Auf Anfang: 28 Jahre lang saß Michael Scholly wegen Mordes

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Im Jahr 1991 wurde Michael Scholly zu einer lebenslange Freiheitsstrafe verurteilt. Die ersten 13 Jahre seiner Haftzeit verbrachte er in der Justizvollzugsanstalt Werl. Im Jahr 2004 wurde er in die JVA Schwerte verlegt. Hier begann auch eine Geschichte mit ihm und dem dortigen Gefängnisseelsorger. Der Seelsorger Dirk Harms begleitete ihn engmaschig bei seiner Entwicklung von einem verschlossenen und stotternden Sonderling hin zu einem scheinbar zugänglichen, selbstständigen Erwachsenen mit ein paar Schrullen. Eng war er eingebunden in die Theaterarbeit. Über sie ergaben sich auch Kontakte nach außen.

Ein Leben in Freiheit schien greifbar für ihn, auch durch mehrwöchige Praktika, die er in auswärtigen Betrieben absolvieren konnte. Im August 2018 entließ ihn die Strafvollstreckungskammer des Landgerichtes Hagen nach einer neuen externen Begutachtung aus der lebenslangen Freiheitsstrafe. Michael Scholly wurde am 2. Oktober 2018 entlassen. Er hatte eine Arbeitsstelle, eine Wohnung und viele Kontakte. Anfang Januar 2019 tötete er wieder eine Frau. Was viele, die mir damals ihr Ohr liehen, nicht wußten: Seit 2015 begleitete ein Filmteam seine Wege in die Freiheit. Geplant war ein Dokumentarfilm, der ein Jahr nach seiner Entlassung endet. Wie oben erwähnt kam es zu diesem Abschluß nicht. Der Film mußte jedoch trotzdem fertiggestellt werden. Das Filmteam um Georg Nonnenmacher schuf ein intensives Dokument über einen Menschen, der viele Rätsel aufgibt, ohne ihn oder die mit ihm befasste Personen zu verurteilen. Am Ende bleibt die Frage: Was ist der Kern des Menschen?

Nach 28 Jahren Haft wegen Mordes in der Jugend hat ein Mann zum ersten Mal Aussicht auf ein Leben in Freiheit, dem er entgegenfiebert und auf das er sich mit wohlwollender Unterstützung lange vorbereitet. Doch seine Erwartungen erweisen sich als wenig kompatibel mit den Anforderungen der Realität da draußen. Ein Film über die Traumata der Vergangenheit, zweite Chancen und ein Justizsystem, das trotz aller Sorgfalt mit seinem Ziel der Resozialisierung an Grenzen stößt. Die Filmemacher führen ihren Protagonisten nicht vor, sondern nehmen ihn in seiner Widersprüchlichkeit ernst. Drei Jahre hatte er Zeit sich auf diesen Moment vorzubereiten. Doch die Welt außerhalb der Gefängnismauern hat sich in seiner Abwesenheit fundamental verändert und Schollys Vorstellungen und Erwartungen haben mit der Realität wenig gemein. Es stellen sich Fragen: Kann Scholly den Anforderungen an ihn gerecht werden? Ist Scholly reif für die Freiheit? Sein erstes Jahr nach der Entlassung sollte darauf Antworten geben – doch die Antwort kam früher als erwartet.

Der Film „Auf Anfang“ hat im Oktober 2021 den Filmpreis NRW gewonnen und wird ab dem 30. März 2022 in einigen Programmkinos gezeigt. Im Ruhrgebiet und im nördlichen Sauerland (Iserlohn), aber auch in Münster, Frankfurt, Augsburg und in Berlin finden sich Aufführungstermine.

Fotos: cineglobal.de

 

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