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Begegnen Menschen mit Empathie und Klarheit

2. Februar 2022
Niemand darf diskriminiert oder kriminalisiert werden
25. Januar 2022
Dynamik der totalen Verfeindung muss vermieden werden
9. März 2022

In einer bisher beispiellos offensiven Kampagne haben Menschen der Katholischen Kirche den Schritt unternommen, sich öffentlich zu ihrem „Queersein“ zu bekennen. In der Kampagne und in der Dokumentation #OutInChurch zeigen Menschen Ihre Geschichte und ihre Identität. Wir spüren tiefe Verbundenheit mit allen Beteiligten. Anerkennung verdient der Mut, durch diese Offenheit die berufliche Existenz zu gefährden und sich verwundbar zu machen.

Die ARD Reportage „Wie Gott uns schuf“: Sie sind Priester, Ordensbrüder, Pastoral- und GemeindereferentInnen, Bistums-Mitarbeitende, ReligionslehrerInnen, Kindergärtnerinnen, SozialarbeiterInnen und vieles mehr. Hundert Gläubige outen sich und berichten von ihren Erfahrungen als queere Menschen in der katholischen Kirche. Eine Investigativ-Recherche im Auftrag von rbb, SWR und NDR.

Als in der Gefängnisseelsorge Tätige arbeiten wir in den staatlichen Einrichtungen des Justizvollzuges der Länder. Hier begegnen wir Gefangenen wie Bediensteten mit Empathie und Klarheit. Gefängnisseelsorge und damit „Kirche“ genießt im Vollzug großes Vertrauen. Authentisch zu sein und als Person hinter Mauern zu arbeiten heißt, sich seiner eigenen Möglichkeiten und Grenzen bewusst zu sein. Unter den MitarbeiterInnen der Gefängnisseelsorge aller Berufsgruppen spiegelt sich die beschriebene Vielfalt wieder.

Die Katholische Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V. erklärt sich mit nicht heterosexuellen KollegInnen unserer Kirche, die ihr Queersein bisher geheim hielten, solidarisch. Mit dem Statement von Bischof Dr. Helmut Dieser des Bistums Aachen gesprochen wollen wir, dass „ein Klima der Angstfreiheit in unserer Kirche herrscht und entsteht. Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung oder seiner geschlechtlichen Identität diskriminiert, abgewertet oder kriminalisiert werden.“ Wir erwarten und hoffen, dass nicht nur die 125 VertreterInnen der Initiative, sondern alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Identitäten innerhalb des Kirchensystems ein selbstverständlicher Teil des Ganzen sind.

Mit unserem seelsorgerlichen Auftrag in den Justizvollzugsanstalten wird „Kirche“ in besonderer Weise repräsentiert. Die Tätigkeit in der Gefängnisseelsorge durch die verschiedenen pastoralen Berufsgruppen unterscheidet sich kaum. Für alle pastoral Tätigen im Gefängnis ist das Betätigungsfeld eine besondere Herausforderung. Vor Ort arbeiten wir gemeinsam und achten die Persönlichkeit und Lebensweise untereinander. Ein zu veränderndes kirchliches Arbeitsrecht sollte die Diversität entsprechend formulieren.

Vorstand und Beirat

 

12 Kommentare

  1. Kunz sagt:

    Der Moskauer Patriarch Kyrill steht klar auf der Seite Putins. In einer Predigt nennt er als einen Grund für den Krieg in der Ukraine den offenen Umgang mit Homosexualität. Deniz Yücel schreibt in der WELT zu Putin: „Ihn treibt etwas an, das auch Erdogan, China und islam-faschistische Regimes hassen. Weil es ein Wesenselement von Demokratie und Zivilisation ist.“ Es sind die Vielfalt und die Freiheit, diese zu leben, was diese religiösen und politischen Herrscher verachten und bekämpfen. Nicht nur mit der AfD haben auch wir solchen Hass in unserer Gesellschaft…

  2. #OutInChurch sagt:

