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Auf den Spuren des in Bochum inhaftierten Urgroßvaters Eugène

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Auf der Spuren ihres kurzzeitig auch in Bochum inhaftierten Urgroßvaters Eugène Toussaint war eine Delegation aus 12 Belgiern in Bochum zu Besuch. Die Urenkelin Julie Michotte hat sich gemeldet mit der Bitte, ob der Großfamilie das Denkmal für die damals hier inhaftierten und teils im Reich hingerichteten politischen Gefangenen zeigt werden kann. Eine Woche vor dem 125sten Jahrestag der Anstalt konnte das „Denkmal“ als mobiles in Form eines Portrait noch gemacht werden und stand auch in der Ausstellung beim Festakt zusammen mit 40 weiteren exemplarischen Portraits. Die Familie wurde informiert.

Sie besuchten am Morgen auf den Spuren Eugènes einen Ort in Brüssel, wo Aktivitäten der Résistancegruppe stattfanden und dann Bochum, wo sie um 15.45h ankamen. Der weitere Weg wird sie nach Hotelaufenthalt in Bad Bentheim heute nach Esterwegen führen und morgen nach Wolfenbüttel, dem Hinrichtungsort, und dann wieder zurück. Kurzfristig konnten Uli Borchers vom Bochumer Bündnis gegen rechts und der ehemalige Gefängnisseelsorger Alfons Zimmer ermöglichen, die Gruppe zu empfangen. „Wir wollten es im Sinne der Völkerfreundschaft so herzlich wie möglich machen“, sagt Zimmer. Nach Ankunft vor dem JVA-Gelände in Bochum ist die Gruppe ins Löscher am Stadionring spaziert. Die katholische Seelsorge der JVA spendiert Kaffee und Kuchen im Sinne von „opferbezogenen Strafvollzug“.

In Bochum gibt es keine Dokumente über den Urgroßvater. Dennoch haben sie in einem belgischen Gedenkbuch, das sie nicht kannten und in einem französischen NN-Buch Namen und kurze Infos zum Fall Eugène gefunden. Sie überreichen Artikeln über Eugène und über die Route ihrer aktuellen Reise. Eine E-Mail traf an Familie Michotte von Jan Hertogen ein, der in seinem Archiv Dokumente vom Volksgerichtshof Berlin fand und scannte. Im Falle der Gruppe Toussaint tagte der Volksgerichtshof in der Stadt Lee, Nähe Esterwegen und sprach das Todesurteil aus.

Blick in die Geschichte

Von außen an der JVA Bochum kann man alte Gebäudeteile erblicken und die Fenster des Flügels A sehen, in dem Eugène wahrscheinlich einsaß. Weitere Fragen der Familie wurden an diesem Ort beantwortet. Eugène kam von Brüssel über Essen nach Bochum am 23.
Mai 1943 etwa ein Jahr nach seiner Festnahme. Es war die Zeit vermehrter Bombenangriffe und Beschädigungen von Gebäudeteilen der Anstalt und auch von starker Überfüllung. Darum wurden er und andere schon eine Woche später am 29.5.1943 nach Papenburg und ins Strafgefangenenlager Esterwegen verlegt. Die Bombenangriffe galten dem nahegelegenen Stahlwerk, dessen Zufahrtsschienen bis heute an der Krümmede zu sehen sind.

Warum wurde Eugène verurteilt? Es ging um Kontakte zu alliierten Fallschirmagenten, um geheime Treffen, Kollaboration mit dem Feind, Vorbereitung von Sabotageakten. Durch einen in die Gruppe eingeschleusten Spion wurden alle verraten. Es gab 49 Festnahmen und 21 Todesurteile. Auch der Spion wurde 1947 durch den belgischen Militärgerichtshof zum Tode verurteilt. Die Kommune des Wohnortes von Eugéne in Brüssel macht im nächsten Jahr dort eine Ausstellung zu Toussaint und den Mitgliedern der Gruppe. Toussaint und zwei Priester der Gruppe, die am selben Tag mit ihm am 10.7.1944 in Wolfenbüttel hingerichtet wurden, haben seit 60 Jahren in Brüssel nebeneinander große Straßen mit ihrem Namen. Auf dem Foto vor der JVA  sind ihre Portraits vorne zu sehen.

Urenkel interessieren sich

Die Familie wird die Bochumer Begegnung bestimmt nicht so schnell vergessen. Es fällt auf, dass sich mittlerweile die Generation der Urenkel der damals Politischen verstärkt für die Geschichte interessiert. In den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg waren es oft noch überlebende Inhaftierte selber. Herr Rohert erzählte einmal, dass er einem ehemals niederländischen Inhaftierten, zu dem Zeitpunkt schon ein älterer Herr, seine Haftzelle gezeigt hat, ihn auf dessen Bitte eingeschlossen hat und laut „Entlassung!“ rufen musste, eine späte fast therapeutische Maßnahme der Verarbeitung für den Herrn.

Alfons Zimmer

 

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