Die Kirche(n) begegnen Menschen an verschiedenen Orten. Sie können Trost und Zuversicht vermitteln. Gleichzeitig motiviern und unterstützen sie für gesellschaftlich-diakonisches Engagement. Das geschieht in den zahlreichen Feldern der Seelsorge oder im ganz persönlichen Handeln in der Nachbarschaft, im Sozialraum und an Orten, die “gottlos” zu sein scheinen, wie der eines Gefängnisses.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine Arbeitshilfe mit dem Titel “Leben teilen – Hoffnung wecken. Diakonisch Christsein in säkularer Gesellschaft” veröffentlicht. Es wid bewusst die Perspektive geweitet: Nicht binnenkirchliche Themen werden in den Blick genommen, sondern Gottes vielfältiges Wirken in der Welt von heute. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe aus den bisherigen Pastoral- und Caritaskommissionen der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof DDr. Christian Würtz aus Eichstätt, schreibt dazu im Vorwort: „Es geht darum, das Leben mit den Menschen zu teilen, vor allem mit den Armen und Bedrängten aller Art. Es geht darum, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die uns als Christinnen und Christen erfüllt, auch wenn wir erleben, dass die Kirchlichkeit und der Glaube schwinden.“
Der Mainzer Bischof Dr. Peter Kohlgraf schreibt in seinem Schlusswort bemerkenswertes:

In der Ludgerikirche in Münster hängt ein besonderes Kreuz: Jesus ohne Arme.
Christus ohne Arme
In der Ludgerikirche in Münster hängt ein besonderes Kreuz, das mir bis heute ein Bild der Hoffnung und Ermutigung ist. Der gekreuzigte Christus ist besonders eindrucksvoll. Man sieht dort einen Gekreuzigten ohne Arme. Im Zweiten Weltkrieg hat dieser Christus bei einem Bombenangriff beide Arme verloren. Wenn man vor diesem Kreuz betet, rührt es einen an. Normalerweise sieht man die Arme weit ausgebreitet – so, als würde Christus uns an sich ziehen, als wolle er alle Menschen berühren und umarmen. Bei diesem Kreuz kann er das nicht. Unter dem Kreuz steht folgendes Gebet aus dem 14. Jahrhundert: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Durch Sünder und durch „normale Leute“
Natürlich kann man diesen Text auch missverstehen. Gott hat immer mehr Macht und Möglichkeiten als wir Menschen. Wenn ich jedoch genauer in die Evangelien schaue, lese ich, dass Jesus seinen JüngerInen den Auftrag gibt, das Reich Gottes und sein Werk in der Welt gegenwärtig zu machen, so wie er aus Liebe das Kreuz getragen hat. Er will nicht ohne uns Menschen handeln. Wir sind seine Hände, die Gutes tun, seine Füße, die das Evangelium zu anderen bringen, seine Lippen, durch die er die Frohe Botschaft verkündet. Christus entäußerte sich und wurde uns Menschen gleich. Jesus beruft seinerzeit die Zwölf, die die Kirche darstellen: Vier Fischer, einen Zöllner, einen politischen Fanatiker, andere, von denen wir außer dem Namen nur wissen, dass es wohl keine herausragend begabten oder gar mutigen Männer gewesen sind. Sie bilden zusammen mit einigen Frauen, zu denen auch Maria von Magdala, die „Apostolin der Apostel“, gehört, die erste Gemeinde des Auferstandenen. Sie werden Jesu Arme, sie sind seine Füße und sein Mund, ihnen gibt er die Aufgabe, in seinem Namen zu heilen und Gutes zu tun und ihn so gegenwärtig zu setzen. Sie sollen das Kreuz tragen, wie er es getragen hat. Jesus hat sich immer durch Sünder, durch „normale Leute“, darstellen lassen. Zahlreiche Botinnen und Boten waren in seinem Namen unterwegs. Auch wir werden heute beauftragt, Jesus Hände und Füße, Herz und Stimme zu geben. Was zeichnete Jesu Umgang mit den Menschen aus? Er hatte keine große Theorie. Er zog nicht mit einem ausgearbeiteten Seelsorgekonzept oder mit großen Plänen los. Offenbar hatte er vielmehr einen Blick dafür, was dieser oder jener Mensch in diesem Moment brauchte.
Auf Geschichten der Menschen hören
Es wächst das Bedürfnis vieler Menschen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen – Geschichten, die dem Leben eine Bedeutung geben, die Halt und Orientierung bieten. Ob in den sozialen Medien, in Talkshows oder bei Streaming-Diensten – überall wird das Erzählen zur wichtigsten Sprache. Geschichten sind heute mächtiger als Argumente, überzeugender als reine Fakten. Was wissenschafts- und demokratietheoretisch Stirnrunzeln verursacht, ist pastoraltheologisch interessant. Offenbar gelingt es zum Beispiel Influencern sehr gut, inmitten einer vielfältigen, bunten und sich in immer mehr Kulturszenen ausdifferenzierenden Gesellschaft mithilfe von Narrativen viele Menschen zu bewegen, zu beeinflussen oder zu überzeugen. In der Werbung sieht man das besonders deutlich: Früher wurden Produkte mit Zahlen und Fakten beworben, heute erzählen die Unternehmen Geschichten. Sie schaffen Heils- und Hoffnungsbilder, die das Produkt als Erlösung von diesem oder jenem anpreisen. Kirche ist von Anfang an eine Erzählgemeinschaft. Menschen, die zum Glauben an Christus gefunden haben, geben weiter, wie sie das heilende Wirken Gottes in ihrem Leben erfahren haben. Gottes Wirken im eigenen Alltag wahrzunehmen und die eigenen Erfahrungen in die Geschichten und Geschicke der Menschen von heute einzubringen – nicht belehrend, sondern in aktiver Anteilnahme und im einfühlsamen Weitererzählen (Seite 35).





