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Weitere Forschung sowie Gedenkorte zur NS Justiz notwendig

11. September 2026

Die JVA Wolfenbüttel liegt mitten in der Stadt. Von außen kann man kaum sehen, dass es heute noch eine große Justizvollzugsanstalt ist. Der Ort und die Gebäude sind geschichtsträchtig. Ihr ältester Gebäudeteil stammt aus dem Jahre 1506. Im Jahre 1938 wurde im Alten Magazin der Schlosserwerkstatt eine “Hinrichtungsstätte” (mit Fallbeil) mit den so genannten Todeszellen errichtet.

Jean-Luc Bellanger und Hans Greiffenhagen: Unterschiedliche Geschichten.

 

Namenliste wird bis 1945 immer länger

Nach Feststellungen von Historikern sollen in Wolfenbüttel die Nationalsozialisten bis 1945 mindestens 516 Menschen hingerichtet haben. Nach Kriegsende, in der Zeit 1945-1947 fanden durch die Alliierten weitere 67 Hinrichtungen statt. Die Namenslisten, die im Raum mit gläsernen Stellen angebracht sind, wird mit der Herrschaft der Nationalsozialisten immer länger. Die pädagogische Mitarbeiterin kann zu einigen der Menschen Geschichten erzählen. Da ist eine Frau, die einen Koffer mitgenommen hatte, weil sie glaubte, es wäre der ihrer Mutter. Sie wurde verhaftet und aufgrund des „Diebstahls“ und ihrer ethnischen Zugehörigkeit zum Tode verurteilt. Gerade zu einer Zeit, in der demokratische Grundwerte in Europa wieder neu unter Druck geraten, ist es wichtig, sich zu erinnern. Denn zu einem funktionierenden Rechtstaat gehört eine unabhängige Justiz mit Resozialisierungsangeboten.

Scheinbar alles „rechtsstaatlich“

Es ging damals scheinbar alles „rechtsstaatlich“ zu. Ein gefälltes Scheinurteil und eine akribische Dokumentation herrschten vor. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel diente der Umsetzung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordpolitik im norddeutschen Raum. Ab 1933 wurden zunehmend politisch Andersdenkende, „Asoziale“, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie Zeugen Jehovas im Gefängnis inhaftiert. Anfang September 1937 ordnete das Reichsjustizministerium an, auf dem Gelände des Strafgefängnisses Wolfenbüttel eine Zentrale Hinrichtungsstätte zu errichten. Damit sollte dem für den Fall eines Krieges eingeplanten „vermehrten Hinrichtungsbedarf“ Rechnung getragen werden. So wurde die Schlosserei umgebaut und mit einem zweiten Stockwerk sowie einem Uhren- und Glockenturm versehen, um den Vollzug der Todesstrafe sakral zu überhöhen

Forschung und Gedenkorte notwendig

Geistliche, ein Arzt, Protokollant und ein Staatsanwalt waren bei den Todesvollstreckungen zugegen. Der Henker hatte seine Gesellen, die sogar an diesem Ort übernachteten. Unter den Nationalsozialisten konnten vermeintlich kriminelle Vergehen härter bestraft werden, besobnders wenn es um Wiederholungstaten handelte. Ab 1939 waren davon viele ZwangsarbeiterInnen betroffen. Im Rahmen der “vorbeugenden Verbrechensbekämpfung” (§ 20a RStGB) drohte Wiederholungstätern die anchließende Überstellung an ein Konzentrationslager. Das Gebäude der “Hinrichtungsstätte” fand im Laufe der Jahre immer wieder andere Verwendungszwecke. Nur eine Außentafel erinnerte an die grausamen Ereignisse. Erst 1990 wurden die Räume mitten in der JVA zu einem Gedenk- und Erinnerungsort. Dazu baute man außerhalb der Mauer ein Haus, deren Fensterfront auf die „Richterstätte“ drinnen ausgerichtet ist. Hier wird, durch eine Stiftung getragen, zu Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus geforscht. Eingebettet ist eine Ausstellung mit den Anfängen und der Fürsorge in der Weimarer Republik bis hin zur neueren Geschichte des Strafvollzuges der Länder in Deutschland.

Politischer Druck kaum gegeben

Gerade in Zeiten, in denen die extreme Rechte in Deutschland immer stärker wird und gleichzeitig das Wissen über das “Dritte Reich” und seine Verbrechen geringer wird, ist es wichtig, entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln und umzusetzen. Im Vergleich zu Wolfenbüttel, wo zahlreiche Hinrichtungen durchgeführt wurden, gibt es in anderen Gefängnissen vergleichsweise weniger gestorbene Häftlinge. “Der politische Druck, sich mit diesem Thema näher zu befassen, ist kaum gegeben“, sagt der Remscheider Forscher Armin Breidenbach. An der JVA Bochum-Krümmede hat man immerhin eine Stolperschwelle mit Namen Verfolgter aus der Zeit installiert. “Vor diesen Hintergrund dürfte es sinnvoll sein, nach geeigneten (Gegen)Strategien und nach Bündnispartnern und Sponsoren zu suchen”, so der Autor der Artikelserie “Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge von 1934 bis 1939”.

Michael King

Gedenkstätte Wolfenbüttel

 

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