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“Zeit Verbrechen”: Gott ist in jedem Haus – auch im Knast

Aufruf für ein Buchprojekt der Gefängnisseelsorge
17. November 2021

Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken, sagte Jesus. Und meinte damit: Gerade Kriminelle brauchen besondere Zuwendung durch die Religion. Das Büro des Gefängnisseelsorgers von Stefan Thünemann in der Justizvollzugsanstalt Herford liegt gleich hinter dem Altarraum der Kirche, Baujahr 1883. Thünemann ist evangelischer Pfarrer. Sonntags hält er, im Wechsel mit seinen katholischen Kollegen, Michael King, den Gottesdienst. Unter der Woche bietet er für die Gefangenen Einzelgespräche an.

Bilderstrecke von Knastkirchen, S. 58-67

Es geht da um elementare Themen: Liebeskummer, Stress mit der Familie, Zukunftsangst – eher selten geht es um die begangenen Taten. Ob und an welchen Gott die Häftlinge glauben, ist Thünemann nicht wichtig. “Wir wollen die jungen Männer nicht missionieren oder auf den rechten Weg bringen. Wir lassen sie erst einmal so, wie sie sind und hören ihnen zu”, sagt er. Die weiß getünchte Kirche mit den Fensterrosen nennt er eine “Oase“. Sie ist der pure Kontrast zu den engen Hafträumen. Es gehört zu den ursprünglichen Aufgaben der christlichen Seelsorge, auch all jenen beizustehen, die schwere Schuld auf sich geladen haben, für sie da zu sein, wenn Freunde und Familie sie verlassen. In der Bibel heißt es: “Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen” (Hebräer 13,3).

Und nach Artikel 4 des Grundgesetzes hat jeder Mensch das Recht, ungestört seine Religion auszuüben – das gilt auch für Verbrecher. Daher gibt es in jeder der 180 deutschen Haftanstal ten mindestens einen Ort für Gebete. Meistens teilen sich den alle Religionen. Je nach Bedarf werden dort Gebetsteppiche ausgerollt, Kreuze aufgehängt und Kerzen aufgestellt. Die älteren Gefängnisse haben noch eine eigene Kapelle, baulich getrennt von den Hafträumen. So sah es die preußische Baugesetzgebung im 19. Jahrhundert vor. In den neueren verschwimmt dagegen die Grenze zwischen dem Sakralen und dem Weltlichen: Gottesdienste finden in schnörkellosen Mehrzweckräumen statt, in denen auch Sport getrieben oder gearbeitet wird. Im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg hält man die Andacht sogar auf dem Flur ab, der extra dafür hergerichtet wird.

In der alten Kirche in Herford wird derzeit mehr gebüffelt als gebetet, sagt Pfarrer Stefan Thünemann: Gabelstapler-Führerschein, Theoriekurs. Da schadet ein wenig Hilfe von oben sicher nicht. Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken, sagte Jesus. Und meinte damit: Gerade Kriminelle brauchen besondere Zuwendung durch die Religion. Ausgabe bestellen…

Text: Lisa Brockmeyer | Fotos: Daniel Stier

 

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