    Anlässlich der Frühjahrsvollversammlung der katholischen deutschen Bischöfe im Wallfahrtsort Vierzehnheiligen/Bad Staffelstein übergeben am Mittwoch, 9. März 2022 sieben VertreterInnen der Initiative #OutInChurch ihr Manifest und die mehr als 110.000 Unterschriften der Petition an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

    In dem anschließenden Gespräch, an dem weitere Bischöfe teilnehmen, wird es um die Forderungen der Initiative #OutInChurch gehen. Es gab viel öffentlichkeitswirksame Berichterstattung und erste ermutigende Signale aus der römisch-katholischen Kirche heraus. „Inzwischen gibt es eine Reihe von Selbstverpflichtungserklärungen, unter anderem aus dem Bistum Würzburg und vor allem aus den nordwestdeutschen Diözesen, mit Ausnahme der Kölner Erzdiözese“ sagt Jens Ehebrecht-Zumsande, Mitinitiator der Initiative.

    In diesen Erklärungen verpflichten sich die Bischöfe, die Grundordnung im Hinblick auf die Loyalitätspflichten kirchlicher MitarbeiterInnen zur persönlichen Lebensführung nicht länger anzuwenden: Weder eine öffentlich gemachte homosexuelle Orientierung noch eine eingetragene Partnerschaft oder zivilrechtlich geschlossene Ehe zwischen Menschen gleichen Geschlechts soll eine Kündigung nach sich ziehen. Elf Generalvikare haben parallel dazu in einem offenen Brief an Bischof Bätzing für eine rasche bundesweite Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts plädiert. Der Druck auf die Bischöfe zu einer Reform wächst kontinuierlich.

    #OutInChurch sieht in den Erklärungen der Bistumsleitungen erste ermutigende Signale, um zumindest einer der Forderung des Manifests Geltung zu verschaffen. Sie sind jedoch nicht ausreichend oder nachhaltig. „Wir erwarten von der Deutschen Bischofskonferenz die überfälligen rechtsverbindlichen Zusagen und eine Änderung der Grundordnung“, fordert Ehebrecht-Zumsande aus Hamburg weiter. In der Pflicht sieht die Initiative vor allem die Bistümer, die sich bislang noch nicht geäußert haben. Alle sieben Kernforderungen des Manifests müssen ohne Abstriche verwirklicht werden. Dazu braucht es einen verbindlichen Fahrplan. Zudem darf der Fokus nicht nur auf gleichgeschlechtlichen Paaren liegen. Zu den Betroffenen gehören auch transidente, intersexuelle oder nichtbinäre Menschen und andere, deren rechtliche Situation weiterhin prekär ist. Nicht zuletzt deshalb bedarf es weiterhin einer Revision der kirchlichen Lehre zu Geschlechtlichkeit und Sexualität auf Grundlage theologischer und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse.

  3. Petrus Ceelen sagt:

    Das Outing ist erst der Anfang

    Nicht alle sind so mutig wie Pfarrer Stefan Spitznagel aus Marbach (Kreis Ludwigsburg). Einige der 125 Queeren Katholiken haben sich nicht getraut, ihr Gesicht zu zeigen. Ihre Stimme wurde nachgesprochen – wie Oppositionelle in totalitären Systemen. ANGST. Bei einem geheimen Treffen von schwulen katholischen Bediensteten sagt ein Priester: „Hier kann ich wenigstens der sein, der ich bin.“ Dabei verkündet er schon seit dreißig Jahren die frohmachende Botschaft, dass jeder Mensch unbedingt von Gott geliebt wird. Die Schere im Kopf schreit zum Himmel. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, aber du darfst dich selbst nicht lieben, du Saukerl!

