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Blick auf den Grund: Die „ruach“ funkt dazwischen

1. Juli 2023

Mehr als eine halbe Million Menschen haben im vergangenen Jahr die Katholische Kirche verlassen. Hochgerechnet und angenommen, der Heilige Geist funkt nicht dazwischen, gibt es die Kirche noch 20 Jahre, dann sind alle weg. Einerseits könnte das tatsächlich so werden, der Vertrauensverlust ist massiv und die Bereitschaft zu echten Reformen auf der Führungsebene scheint gering.

Andererseits bleibt das Risiko Heiliger Geist: diese sehr kreative und schöpferische Kraft Gottes ist nicht zu unterschätzen, sie kann jede Hochrechnung spielend ad absurdem führen. Die Wirklichkeit des kirchlichen Missbrauchs und eine vielfache Verweigerung der notwendigen Reformen, sowie eine zunehmende Individualisierung und Säkularisierung in der Gesellschaft führen zu diesem enormen Auszug aus der Kirche, den die Süddeutsche Zeitung mit dem biblischen Wort Exodus bezeichnet. So gesehen geht es bei den Kirchenaustritten um Menschen, die, von Gott gerufen, aus einer erfahrenen Knechtschaft losziehen, um auf dem Weg durch die Wüste in das Land zu kommen, das ihnen verheißen ist.

Widersprüchlichkeit aushalten

Es lohnt sich, besonders auch innerkirchlich, diese Perspektive einmal einzunehmen. Die traditionelle Abwertung derjenigen, die aus der Kirche austreten, als Sünder führt in die Sackgasse des Abkanzelns des anderen und sich selbst Erhebens als den, der wenigstens noch treu ist und dabeibleibt. Viele, die gehen, tun dies genau deshalb, weil sie in ihrem Glauben treu sind und ihre Berufung leben, denn, wie schon Paulus schrieb: zur Freiheit hat uns Gott berufen. Die Herausforderung beim Hineingehen in diese Perspektive ist, dass sie einem selbst spürbar nahekommt, oder, zu entdecken, dass sie in einem selbst bereits da ist und nur noch nicht vorkommen konnte. Müsste ich mich nicht ehrlicherweise auch auf diesen Weg machen? In mir finde ich viele Beweggründe sowohl für das Bleiben wie das Gehen, manche widersprechen einander, manche sind im Moment stärker, andere weniger, das wechselt. Mit diesen sich verändernden Motiven in Licht und Dunkel lebe ich, die Widersprüchlichkeit durchtragend, auch wenn sie manchmal nicht so leicht zu tragen ist.

„Zugrunde richten“ – Blick auf den Grund

Eine Wegweisung kommt dazu aus dem Evangelium: auch da ist die Rede vom Aufbrechen aus bisher festgefügten und Sicherheit versprechenden Strukturen in dem sich ganz und gar Einlassen in Jesu Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe, gelebt in Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit. Seit den Urzeiten, in denen Menschen sesshaft wurden, ist ihnen die Familie heilig als Hort der Sicherheit, Geborgenheit und der Nachkommenschaft zur Wahrung der Tradition. Jesus, der aus einer Familie kam, die gesellschaftlich und religiös als ziemlich divers galt, also den Normen nicht entsprechend, ruft auf den Weg des Exodus aus allem Abgesicherten und Gewohnten, denn nur so kann Gottes unfassbare Wirklichkeit empfangen werden. Wörtlich übersetzt heißt es da: „Wer aber das Leben um meinetwillen zugrunde richtet, wird es finden“. Die deutsche Redewendung „zugrunde richten“ ist mehrdeutig, da wird etwas dem Untergang geweiht – und zugleich öffnet sich der Blick auf den Grund. Das geschieht, wenn sich die Lebenssituation aus irgendeinem Grund stark ändert: dann muss manches weggelassen werden, und es braucht eine neue Entscheidung, was jetzt wirklich wichtig ist.

Aufbruch ist Abbruch

Mit dieser Perspektive ist es auch möglich, die Situation der Kirche anzusehen: ihr Aufbruch ist zugleich ein Abbruch. Mit dem synodalen Weg haben wir uns auf einen Lernweg begeben, wie es dort heißt, aus einer belehrenden soll eine miteinander teilende Kirche werden. Darin will ich auch mitteilend auf dem Weg sein, denn kostbar sind mir so viele Begegnungen in Gastfreundschaft, die mich von Mal zu Mal mehr erkennen lassen, wie sehr jene schöpferische Kraft Gottes, die „ruach“, dann doch immer wieder dazwischen funkt…

Christoph Kunz

 

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