„Das darf nicht geschehen!“ ruft Petrus empört, als Jesus ihm und den anderen, die ihm folgten, von seinem bevorstehenden Leiden und auch vom Sterben erzählt. Nein, dass der geliebte Lehrer, der göttliche Weisheit nicht nur mit Worten lehrt, sondern sie in Liebe und Barmherzigkeit kraftvoll verkörpert, dass dieser Jesus in Haft genommen würde und sogar zum Tod verurteilt werden könnte, das darf einfach nicht geschehen.
Wie nahe ist uns diese Reaktion des Petrus, wenn wir sehen, dass Leidvolles geschehen könne? „Das darf nicht geschehen!“ sagen viele angesichts der drohenden politischen Veränderungen in unserem Land. In Sorge um das, was uns wesentlich geworden ist, in Sorge um Menschen, die uns viel bedeuten, in Sorge um das eigene Wohl und die eigene Gesundheit möchten wir Leid in Bedrängnis, Krankheit und Tod verhindern.
Du bist die Entwicklung in jedem Moment
So naheliegend und verständlich der Ausruf des Petrus ist, so überraschend, ja bestürzend fremd klingt Jesu Antwort: „Tritt hinter mich, du Satan“, fährt er ihn an, „Ein Ärgernis bist du mir!“. Das ist nicht ein wütender Ausrutscher aus Höflichkeit und Respekt, den die Verfasser des Evangeliums vergessen haben aus der Rede Jesu zu streichen, es ist vielmehr ein kraftvoller Weckruf. Schau nicht weg! Flüchte nicht in eine Welt, die du gern hättest! Sei jetzt da, ganz wach und bereit, das Leben anzunehmen, wie auch immer es dir entgegenkommt. Du bist nicht das Opfer irgendwelcher Entwicklungen, du selbst bist die Entwicklung in jedem Moment deines Lebens.
Ich stelle mir vor, dass die ersten Christen oft erfahren mussten, welch große Herausforderung es ist, in Liebe und Barmherzigkeit inmitten einer gewalttätigen Welt zu leben. Wie verführerisch ist es, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten? Petrus selbst schlug im Zorn einem der Soldaten, die Jesus festnahmen, ein Ohr ab. Von daher erscheint die heftige Antwort Jesu verständlich, sie wirkt wie ein kräftiger Anstoß in einem von Sorge und Angst gelähmten Menschen, um ihn zum wachen Erkennen und Gestalten des Lebens im Hier und Jetzt zu bewegen. Nicht das Retten des eigenen Lebens im Sinne persönlicher Wunschvorstellungen soll die Motivation sein, so das Evangelium Jesu, sondern das Annehmen des Lebens wie es ist, auch in seinen leidvollen Abgründen.
Trotz allem fähig zu leben
Dabei geht es weder um einen das Leid suchenden Masochismus noch um einen Aufruf zu passiver Gleichgültigkeit. Es geht darum, Liebe, Mitgefühl und Barmherzigkeit leibhaftig spürbar werden zu lassen. Wo immer sich ein Mensch darin einlässt, weitet sich das Herz aus der Enge der Angst. Und immer beginnt dies im je eigenen Herzen, um von da aus weiter zu fließen im Bewusstsein tiefer Verbundenheit aller. Wenn das Evangelium sagt, wer das Leben um Jesu willen verliert, wird es finden, ist – wie Fridolin Stier wörtlich übersetzt hat – das Zugrundegehen gemeint. Dem Leben in seiner Wirklichkeit in Freude und Leid zugrunde gehen bedeutet, in allem, was ist, auf dem gemeinsamen Grund dieser Erde, aus der wir alle geschaffen sind und zu der wir alle zurückkehren, zu leben, wozu wir trotz alledem fähig sind: sich selbst und einander gut zu sein.
Mehr als alle Berechnungen
Nirgends sonst erfahren wir die große Kraft eines solchen Miteinanders wie in den leidvollen Erfahrungen des Lebens. In Krankheit und Not ausgesetzten und ausgegrenzten Menschen hat Jesus immer wieder aufgesucht, er hat sie ermutigt sich aufzurichten, aus dem verschämten Versteckt hervorzukommen, er hat mit ihnen das Brot geteilt und ihnen zugesagt, dass in ihnen eine Quelle ist unendlichen Lebens. Und was sich auszuschließen scheint kommt zusammen: in liebevoller Würdigung des Leids wird das Leiden daran überwunden. Möge das Evangelium uns in diesen Tagen voller Bedrängnis und Sorge ermutigen zu leben, woran wir glauben: dass es mehr gibt als unsere Berechnungen ergeben, dass jeder noch so kleine Verzicht auf Gewalt diese beginnt zu beenden, dass alle unsere bangen Fragen schon die Ahnung einer Antwort in sich tragen, die uns ermutigt weiterzugehen. Oder wie es das Evangelium des Jesus von Nazareth sagt: wie Gott Mensch zu werden – immer wieder neu in tiefer Verbundenheit auf diesem wunderbaren, geheimnisvollen blauen Planeten Erde.
Christoph Kunz | Matthäus 16, 21-27






