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1938 gab es im Herforder Zuchthaus jüdische Seelsorge

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Erich Lewin (mitte) mit einigen Schülern. Foto: Herforder Kommunalarchiv, Gedenkstätte Zellentrakt aus Privatbesitz Thekla Schiff.

Erich Lewin war Prediger und Kantor der Herforder Gemeinde. Nebenbei arbeitete er aber immer wieder als Volkslehrer für Hebräisch und kümmerte sich um die Betreuung von jüdischen Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt. Damals war das preußische Zellengefängnis von 1883/84 wieder zum Zuchthaus Herford umbenannt worden.

Das Herforder Zuchthaus in den 30 er Jahren.

Tagelang waren sie ohne Wasser und in eisiger Kälte eingeschlossen. Mehr als 1.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder saßen in dem ersten Westfalenzug, der am 13. Dezember 1941 den Bielefelder Hauptbahnhof verließ. Ziel: ein Ghetto in der lettischen Hauptstadt Riga. Unter ihnen waren 31 jüdische Herforder – die meisten wurden dort von den Nationalsozialisten erschossen. Bereits vier Tage zuvor mussten sie sich auf dem Herforder Rathausplatz einfinden. Von dort wurden sie zur Sammelstelle nach Bielefeld, zur Gaststätte „Kyffhäuser“, gebracht. Die Nationalsozialisten schrieben genau vor, was mitgenommen werden durfte und was nicht. Erlaubt waren: ein Koffer, Bettzeug mit Decken, Essgeschirr mit Löffel und Verpflegung für drei Tage. Wertpapiere, Urkunden, Uhren – all das war ausdrücklich verboten. Ebenso durften die jüdischen Männer, Frauen und Kinder weder Messer, Gabel noch Rasierklingen bei sich tragen. Die Fahrtkosten mussten sie selbst aufbringen – auch, wenn es eine Fahrt wider Willen war.

Jüdischer Gefängnisseelsorger

Unter ihnen war Erich Lewin, Prediger und Kantor der Herforder jüdischen Gemeinde. Nebenbei arbeitete er als Volkslehrer für Hebräisch und kümmerte sich um die Betreuung von Gefangenen im Zuchthaus Herford. Die seelsorgerliche Betreuung der dortigen jüdischen Gefangenen erfolgte vermutlich von 1935 bis 1938. Also noch lange nach der Machergreifung der Nationalsozialisten 1933. Zusammen mit seiner Frau Ella Marianne versuchte er in die USA ausreisen, was allerdings misslang. Im Dezember 1941 wurden beide mit dem „Westfalenzug“ nach Riga deportiert. Ella Marianne wurde im Mai 1943 dort erschossen. Erich Lewin starb zwei Jahre später, ebenfalls durch einen Schuss. Ob im Konzentrationslager Stutthof in Danzig oder im Elsass ist bis heute nicht bekannt.

Deportationen waren öffentlich

Die Gedenkstätte „Herforder Zellentrakt“, dem ehemaligen Polizeigefängnis unter dem jetzigen Rathaus, geht auf die Deportationen jüdischer Frauen, Männer und Kinder aus Herford nach Riga ein. Bis 1964 war mitten in der Stadt die Herforder Schutz- und Kriminalpolizei tätig. In der NS-Zeit (1933-45) war hier die Außenstelle der GESTAPO (GEheime STAatsPOlizei) untergebracht. Während vor 1933 und nach 1945 die Polizeiwache ihre normalen Aufgaben wahrnahm, war sie ein Ort der gewaltsamen Verfolgung der politischen, religiösen und sozialen Minderheiten. Christoph Laue, Leiter des Kommunalarchivs, erklärt: „Der 13. Dezember 1941 ist ein wesentliches Datum der Stadtgeschichte – aber gleichzeitig auch ein schreckliches.“ Man stößt auf große Betroffenheit. „Den Menschen wird bewusst, dass solche Deportationen nicht nur die großen Städte wie Berlin traf, sondern auch hier bei uns in Herford stattgefunden haben“, so Herr Laue. Deportationen fanden öffentlich statt. Man konnte sie beobachten. Das nationalsozialistische Unrecht spielte sich oft direkt vor den Augen der Bevölkerung ab.

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