    Als Seelsorger für Aidskranke der katholischen Kirche musste ich mir sagen lassen: „Für die in Rom sind wir Schwule doch nur Schweine.“ – „Wir bekommen den Segen deiner Kirche doch erst, wenn wir im Sarg liegen.“ Und diese Kirche soll die Mutter sein? Eine Mutter liebt jedes Kind, bedingungslos. Eine Caritas-Mitarbeiterin hält über Jahrzehnte ihre lesbische Beziehung geheim, aus ANGST, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Und diese Caritas soll Liebe sein? Übi caritas et amor, deus ibi est. Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur ist der Herr. Dort nur ist Kirche Jesu, wo niemand mehr ANGST haben muss und jede/r geliebt – nicht geduldet – wird, so wie Gott ihn schuf. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber Pfarrer Spitznagel und Co haben den Stein ins Rollen gebracht und er wird nicht mehr zu stoppen sein. Hoffentlich lassen sich auch die Herren der Diözese Rottenburg-Stuttgart vom unsäglichen Leid ihrer Untergebenen berühren.

    Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung

  4. Frank Kribber sagt:

    Nach den Start der Kampagne #outinchurch erreichten mich viele Nachrichten. Viele positive, aber auch beleidigende anonyme Nachrichten. In einer hieß es: „Kardinal Paul Josef Cordes stellt schon in einem seiner Bücher fest, dass ´Homosexualität zutiefst Gott-widrig ist…` Die Sündhaftigkeit des Homosexualität hingegen zu leugnen oder gar Gottes Segen für ihre gott-widrigen Akte anzubieten steht zu Gott und seiner Offenbarung in frontalen Widerspruch. Dieses sollten sie lieber bedenken und verinnerlichen. Homosexualität ist eine abscheuliche Sünde und gehört ausgerottetes und vernichtet. Daneben ist sie die Ursache des ganzen Missbrauchsskandals. Wir diese bekämpft verschwindet auch der Missbrauch. Zu anderen Zeiten wäre man mit solchen Personen ganz anders umgegangen und hätte das Problem gelöst…“

    Diese Mail hat mich nachdenklich gemacht, weil ich mich gefragt habe, welche Angst steckt dahinter. Ich habe den Eindruck hier werden eigene Ängste vor Veränderungen und Wandlung auf andere und das Thema Homosexualität projektiert. Es wäre vielleicht sinniger über die eigenen Ängste zusprechen als sich von ihnen treiben zu lassen. Vielleicht sollten sie sich ihrer Angst stellen und das Leben zu genießen, statt ängstlich und mit eigener Unzufriedenheit auf andere verbal einschlagen. Die Kirche ist jedenfalls stehen geblieben mit ihrer ganzen Moralvorstellung, vor allem was die Sexualität und geschlechtliche Identität betrifft. Mich könne sie mit ihrer anonymen Nachricht jedenfalls nicht treffen. Gerne wäre ich mit ihnen ins Gespräch gekommen und hätte mir ihre Sichtweise in „Liebe“ angehört.

  5. Bernd Mönkebüscher sagt:

    Die Entwicklungen innerhalb der Kirche rund um die Coming-Out-Initiative seien zwar theologisch vorbereitet worden, doch Theologen müssten erkennen, „dass Memoranden und Erklärungen als solche noch keine unmittelbar die Praxis verändernde Dynamik entfalten“ würden. Die Theologie spiele eine bescheidenere Rolle in Reformprozessen als es dem Selbstbewusstsein vieler Theologen entspreche.“ so laut katholisch.de eine Einschätzung vom Mainzer Moraltheologen Stephan Goertz.

    Ich befürchte, er hat recht. Es besteht meiner Wahrnehmung nach kaum ein Dialog von Theolog*innen mit Bischöfen und den Gemeinden. Es sind nebeneinander bestehende Blasen, die in den Monaten des Synodalen Weges zwar etwas aufbrechen, aber grundsätzlich tagen die Ihresgleichen unter sich. Wer von den Bischöfen liest die theologischen Auseinandersetzungen dieser Tage und liest sie nicht nur? Trauriges Beispiel der Brief des Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz wohlgemerkt als Offener Brief. Es wird Politik gemacht. Kann man machen, hat Sinn, wenn Meinungen und Haltungen öffentlich werden. Darum darf man mehr als gespannt auf die Antwort sein… Wer allerdings nur das Lehramt zitiert, im Grunde jede wissenschaftliche Vernunft diesem unterstellt, sie dadurch begrenzt, sogar zeitgeistig sieht, morgen wieder überholt im Gegensatz zum überzeitlichem immer wahren Lehramt: ernsthaft?

