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Bilder der NS-Deportationen suchen und dokumentieren

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Auf dem Parkplatz vor dem Rathaus im westfälischen Herford: Autos auf weiter Fläche und ein LKW der 50 Jahre sind dort am Montagmorgen zu sehen. Direkt neben der Markhalle steht der historische Lastwagen mit großen Scheinwerfern. In Neonschrift ist auf der Ladefläche zu lesen: # LastSeen. Das macht neugierig den blauen „Laster“ näher anzusehen.

Den historische LKW bringt die Initative #LastSeen in zahlreiche Orte und Städte. Sie sorgt für Aufmerksamkeit und wirbt für Unterstützung. Die Wanderausstellung auf der Ladefläche des LKWs gibt Tipps für die Recherchen und erklärt, was Bilder der gewaltigen Deportationen heute erzählen können und wie diese Ereignisse nicht vergessen werden. Der LKW stammt aus den 1950er Jahren, er ist nicht bei Deportationen im Einsatz gewesen. Die Deportationen begannen an den letzten Wohnsitzen der Menschen. Oftmals wurden ähnliche LKWs für den Transport in Sammellager und zu Bahnhöfen genutzt. Daran soll der LKW erinnern: Die Vernichtung im Osten begann mitten in Deutschland, als Menschen mit ihrem letzten Gepäck auf einem LKW weggefahren wurden.

Auch ZuschauerInnen zu sehen

Wer waren die Menschen, die zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich in Ghettos oder Lager verschleppt wurden? Die Initiative #LastSeen sucht nach Bildern der NS-Deportationen und Informationen dazu. Die meisten der Männer, Frauen und Kinder sind auf den Bildern ein letztes Mal zu sehen – bevor die Nationalsozialisten sie in die Vernichtungslager brachten und ermordeten. Bisher sind rund 550 Fotos von NS-Deportationen aus etwa 50 Orten bekannt. Überwiegend dokumentieren sie die Verschleppung der Menschen, die vom NS-Regime als Juden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und entrechtet worden waren. Einige wenige Bilder sind von den Deportationen der Sinti und Roma erhalten. Es ist wahrscheinlich, dass es mehr Fotos gibt. Denn die Deportationen fanden in vielen Städten und Gemeinden statt – in der Öffentlichkeit.  Auf vielen Bildern sind neben den Verfolgten und den TäterInnen auch ZuschauerInnen zu sehen, Männer, Frauen und auch immer wieder Kinder und Jugendliche.

Neben der Suche nach Bildern, geht es bei #LastSeen auch um ein neues Verständnis der Fotos. Viele Fragen, die sie aufwerfen, sind bislang nicht beantwortet: Wer ist abgebildet? Wer hat fotografiert? Wann und wo entstanden die Aufnahmen? Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, erklärt, warum die Mithilfe von Interessierten vor Ort für die Initiative so wichtig ist: „Je mehr Menschen den Historikerinnen und Historikern bei der Suche nach Bildern und Informationen helfen, desto umfangreicher und interessanter werden die Ergebnisse.

Von München durch Deutschland

Um auf die Initiative aufmerksam zu machen, tourt #LastSeen durch Deutschland. Ende Januar 2022 wurde die Ausstellung in München von Oberbürgermeister Dieter Reiter zusammen mit Dr. h. c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, eröffnet. Die Ausstellung soll auch einen Brückenschlag in die heutige Zeit herstellen, betont Floriane Azoulay: „Die gezeigten Fotos wirken unmittelbar und laden dazu ein, darüber nachzudenken: Wie hätte ich mich damals verhalten? Was mache ich heute, wenn ich Unrecht begegne? Solche Zugänge sind gerade für junge Menschen wichtig, weil die Begegnung mit Zeitzeugen immer seltener möglich ist.“

Deportationen waren öffentlich

Erste Ergebnisse von #LastSeen werden veröffentlicht und stehen damit sowohl der Forschung als auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Zudem wird aktuell ein interaktives, partizipatives Tool entwickelt, um Bildmaterial zu Deportationen zu lesen und verstehen zu lernen. Ziel der Initiative ist es, die Erinnerung ins Heute zu transportieren. Dr. Alina Bothe, Projektleiterin #LastSeen: „Die Deportationen waren ein öffentlich inszenierter Akt der Entwürdigung. Wir möchten dazu beitragen, den Menschen ihre Namen und Geschichten wiederzugeben – und damit auch ihre Würde.“ Das nationalsozialistische Unrecht spielte sich oft direkt vor den Augen der Bevölkerung ab. Dabei entstanden Bilder, die hohen dokumentarischen Wert haben. Sie können eine wichtige Rolle für Forschung und Bildung spielen.

Handlungsspielraum heute?

Bei einer Konferenz der Arolsen Archives entstand die Idee zu #LastSeen bei Forschenden aus verschiedenen Institutionen. Auf Wunsch der Beteiligten und aufgrund seiner digitalen Kompetenz ergriff das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus die Initiative für die Umsetzung. „Wer die Bilder anschaut, erkennt sofort, wie das NS-Regime vor aller Augen Verbrechen beging. Das führt uns zu einer drängenden Frage: Was ist der eigene Handlungsspielraum, wenn heute vor unseren Augen Unrecht geschieht?“, fragt Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives.

 

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