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Barocke Kunst in allen Zeiten kritisch hinterfragen

In einem Kloster auf der 3. Etage befindet sich ein Gemälde, das man im Vorbeigehen vielleicht eher im linken Blickwinkel ohne Nachzudenken wahrnimmt. Das ist eben Kunst aus alter Zeit. Und doch zeigt dieses Bild angesichts des Sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche eine Szene, die erschreckend ist. Die Kirche in der Barockzeit gab vor, wie Kunst aussehen sollte, um die gewünschte Wirkung auf die Menschen zu erzielen. Heute ist die Wirkung eine völlig andere.

Als katholischer Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt ist mir der begangene Missbrauch an Kindern durch Priester, Familienvätern, Männer aus allen Schichten der Gesellschaft, ein fast tägliches Thema. Vielleicht bin ich durch dies übersensibilisiert. In einem Kloster fiel mir ein Bild in der 3. Etage auf, dass mich sehr erschreckt hat. Das Gemälde spricht für sich. Ob man dieses Bild nicht doch besser abnehmen und im Archiv lagern sollte? Es macht für mich erschreckend deutlich, dass schon in früheren Zeiten Kinder von Männern als Objekte betrachtet wurden. Ist es ein barockes Gemälde des Heiligen Josef mit dem nackten Jesuskind? Trotzdem macht solch eine Erklärung die gezeigte Szene im Heute nicht besser.
Ich möchte auf dieses Bild aufmerksam machen und hoffe, dass die Verantwortlichen des Klosters Wege finden, zu einer guten begründeten Entscheidung zu dieser Darstellung.

Die Barockzeit begann in den späten 1500er Jahren bis in die frühen 1700er Jahre und war in ganz Europa verbreitet und vielfältig. Seine Prinzipien der Extravaganz, des Prunkes und der verzierten Details wurden in einer Reihe von kulturellen Medien wie Malerei, Architektur, Skulptur, Literatur und Musik dargestellt. Es war eine Periode des Aufschwungs in Kunst und Kultur, die tief in den religiösen Strukturen und Mächten Westeuropas zu dieser Zeit verwurzelt war, nämlich in der katholischen Kirche. Die Kirche gab vor, wie Kunst aussehen sollte, um die gewünschte Wirkung auf die Menschen zu erzielen. Sie sollte bei den Menschen, die sie erlebten, Erhabenheit und Ehrfurcht hervorrufen und wurde zu einer völlig neuen Sinneserfahrung.

Die Deckengemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle in Rom zeigen ebenso Nacktheit. Es geht nicht darum, die wertvolle Kunst auszuradieren. Vielmehr geht es darum, sensibilisiert die Welt wahrzunehmen. Im besagten Gemälde fällt einem dies mit den Vorzeichen des Sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche besonders auf. Und dahingehend sollte in Zukunft das Augenmerk liegen. Die kritische Auseinandersetzung ist relevant sowie den verantwortungsbewussten Umgang mit der schmerzlichen Geschichte des Missbrauchs in den eigenen Reihen.

Hans Gerd Paus

 

Kommentare (2)

  1. Andreas sagt:

    Ich vermute mal, dass hier der „Ziehvater“ Josef mit dem Jesuskind dargestellt wird. Beide sehen gen Himmel und es sieht – inhaltlich gedacht – nicht so sehr danach aus, als wären die beiden in einer freiwilligen / unfreiwilligen Interaktion. Ich finde es schlimm, dass wir heutzutage über solche Bilder mit den grausamen Missbräuchen eine Verbindung herstellen (unfreiwillig herstellen müssen).

    Tragisch ist, dass die Hand (von Josef?) genau da ansetzt, wo sich mit großer Sicherheit, der Intimbereich des (Jesus-) Kindes befinden muss. Tragisch, dass heute über das Abhängen oder Belassen von Kunst in diesem Zusammenhang nachgedacht werden muss. Ich selbst hätte auch große Bauchschmerzen, wenn ich entscheiden müsste, ob diese Kunstdarstellung angesichts von schweren Missbräuchen weiter ausgestellt werden darf.

    Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Das Bild in einem nicht öffentlich zugänglichen Bereich aufhängen und – bei gegebenem Anlass (z.B. bei dem Thema: Die Vaterrolle des Josef) gezielt besprechen und auf die aktuelle Ambivalenz hinweisen. Dies wäre meine subjektive Einschätzung zu diesem Anlass. Ich kann gut verstehen, dass so ein Kunstwerk heute irritieren und zum kritischen Einschätzen zwingt.

  2. Kloster sagt:

    Viele Bilder in unseren christlichen Kirchen und Museen sind geprägt von ähnlichen Darstellungen oder auch halbnackten Frauen, stillenden Frauen und nackten Männern. Das alles hat seine Geschichte und wurde zu den jeweiligen Zeiten gemalt. Da lässt sich nicht so leicht eine Entscheidung treffen. Ein Bild abzuhängen, ist einfach – aber trägt ein solches Bildnis tatsächlich zu einer Verminderung sexualisierter Gewalt und Missbrauch gegenüber Kinder in unserer Gesellschaft bei? Die Ursachen sind sicher vielseitiger und vielschichtiger.

    Auch ich bin hin- und hergerissen, was die richtige Entscheidung ist. Ich werde dies mit der Provinzleitung diskutieren und dann werden wir hoffentlich eine gemeinsame Entscheidung dazu treffen.

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