    Ernsthaft wirklich? Lohnt da noch Diskussion? Ist das nicht deutliche Absage auch an jegliche Theologie, die es nicht braucht, denn wir haben das immer wieder sich selbst zitierende Lehramt und die Hl. Schrift? Dass nicht noch mit dem Lehramt behauptet wird, Gott habe die Welt doch in 7 Tagen erschaffen, vermisse ich im übrigen, vermisse auch, dass Frauen in der Kirche schweigen sollen. Wer immer noch biblische Zitate gegen homosexuelle Handlungen anführt (worauf selbst der Vatikan in letzter Zeit verzichte hat), ist noch nichtmal bei den Basics der historisch-kritischen Exegese angekommen. Aber wozu braucht es Theologie?

  6. Hildegund Keul sagt:

    Bischöfe: out in Church!
    Die Szenerie hatte etwas Skurriles. Als sich vor vier Wochen 125 Menschen in Deutschland als queer lebend outeten, positionierten sich prompt einige Bischöfe. Die meisten äußerten sich Gott sei Dank unterstützend, einige wenige befürchteten einmal wieder den moralischen Zerfall Europas. Ich las ihre Statements. Und dachte: Wie das wohl ist, sich öffentlich zu diesem Outing zu positionieren und dabei so zu sprechen, als seien hier nur die Anderen gemeint? Wie viele der Bischöfe haben von sich selbst gesprochen, als es um das ging, was so verdruckst „homosexuelle Neigungen“ genannt wird?

    Die katholische Kirche ist männerbündisch. Je höher mann in der Hierarchie aufsteigt, desto dichter wird die Zahl der Menschen mit besagter Neigung. Wenn nur ein Bruchteil dessen stimmt, was Frédéric Martel in „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“ schreibt, bestätigt das die These. Besonders interessant sind dabei Amtsträger, die beim Thema Homosexualität vehement die Antiposition vertreten. Kommt hier eine „internalisierte Homophobie“ zum Ausdruck? Da fallen mir sofort gewisse Kardinäle auf der Weltbühne des Klerikalismus ein, die bei ihrem Auftritt besonders skurrile Frauenkleidung bevorzugen. Auf diese Personengruppe kann Gott leider nicht ihre Hoffnung setzen. Aber diese Anderen, die genau wissen und es am eigenen Leib und im gesamten Leben spüren, wie schrecklich es ist, verdecken zu müssen, wie queer Gott uns schuf.

    Könnten sie nicht in einer gezielten, am besten länderübergreifenden Gemeinschaftsaktion zu einem Hoffnungszeichen werden, das den notwendigen Wandel der Kirche vorantreibt? #OutInChurch, ästhetisch ein Gesamtkunstwerk und theologisch eine Offenbarung, macht vor, wie es geht. Bischöfe: out in Church!

    Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg. Erstveröffentlicht als Kolumne in der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche

  7. Burkhard Hose sagt:

    Ich nehme die Entwicklung, dass elf Generalvikare die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts fordern, mit Genugtuung wahr, aber nicht mit Dankbarkeit. Denn seit vielen Jahren ist den Diözesanleitungen bewusst, dass die kirchliche Grundordnung viel Leid und Ungerechtigkeit verursacht hat. Das hätte früher geändert werden müssen. Die diskriminierende Praxis auszusetzen ist kein Verdienst und auch kein Geschenk, für das wir uns bedanken müssten. Es war eine längst überfällige Notwendigkeit.

