion Mélodie starrt ungläubig auf den Bildschirm. Noch nie hat jemand so mit ihr gesprochen. Seit kurzem skypt sie mit einem der gefährlichsten Männer der Welt. Doch er hat sie ausgewählt und ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt: Abu Bilel, ein ranghoher Offizier des sogenannten „Islamischen Staates“. Er gibt ihr einen Wert, präsentiert ihr Möglichkeiten und Perspektiven, die sie bisher nicht kannte. Je intensiver der Kontakt wird, umso stärker isoliert sie sich von ihrer familiären und sozialen Umgebung. Schließlich reist sie nach Amsterdam, um von dort zu ihm zu fliegen. Abu Bilel ahnt nicht, dass er in eine Falle getappt ist. Mélodie ist kein Mädchen, das zum Islam konvertiert ist.

Das Stück wurde in der JVA Iserlohn für inhaftierte Mädchen und junge Frauen aufgeführt. Andreas Altehenger | JVA Iserlohn

 

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