„Ein Highlight war für mich die Teilnahme am ‚Gefangenenchor‘ und der Auftritt im Gottesdienst. Dabei habe ich mich richtig frei gefühlt, fast gar nicht mehr wie im Gefängnis.“ Das sind die Worte eines Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Darmstadt-Eberstadt, der sich mit Begeisterung an dem Chor-Projekt beteiligt hat.
„Dass gemeinsames Musizieren eine stärkende und auch befreiende Wirkung auf die Seele eines Menschen hat, ist sicherlich keine ganz neue Erkenntnis. Dass es sich aber in solchen Worten eines Inhaftierten mir gegenüber auf diese Art bewahrheiten würde, hat mich doch sehr berührt“. Dies sagt der katholische Gefängnisseelsorger der JVA Darmstadt-Eberstadt, Pastoralreferent Engelbert Renner, der dieses Chorprojekt auf Anregung und mit tatkräftiger Unterstützung des ökumenischen Arbeitskreises JVA des Pastoralraums Darmstadt Süd-Ost auf die Beine gestellt hat.
Dirigenten und Sponsoren für Knastmusik
Die Dotter-Stiftung konnte als Sponsor des Projektes gewonnen, die Gefängnisleitung überzeugt und zwei engagierte Musiker als Dirigenten gefunden werden. So finden seit Mitte Juli 2025 und nach der Projektverlängerung um ein weiteres Jahr seitens der Dotter-Stiftung bis mindestens Ende Juni 2027 am Dienstagabend wöchentliche Chorproben unter der Leitung von Michael Böttger oder seinem Vertreter Peter Paletta in der Kapelle der JVA statt. Zum erarbeiteten Repertoire des Chores gehören mittlerweile einfache, aber begeisternde Lieder unterschiedlichster Stilrichtungen und Sprachen, bis hin zu afrikanischen Stücken. Auch haben sich ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Gitarrist unter den Teilnehmern zur musikalischen Begleitung gefunden.
Warteliste wird länger
10-15 Gefangene bilden dabei den Stamm des auf maximal 15 Teilnehmer begrenzten Chores. Gleichzeitig scheiden immer wieder Mitglieder aus, weil sie entlassen oder auch verlegt wurden und es stoßen neue hinzu. Die Warteliste für interessierte Gefangene wird zurzeit immer länger. Die durchweg positiven Rückmeldungen dieser Männer unterschiedlichsten Alters bestätigen die Intention des Projektes, den Inhaftierten der JVA Darmstadt-Eberstadt Erfolgserlebnisse, Gemeinschaftserfahrungen und Freude an der Musik zu ermöglichen. Der Gefängnisseelsorger Engelbert Renner und der Arbeitskreis Gefangenenseelsorge sind überzeugt von der Sinnhaftigkeit solcher Erfahrungen im ansonsten eher tristen Gefängnisalltag. Ermöglicht wird das Projekt durch die Zusage der Dotter-Stiftung, die die Chorleiter finanziert, und die Bereitschaft des Bistum Mainz, die Abrechnungen über ihr Finanzwesen abzuwickeln. Ohne diese Beteiligten, den Gefängnisseelsorger und das Engagement des Arbeitskreises wäre das Projekt nicht durchführbar.
Arbeitskreis JVA
Seit 2014 gibt es den ökumenischen „Arbeitskreis JVA“. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Gefängnisseelsorge zu unterstützen und Aktivitäten aus den Kirchengemeinden, die die JVA betreffen, zu bündeln. Jedes Jahr zu Weihnachten wird eine Päckchenaktion für Inhaftierte organisiert. Über den Arbeitskreis besteht die Möglichkeit an den Gottesdiensten in der JVA teilzunehmen. Wer möchte, kann Kontakt zu einzelnen Inhaftierten aufbauen und Gefangene bei Einzelgesprächen in der JVA besuchen. Diese Gespräche können über einen längeren Zeitraum bis über die Entlassung hinaus fortgesetzt werden. „Als Ehrenamtliche im Gefängnis sehen wir jeden Menschen, trotz Schuld und Sünde, in die wir uns alle verstricken, als Ebenbild Gottes an. Alle Menschen sind von Gott mit unverlierbarer Würde und dem Recht auf Freiheit ausgestattet. Die Straftaten der Inhaftierten klammern wir nicht aus, aber wir reduzieren die Gefangenen nicht darauf. In Krisensituationen stehen wir den Gefangenen bei und suchen mit ihnen nach Wegen zur Aussöhnung mit sich, den Mitmenschen und mit Gott. Wir sind überzeugt: Glaube, Hoffnung und Liebe können auch und gerade in einer so massiv eingeschränkten Lebenssituation und dem geschlossenen Umfeld der Gefangenschaft innere Freiheit und neue Perspektiven schenken“, so beschreibt der Arbeitskreis seine Aufgaben.
Engelbert Renner, JVA Darmstadt | Martin Schmitt, Arbeitskreis JVA