    Dankbar bin ich den vielen Menschen, die Out In Church – Für eine Kirche ohne Angst durch ihre Solidarität stark gemacht haben und so den Druck auf die Diözesanleitungen erhöht haben. Wenn es die Bischöfe ernst meinen mit ihren wohlwollenden Worten, dann setzen sie sich jetzt offensiv gegen jede Form der Diskriminierung innerhalb der Kirche ein. Das bedeutet: Sie stellen sich an unsere Seite und fordern eine Änderung der kirchlichen Lehre, die auch nach Änderung des Dienstrechts immer noch Menschen herabwürdigt.

  8. Doris Schäfer sagt:

    Mit denen, die sich schwertun, nicht aburteilen

    Das Outing von queeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der katholischen Kirche hat deutlich gemacht, welche Vielfalt in ihr verborgen ist. Für mich trägt diese Vielfalt schon länger aufgrund meiner Arbeit als Seelsorgerin für inhaftierte Frauen Namen und Gesichter. Zunächst war ich erstaunt, wie viele Menschen es gibt, die sich in ihrer Identität und ihrer sexuellen Ausrichtung auf je eigene Weise von dem unterscheiden, was ich früher als normal betrachtete.

    Das Outing in der vergangenen Woche betraf nur kirchliche Mitarbeiter/innen. Und es ist gut, sie mit einer Solidaritätserklärung zu umarmen. Trotzdem freue ich mich auch für das lesbische Paar auf der Frauenstation meiner JVA oder für die Gefangene, die sich mit einem männlichen Vornamen rufen lässt, weil er für ihr oder sein Empfinden passender erscheint, dass sie jetzt auch offiziell wissen dürfen, dass es diese Vielfalt genauso unter den Seelsorger/innen gibt.
    Queere Gefangene habe ich oft, trotz ihres langen Leidensweges, als sehr friedfertig erlebt. Viele von ihnen haben sich gerne auf Gespräche mit mir eingelassen und übten Nachsicht mit mir, wenn in meinen Äußerungen Unverständnis oder mangelnde Sensibilität zum Vorschein kamen. Es gehört zu meiner Lebensgeschichte und ist für mich deswegen auch eine Form von Authentizität. Ich bin ihnen dankbar dafür, denn nur wenn ich meinerseits wegen meiner Fehler und Schwächen nicht gleich abgeurteilt werde, ist ein echtes Gespräch möglich, bei dem sich alle einen Schritt näherkommen.

    Nicht Gleiches mit Gleichem vergelten

    Man kommt nicht weiter, wenn man Gleiches mit Gleichem vergilt, wenn man jetzt die aburteilt oder ihrerseits ausgrenzt, die sich schwertun, ihre Erziehung hinter sich zu lassen, das vergangene Unrecht zu verstehen und neue Umgangsformen einzuüben (zu denen auch veränderte Arbeitsverträge gehören). Mag sein, dass viele, die sich von offizieller kirchlicher Seite öffentlich äußern, noch wenig verstanden haben. Und oft ist eine gut gemeinte Äußerung tatsächlich alles andere als gut. Die Gefangenen, denen ich begegnet bin, waren immer sehr großzügig. Sie haben mir ihre Hand gereicht, ohne Angst davor, dass ich sie ausschlagen könnte – vielleicht, weil bereits eine Beziehung da war oder weil sie es trotz allem als wohltuend empfanden, dass ich es gut mit ihnen meinte.

    #OutInChurch ist ein weiterer Grund für alle, die sich zur Kirche zählen, sich mit offenen Augen und Ohren in den Wind der Geschichte zu stellen, vor dem die Kirche sich immer wieder zu schützen suchte. Missbrauchsopfer, queere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele andere Leidende, die Flüchtlinge oder die Gefangenen in Mosambik und Malawi, die ich persönlich in unmenschlichen Situationen erlebt habe, nehmen uns in ihr Tal der Tränen mit hinein. Keine und keiner will dort lange umherirren oder sich im Kreis drehen. Die Sichtweise, die Sensibilität, die Lebensgeschichte, die Kultur und die Fertigkeiten aller werden gebraucht, um nicht nur schnell die nächstbeste Anhöhe zu erklimmen, sondern wieder auf einem heiligen Berg stehen zu können.

