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Du brauchst jemand, der zu Dir hält

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Du brauchst jemand, der zu dir hält und dir was zutraut. Das ist das Fazit, das aus den Gesprächen mit einem ehemaligen Häftling hervorgeht. Ein Interview mit einem Entlassenen, der insgesamt ca. 13 Jahre in Haft saß und schwer drogenabhängig war. Thomas G. wird durch den Gefängnisverein in Düsseldorf begleitet.

Wollen Sie uns etwas über Ihr Leben erzählen?

Ich werde bald 50 Jahre alt und bin im nordrhein-westfälischen Heinsberg in einer bürgerlichen Familie groß geworden. Mit 14 starb meine Mutter, mein Vater trank. Da bin ich ins Heim gekommen, weil meine z.T. erheblich älteren Geschwister alle keinen Platz hatten. Dort bin ich immer wieder abgehauen und hab mich in der Drogenszene aufgehalten.

Haben Sie in der Zeit regelmässig Drogen konsumiert?

Nein, aber Alkohol. Wenn ich eingefangen wurde und wieder im Heim war, habe ich nicht getrunken. Aber Ich bin dann schnell wieder abgehauen, z.B. nach Holland, Berlin, Hamburg…

Und wie ging das mit der Schule?

Nach dem 8. Schuljahr bin ich mit 16 ohne Abschluss raus und hab angefangen zu arbeiten, natürlich „unter der Hand“. Zuerst in der Gastronomie, dann eine Zeit lang in Holland in der privaten Altenpflege. Mit 18 bin ich zurück nach Deutschland und hatte dann als Selbständiger drei Gaststätten in Köln und Gladbach. Automatenaufsteller und die Brauerei haben mir dafür Kredite gegeben. Vielleicht habe ich damals zu viel getrunken, aber sonst lief es drei Jahre gut.

Was passierte dann?

Irgendwann verlor ich durch den Alkoholkonsum die Übersicht und die Finanzen liefen aus dem Ruder. Für einen Bekannten sollte ich Falschgeld an den Mann bringen. Bald stand die Kripo vor der Tür. Dann gab es auch noch ein Steuerverfahren und ich landete zum ersten Mal im Knast wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zu Geldfälschung.

Wie ging es dann weiter?

Das waren insgesamt 48 Monate, die ich zuerst im halboffenen, dann wegen Urlaubsüberziehung im geschlossener Vollzug abmachte. Ich musste Endstrafe machen und habe danach angefangen im Baugewerbe zu arbeiten. Dies ging so drei bis vier Jahre. Dann bin ich mit einer Frau zusammengekommen, die auf Kokain war – und ich bald auch. Koks und später auch Heroin sind teuer; das waren für mich alleine nachher zwischen 150 und 350 Euro jeden Tag. Durch die Beschaffungskriminalität bin ich erst erneut und danach immer wieder zu Haftstrafen verurteilt worden.

Wie oft haben Sie gesessen?

Dann noch sechs oder sieben Mal, immer raus und wieder rein. Insgesamt habe ich 13 Jahre in Haft verbracht. Ich habe nie einen Sinn in Therapie gesehen. Für mich ist das eine Kopfsache. Wenn es nicht „Klick“ macht, nutzt die beste Therapie nichts.

Haben Sie auch im Gefängnis harte Drogen konsumiert?

Nur sporadisch, wenn ich‘s bezahlen konnte. Im Knast kam ich eher ohne Drogen klar als draußen. Wenn ich raus kam, bin ich immer gleich wieder zum Hauptbahnhof…

Was waren die Gründe der Veränderung?

Ich hatte seit den 90’ er Jahren den Katholischen Gefängnisverein auf dem Schirm, unter anderem, weil ich im Kirchenchor gesungen habe. Aber über mehrere Inhaftierungen habe ich mir daraus nichts gemacht. Bei meiner letzten Inhaftierung habe ich mal einen Antrag geschrieben. Das war‘s dann. Es war eigentlich meine Rettung. Sonst wäre ich vielleicht schon drauf gegangen. Jedenfalls haben mir die Gespräche geholfen. Und nach meiner Inhaftierung bin ich dann sicherheitshalber ins Methadonprogramm gegangen, um dem Suchtdruck nicht so ausgeliefert zu sein. Außerdem habe ich nach der Haft das Angebot zu regelmäßigen Gesprächen mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin und auch dem anderen Personal in der Beratungsstelle der Gefangenenfürsorge angenommen. Das war ganz entscheidend, zumal dann auch noch gesundheitliche Probleme dazu kamen.

Wie sahen die aus?

Ich hatte eine ganze Reihe von OP’s mit arteriellen Venenerkrankungen, die der Arzt in der JVA als „Eisenmangel“ falsch diagnostiziert hat. Daher sitze ich inzwischen im Rollstuhl und bin als Schwerbehinderter arbeitsunfähig. Bei all den Problemen war für mich die entscheidende Hilfe, dass ich immer eine Anlaufstelle hatte. Ich bin schon stolz auf mich, aber ohne diesen festen Kontakt hätte ich es nicht geschafft.

Was war für Sie daran wichtig?

Ich hatte all meine früheren Kreise und Bekannten hinter mir gelassen. Um aus diesem Kreislauf von Sucht, Beschaffungskriminalität und Inhaftierung auszubrechen, brauchst Du jemand, der zu dir hält und dir was zutraut. Meine rollstuhlgerechte Wohnung habe ich z.B. selbst gefunden – aber all diese Kämpfe mit Ämtern und Kassen hätte ich ohne die Rückenstärkung des Vereins nicht geschafft, sondern wäre mit Sicherheit rückfällig geworden.

Ulmer Echo

 

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