    Wie lange dauert es, bis anderer Wind weht?

    Menschen, die leiden, brauchen das Gefühl, dass jemand mit ihnen im Sturm steht. Aber sie brauchen auch jemand, der ihnen die Zuversicht vermittelt, dass nach dem Sturm wieder die Sonne scheinen kann. Diese Zuversicht muss ich mir als Seelsorgerin in meinem Inneren täglich neu erkämpfen. Es wäre einfacher, meine Ohnmacht zu beklagen, mit dem Finger auf andere zu zeigen, die mehr Verantwortung tragen. Es wäre leichter auszusteigen – und für viele auch verständlicher. Wie lange wird es dauern, dass in der Kirche ein anderer Wind weht? Wie lange wird es dauern, dass es auch in der Gefängnisseelsorge mehr Frauen gibt und eine weibliche Sicht und Sensibilität mehr wahrgenommen und geschätzt wird?

    Zählt nicht, welches Geschlecht jemand hat

    Um die Bibel besser zu verstehen habe ich einst Theologie studiert. Sie ist mein Fels in der Brandung, sie schenkt mir Träume und Visionen. Mir gefällt, was der Stadtdekan von Frankfurt Johannes zu Eltz in einem Gespräch mit der Limburger Kirchenzeitung über die Bibel sagt: „Die Schrift ist einfach unwiderstehlich. Und subversiv. Mag sie noch so harmlos und weltfern daherkommen. Wenn man immer wieder dieses Wort in sich widerhallen lässt, dann entfaltet es ein Eigenleben und macht einen kritisch auch dort, wo man es nicht für möglich gehalten hätte.“ (Der Sonntag, Nr. 5 2022, S. 13)

    Für das Verständnis der biblischen Geschichten brauche ich das Zeugnis und den gelebten Glauben anderer. Am Ende zählt nicht, welches Geschlecht jemand hat, welche Sprache gesprochen wird oder wie jemand sein Menschsein definiert. Ich glaube an eine Zukunft der Kirche, wenn wir uns alle um mehr Menschlichkeit, echtes Interesse aneinander und herzliche Geschwisterlichkeit bemühen. Etty Hillesum, der als junge Frau in Auschwitz ihr Leben geraubt wurde, wollte im tiefsten Tal der Tränen das „denkende Herz der Baracke“ sein. König Salomo bat um ein hörendes Herz, um Gott ein wohnliches Haus in dieser Welt zu errichten. Wenn kirchliche Mitarbeiter/innen vorangehen und sich um ein hörendes und denkendes Herz bemühen, möchte ich mit dabei sein.

  9. Bernd Mönkebüscher sagt:

    „Diese Lebensform und dieses Männerbündische ziehen auch Leute an, die nicht geeignet sind, die sexuell unreif sind.“ sagte Kardinal Marx und spricht sich gleichzeitig in einem Interview dafür aus, das Priestertum nicht zwingend an das Zölibat zu knüpfen. Nun wird ja etwas dadurch nicht wahrer, weil es ein Papst oder ein Kardinal sagt oder bestätigt. Darauf wartet niemand mehr. Dass das Priestertum die längste Zeit nicht an das Zölibat gebunden war, ist darüber hinaus bekannt. Viele haben es schon vor Marx gesagt, man lese nur das Buch von Hubert Wolf: Zölibat.

    Ich frage mich: ist diese Erkenntnis bzgl. Männerbündnis und sexueller Unreife über Nacht gekommen? Hat man sie nicht (allzu gern und wissend!) in kauf genommen, sogar gefördert, gewollt (denn die meiste Macht haben Menschen über Menschen, wenn sie Macht über ihr Intimleben, über ihre Sexualität haben), indem bis heute jede offene Rede über Zölibat, Zölibatsschwierigkeiten, Sexualität von Priestern, Partnerschaften, Beziehungs(un)fähigkeiten nicht möglich ist? Im Raum von Denunziation und bis gestern (3.02.2022) zumindest im Erzbistum Paderborn herrschende Unklarheit, ob gleichgeschlechtlich liebende nicht klerikale Mitarbeitende bei einer Heirat ihren Beruf verlieren (was sie ja haben, wie in der Doku „Wie Gott uns schuf“ festgehalten), in einer Atmosphäre des gewollten Wegschweigens von Themen, die die Sexualität von Priestern und Priesteramtskandidaten betrifft, jetzt mit einer solchen Erkenntnis zu kommen, dazu kann ich nur sagen: für wieviele Priestergenerationen zu spät? Wer ist überhaupt willens, sich die durch den Zölibat (das Leben oder Brechen oder Ignorieren) verursachten Leidensgeschichten anzuhören? Die Energie, die diese Fragen gebunden hat und bindet, ist ein Verschwenden kostbarer Ressourcen, die in der wirklichen Seelsorge fehlen.

    Im Protokoll des Paderborner Priesterrates vom Oktober 2018 (!!!) wird von einer Wortmeldung berichtet, die festhält, „dass es im Kreis von Mitbrüdern im Grunde nicht möglich ist, über das Gelingen und Misslingen dieser Lebensform zu reden, da der Zölibatsbruch kirchenrechtliche Konsequenzen nach sich zieht.“ So wird der Zölibat zu einem Tabuthema und seine Thematisierung fast unmöglich. Weiter sind im Protokoll zwei Fragen eines Kollegen formuliert, deren Diskussion geschweige denn deren Beantwortung immer noch aussteht: „Die Kirche definiert den Zölibat als spirituelles Zeichen für die Welt: hat der Zölibat die Priester wirklich näher zu Gott gebracht, macht der Zölibat aus Priestern wirklich Geistliche? Durch den Zölibat erlebt der Priester bestimmte Lebensphasen nicht, die einen Menschen reifen lassen, er wird weder Vater noch Ehemann: Formt der Zölibat Priester wirklich zu reifen erwachsenen Männern?“

    Ich finde die beiden Fragen aufschlussreich. Mir ist nicht erinnerlich, wie diese Fragen seitens des Priesterrates weiter verfolgt bzw. beantwortet wurden, wie sie eine Diskussion im Erzbistum initiiert haben. (Welch einen Wert haben dann derartige Sitzungen?) Solange Kirche und kirchliche Mitarbeitende (und natürlich alle anderen auch) aus Angst schweigen, solange Menschen in diesen Fragen nicht ehrlich sind und sein können, reden Bischöfe und Gelehrte ÜBER etwas. Wenn ein Bischof nicht weiß, wieviele der Priester das Zölibat befürworten, vielleicht genauer: leben (denn es gibt auch das Paradox, etwas nach außen hin zu befürworten, was ich selbst nicht lebe), wie soll er dann in dieser Frage eine Haltung, eine Postion einnehmen, die vom Menschen ausgeht?

    Ich finde die Diskussion für queere Menschen gerade in der Synodalversammlung in großen Teilen demütigend und ahne wie Frauen sich fühlen, wenn es um die Diskussionen zur Zulassung zu den Weiheämtern geht. Demütigende BittstellerInnen… wie tief müssen wir vor dem Lehramt, das so vielfach in diesen Fragen widerlegt oder mit besten Gründen angezweifelt werden kann und zum PARADIGEMENWECHSEL kommen muss, niederfallen?

    Alles keine neuen Fragen, nein, beileibe nicht! Infos…

  10. Alfons Hardt sagt:

    Keine Kündigung im Erzbistum Paderborn

    Aufgrund der fortbestehenden Irritationen stellt Generalvikar Alfons Hardt für das Erzbistum Paderborn klar, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter befürchten muss, allein aufgrund der Offenlegung ihrer beziehungsweise seiner sexuellen Orientierung oder der Eingehung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder gleichgeschlechtlichen zivilrechtlichen Ehe gekündigt zu werden. Generalvikar Hardt betont zudem, dass er sich für eine zügige Fortentwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts einsetzt.

    Siehe auch Lippenbekenntnisse?

  11. 📚 sagt:

    Werde nicht weiter kämpfen für ein anderes System

    Die Geschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) Brigitte Vielhaus outete sich im Rahmen von „#OutInChurch“ als lesbisch. Sie fordert, dass die „menschenfeindlichen Aussagen“ des Lehramts keinen Bestand haben dürfen. Auch in Sachen Arbeitsrecht müsse und werde etwas passieren, sagt sie.

    Ich frage mich immer wieder, wie kann ich in einem System arbeiten, das die Menschenrechte buchstäblich ignoriert. Vielhaus und viele andere werfen der Kirche eine Doppelmoral vor, „die zum Himmel schreit“. Sie nennt es „ein offenes Geheimnis, dass viele Kleriker in Beziehungen leben – dem priesterlichen Zölibat zum Trotz“. Sie spricht mir aus dem Herzen. Doch was nützt es, immer wieder diese Reiz-Themen anzusprechen und es passiert nichts. Schon vor 30 Jahren gab es diese. Man sagt, wenn morgen der Zölibat freigestellt wird, würde sich an der Lage der Kirche nichts ändern. Ich bin da inzwischen anderer Meinung.

    Ich habe aufgegeben, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich frage mich, warum es so viele Befürworter von Veränderungen gibt und keine Änderungen eintreten. Es wird immer wieder gesagt, man müsse ins Gespräch kommen Die diskriminierenden Klauseln in den Arbeitsverträgen für die pastoralen und den verkündigungsnahen Berufe sollten fallen. Nach den so genannten Loyalitätsverpflichtungen der Kirche und deren Sittenlehre kann man Menschen nicht mehr verpflichten, das persönliche Leben danach zu gestalten. Es gibt viele Lebensformen und diese gilt es zu achten und zu würdigen. Sie werden eh schon (verdeckt) gelebt.

    Ehrlich gesagt, es wird sich nichts ändern. Ich glaube nicht mehr daran. Ich realisiere einen anderen Blickwinkel in meiner seelsorgerlichen Arbeit im ähnlich starren System des Justizvollzuges. Eine Nische, zugegeben, mit anderen Gesichtern der Homophobie und der Gewalt. Vielleicht arbeite ich deshalb im Knast? Manche sagen, dort wäre man zumindest kirchlich sehr viel freier…

    Michael King

  12. Erik Flügge sagt:

    Lieber Bischof, ich brauche kein Mitleid!

    Der Würzburger Bischof sagt über Homosexuelle: „Wir sind dabei zu lernen, dass gerade die Menschen in diesen schwierigen Lebenssituationen der Hilfe und Begleitung bedürfen und eben nicht des Ausschlusses oder der Stigmatisierung.“ Er hat leider gar nichts verstanden. Danke, aber mir geht es gut. Das habe ich mit allen anderen Homosexuellen gemeinsam. Uns geht es von Hause aus gut. Unser einziges Problem sind Menschen, die unsere Liebe zur „schwierigen Lebenssituation“ erklären. Die haben wir aber gar nicht.

    Alles an meiner Liebe ist gut. Genau deshalb brauchen wir auch keine „Hilfe und Begleitung“ durch die Katholische Kirche. Das Einzige, was wir von dieser Kirche brauchen ist, dass sie aufhört uns zu stigmatisieren, wie es Bischof Jung genau mit seiner Aussage tut, wir bräuchten Hilfe und Begleitung. Nein, wir sind kein Opfer unserer Liebe, wir sind nur ein Opfer der Diskriminierung unserer Kirche.

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